Folge 34 vom 20.08.1955
Seite 1 Auf einem Bahnhof in Berlin. Foto
Das ist ein ostpreußisches Mädchen, die vierjährige Gisela Maletzki. Wie sie dazu kommt, zwischen den Gleisen einer Bahnhofshalle in Berlin blühendes Unkraut zu pflücken, und was die Familie ihrer Mutter und ihrer Großeltern an der Sektorengrenze in Berlin erlebt haben und wie tapfer sie sich hier halten, davon erzählt ein Bericht in dieser Folge.
Seite 3 Vor zehn Jahren. Der Tod in Königsberg 1945 – 1947. Von Herbert G. Marzian
In den Ruinen der schwer zerstörten Stadt Königsberg hauste nach der Besetzung durch sowjetische Truppen das Elend. Verzweifelt suchten die Reste der deutschen Bevölkerung, welche die Pregelstadt nicht verlassen hatten, ihr Leben zu fristen. Schon hatten Hunger und Krankheiten in den Sommermonaten Tausenden den Tod gebracht. Mit dem Kommen des Herbstes stieg die Kurve der Krankheiten steil an. Da kein Heizmaterial vorhanden war, mussten Kälte und Schnee des Winters unter den entkräfteten und entmutigten Überlebenden neue Opfer fordern.
Erst im Mai 1945 war mit der Verteilung von Brot begonnen worden. Jedoch wurde die Ausgabe nur unregelmäßig vorgenommen, und auch nur an arbeitsfähige Erwachsene. Die Menge betrug 400 Gramm und die Beschaffenheit war sehr wasserhaltig. Die Alten und Kinder und Arbeitsunfähigen lebten von Roggenkörnern und Gräsern. Der heiße Sommer brachte eine große Fliegenplage, auch Mäuse und Ratten traten in Mengen auf. Die Wasserversorgung war mangelhaft, nur einige Brunnen standen zur Verfügung, von denen die meisten verunreinigt waren. Die Kanalisation war zerstört. Die Lichtversorgung kam erst 1946 in Teilbezirken in Gang.
Von den etwa 110 000 Menschen, welche den Fall der Stadt überlebt hatten, waren bis zum Juni 1945 20 000 bis 25 000 an Entkräftung. Krankheit, Totschlag und Mord gestorben. In jedem Monat starben weitere 12 000 Menschen. Aus Berechnungen, welche der Königsberger Professor Dr. Starlinger, der zu dieser Zeit Leiter der Seuchenkrankenhäuser war, anstellte, betrug die Bevölkerungszahl im Oktober 1945 nur noch 55 000 bis 60 000. Bis zum März 1947 sank sie bis auf höchstens 25 000 Menschen ab. Dieser Rest wurde dann im Spätherbst 1947 und im Frühjahr 1948 nach Mittel- und Westdeutschland abtransportiert.
Im September 1945 erreichte die Typhusepidemie ihren Höhepunkt; allein die Einlieferungszahl an Schwererkrankten in die Seuchenkrankenhäuser betrug 1500, bei einer einmaligen Tagesspitze von 89. Die Epidemie hatte in der zweiten Maihälfte begonnen, um dann im Juni steil anzusteigen. Nach ihrem Höhepunkt im September sank sie wieder ab, verlosch aber im Winter 1945/1946 nicht völlig und stieg im Frühjahr und Sommer 1946 wieder an, jedoch nicht so heftig wie im Vorjahr. Bis zum Ende der Epidemie im Spätsommer 1946 hatte die Zahl der eingewiesenen Typhuskranken fast 8000 betragen. Eine Fleckfieberwelle, welche im Herbst 1945 auftrat, dauerte bis zum April 1946 und erforderte 1200 Einweisungen, Scharlach, Diphterie und Darmerkrankungen hatten sich in mäßigen Grenzen gehalten. Doch brach im Spätsommer 1946 eine Malariawelle über Königsberg und ganz Nordostpreußen herein, nachdem im Sommer 1945 schon vereinzelte Fälle aufgetreten waren. Bis Oktober 1946 nahmen die Seuchenkrankenhäuser 6000 Malariakranke auf, jedoch handelte es sich dabei nur um die schwersten Fälle. Insgesamt gingen durch die DSK (Deutschen Seuchenkrankenhäuser) in Königsberg vom April 1945 bis März 1947 13 200 deutsche Kranke.
Die deutschen Seuchenkrankenhäuser, in denen die ärztliche Betreuung der kranken durchgeführt wurde, befanden sich in dem früheren Garnisonslazarett York und in dem früheren St.-Elisabeth-Krankenhaus. Ihre Einrichtung war erfolgt, nachdem sich ein erstes deutsches Krankenhaus, das auf Anordnung der sowjetischen Besatzungsmacht in der früheren Universitäts-Nervenklinik Ende April 1945 eröffnet worden war, angesichts der um sich greifenden Epidemien als zu klein erwies. Unter der Leitung von Prof. Dr. Starlinger arbeiteten eine Reihe von Ärzten, dazu ein Stamm von Schwestern und von diesem ausgebildeten Hilfspersonal mit allen Kräften an der Eindämmung der Krankheitswellen. Die Einrichtung der Krankenhäuser war zum größten Teil zerstört, Bergekommandos durchstreiften die zerstörten Stadtteile, um noch brauchbare Gegenstände für die Krankenhäuser heranzuschaffen. Bis zum Herbst 1945 konnte der Höchststand einer Bettenzahl von 2000 erreicht werden. Medikamente waren in gewissen mengen vorhanden.
Aus dem ausführlichen Bericht, welchen Prof. Dr. Starlinger nach seiner Entlassung aus sowjetischer Gefangenschaft im Juni 1954 vor der Ostpreußischen Arztfamilie erstattete (gedruckt in: Grenzen der Sowjetmacht. Von Prof. Dr. Starlinger, Würzburg 1954), geht hervor, dass die Sterblichkeit insgesamt 20 Prozent der Einlieferungen betrug (Gesamtaufnahme: 13 200, Todesfälle: 2700). Bei den einzelnen Erkrankungen beliefen sich die Prozentsätze auf: 85 Prozent bei Lepra, 36 Prozent bei fieberhafter Hämocolitis, 24 Prozent bei Typhus, 25 Prozent bei Fleckfieber, 0,6 Prozent bei Dipfterie. Bei chronischer Dystrofie und Tuberkulose betrug die Sterblichkeit 12,5 Prozent. So niederdrückend diese Zahlen sind, stellt Prof. Starlinger fest, so lassen sie doch, im Ganzen gesehen, die Arbeit der Seuchenkrankenhäuser als erfolgreich erscheinen. Insbesondere auch deshalb, weil die Königsberger Bevölkerung die Krankheitswellen über sich ergehen lassen musste, ohne vorher durch Schutzimpfungen vorbereitet zu sein. Bei einem Vergleich der Sterblichkeit in diesen Krankenhäusern mit der allgemeinen Sterblichkeit der Gesamtbevölkerung (20 Prozent zu 75 Prozent) ergibt sich, dass die erstere weniger als 4 Prozent der letzteren betrug, dass also Gewalt, Hunger, Kälte und Erschöpfung um ein Vielfaches mörderischer waren als alle Seuchen zusammen.
Pastor Hugo Linck, de in einem der Krankenhäuser von einer schweren Krankheit geheilt werden konnte, schreibt in seinem bekannten Buch, Königsberg 1945 bis 1948 (erschienen im Verlag Gerhard Rautenberg in Leer, Ostfriesland): Hier war etwas von Christlichkeit zu spüren.
Seite 4 Rußlandheimkehrer berichten. Erleichterungen für die Gefangenen. Noch Tausende in Lagern.
36 Gefangene sind jetzt aus der Sowjetunion im Lager Friedland eingetroffen. Sie berichteten, die Behandlung der Kriegsgefangenen in der Sowjetunion habe sich in den letzten Monaten in Bezug auf Verpflegung, Bekleidung, Unterkunft und Umgangsformen erheblich gebessert.
Die Heimkehrer kamen aus den Entlassungslagern Potma und Bykowo. Sie teilten ferner mit, dass sich bei ihrer Abfahrt in Potma noch 18 Deutsche aufhielten, mit deren Eintreffen in der Bundesrepublik in etwa drei bis sechs Wochen gerechnet werden könne. In den sieben Lagern, aus denen sie nach Potma zusammengezogen worden seien, befänden sich noch etwa 7000 bis 8000 Reichsdeutsche. Viele von ihnen seien deprimiert, weil sie nicht entlassen werden, obwohl sie ihre Strafzeit abgebüßt haben.
Eine frühere Ordonnanz aus dem Generals- und Stabsoffizierslager Woykowo in der Nähe von Moskau berichtete, dass sich dort noch 160 bis 170 deutsche Generale und Stabsoffiziere befänden, denen es, besonders durch Paketsendungen aus der Heimat, verhältnismäßig gut gehe. In dem Lager lebe auch noch der frühere Olympiasieger im Pistolenschießen, General Heinz Hax, bei Kriegsende Kommandeur der 8. Panzerdivision.
Unter den Heimkehrern befand sich der frühere Legationsrat im Auswärtigen Amt, Dr. Franz Beer, der zuletzt in der Strafanstalt Alexandrowskije inhaftiert war. Er berichtete, in dieser Anstalt hätten sich zahlreiche Ausländer, aber nur wenige Deutsche befunden.
Der Marsch auf Goa, die gewaltlose Demonstration, mit der am indischen Unabhängigkeitssitzungen in die junge Republik Indien gefordert wurde, kostete nach einem Bericht der indischen Nachrichtenagentur, Press Trust of India, zwanzig Menschen das Leben. Etwa vierzig Satyagrahis, gewaltlose Demonstranten nach dem Vorbild Gandhis, wurden verwundet. Über hundert Demonstranten wurden zu Prügelstrafen verurteilt.
Seite 6 Herrenlose Sparkassenbücher
Zahlreiche Anfragen bei unserer Geschäftsstelle über in Verlust geratene Sparkassen- und Bankunterlagen veranlassen uns, bekanntzugeben, dass das Bundesausgleichsamt, zu dem bereits unter dem Oktober 1953 zusammengestellten Verzeichnis der als herrenlos gemeldeten Kassen- und Kontounterlagen, nun einen ersten Nachtrag, die ihre Konten verloren haben, diese Verzeichnisse, die bei allen Kreis- und Stadtausgleichsämtern, bei Banken und Kreissparkassen vorhanden sind, einzusehen.
Zur Ermittlung von Erben bitten wir unsere Landsleute, sich bei unserer Geschäftsstelle zu melden, wenn ihnen etwas über den Verbleib der nachstehend aufgeführten Personen, deren Kontenunterlagen gerettet sind, bekannt ist.
Wir suchen:
Arnold Lange, aus Seerappen
Friedrich Brieskorn, Kiauten
Gefreiter Karl Bonk, Neukuhren
Karl Fritz Langecker, Neukuhren
Siegmar Langecker, Neukuhren
Margarethe Schmidtke, Palmnicken
Heinz Hamann, Wargen
Aus Pillau:
Georg Schröder; Liesbeth Brama; Richard Brama; Wilhelm Baumgardt; Gertrud Fligge; Franz Januschewski; Alfred Klebon; Reinhold Möhrke; Otto Schipper
Aus Cranz:
Paula und Marie Rückert, sowie deren testamentarische Erbin Johanne Deutsch, aus Gr.-Kemlack bei Rastenburg. Für diese, liegt bei der Geschäftsstelle eine Grundbucheintragung und ein Testament vor.
Seite 6 Bekanntmachungen
Aufgebot
Der Otto Fischer in Oldendorf, Göhrde, Kreis Lüneburg, hat beantragt, seine Ehefrau, die verschollene Elise Fischer, geborene Wohlgefahrt, geb. am 09.11.1906 in Claussitten, zuletzt wohnhaft in Streidtberg, Kreis Samland, Ostpreußen, für tot zu erklären.
Die bezeichnete Verschollene wird aufgefordert, sich bis zum 21. September 1955 bei dem hiesigen Gericht, Zimmer Nr. 16, zu melden, widrigenfalls die Todeserklärung erfolgen kann. An alle, die Auskunft über Leben oder Tod der Verschollenen geben können, ergeht die Aufforderung dem Gericht bis zu dem angegebenen Zeitpunkt Anzeige zu machen.
Bleckede, Elbe, 21.07.1955 Amtsgericht 2 II 41/55
4 II 10/55
Aufgebot. Frau Auguste Philipp, geb. Sczepan. Hbg.-Bergedorf, Soltaustraße 20, hat beantragt, ihren Bruder, den Landwirt Gustav Sczepan, geb. am 16.07.1885 in Miodonsken, Kreis Lötzen, zuletzt in Rhein, Lötzen wohnhaft gewesen, für tot zu erklären. Der Vermisste wird aufgefordert, sich bis zum 30.09.1955 vor dem unterzeichneten Gericht zu melden, widrigenfalls er für tot erklärt werden kann. Alle Personen, die Auskunft über Leben und Tod des Verschollenen geben können, werden aufgefordert dem Amtsgericht spätestens bis zum 30.09.1955 Miteilung zu machen.
Hamburg-Bergedorf, den 10.08.1955 Das Amtsgericht, Abt. 4
Seite 7 Schicksal ohne Erbarmen. Die Tragödie einer ostpreußischen Familie. Mutter und zwei Kinder mussten nacheinander in wenigen Minuten sterben.
In Kaltenkirchen, fünfunddreißig Kilometer von Hamburg entfernt, ereignete sich vor wenigen Tagen ein entsetzliches Unglück, dem drei Menschen einer ostpreußischen Familie zum Opfer fielen, die achtundvierzigjährige Frau Irmgard Klenschewski, die achtzehnjährige Tochter und der achtjährige Sohn. Weil ein Schwein in die Jauchegrube gefallen war, stieg Frau Klenschewski an einer Leiter hinab und wurde bei dem Bemühen, das Tier wieder herauszuziehen, innerhalb weniger Minuten von den Faulgasen, die sich in jeder Jauchegrube bilden, betäubt und erstickt. Der Tochter, die ihr zu Hilfe kommen wollte, erging es ebenso, das gleiche Schicksal ereilte den achtjährigen Jungen. Alle drei konnten nur noch tot geborgen werden.
Erschüttert stand der Mann und Vater der Kinder, Friedrich Klenschewski, nachdem man ihn von einem Bauernhof, wo er bei der Ernte half, herbeigerufen hatte, vor der Leiche seiner Frau. Tochter und Sohn waren eilends ins Krankenhaus gebracht worden, doch konnte auch bei ihnen nur der Tod festgestellt werden.
Mit Windeseile war die Kunde von der Familientragödie unserer Landsleute bekannt geworden. Wir fuhren zu der Unglücksstätte hinaus. Es war der letzte Sonntag. Ein herrlicher Sommertag lag über der weiten, holsteinischen Landschaft und über dem ort. Ein Sandweg führte vom Bahnhof zu der kleinen Siedlung hinaus. Auf der linken Seite des Weges reihte sich dann Haus an Haus. Die kleinen, gepflegten Vorgärten quollen über von Blüten. Rechts vom Weg dehnten sich die Felder, und Leute waren dabei, Korn auf die Erntewagen zu laden, ein Bild ganz wie in der Heimat.
Ein kleines Mädchen, das am Wegrand spielte, in hellem Sommerkleidchen, zeigte uns das Tor, durch das wir eintreten mussten. In Duft von Blumen und reifem Korn stand das Haus, das sich die Klenschewskis mit eigenen Händen erbaut hatten.
Die Eingangstür, vom kleinen Hof her zu durchschreiten, stand offen. Klenschewski und seine vier noch lebenden Kinder saßen um den Radioapparat und hörten die Sonntagspredigt. Die Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, sind zwischen sechzehn und zehn Jahren; sie stehen nun mutterlos dem harten Leben gegenüber. Still setzten wir uns dazu. Ihre Augen quollen über von Tränen, da der Pfarrer, ahnungslos, wie stark seine Worte hier wirkten, von den seltsamen Wegen sprach, die Gott seine Menschen führt.
Die Mitte des kleinen Raumes füllte ein großer Tisch. Dahinter, rechts in der Ecke, ein Schrank, den man noch aus der Heimat mitgebracht hatte. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, dass er aus einer ostpreußischen Stube stammte. Ebenso das große Spruchbild an der Wand, das den ganzen Raum zu beherrschen schien. In silberfarbenen Buchstaben auf schwarzem Grund stand das Wort aus der Bibel, das diese Menschen, so fühlte man, durch ihr bisheriges Leben geleitet hatte.
Seid fröhlich in Hoffnung,
geduldig in Trübsal,
haltet an am Gebet!
Jetzt haben wir viel Zeit.
Der letzte Ton des Chorals war verklungen. Eine tiefe Stille war eingetreten. Einen Augenblick verharrte der Mann in der Ecke noch schweigend, die Hand über die Augen gelegt. Dann erhob er sich in seiner ganzen Größe und reichte uns die Hand. Wir versuchten, ihm ein paar Worte der Teilnahme zu sagen, aber er winkte ab. Er schien vollständig gefasst. Die Worte der Predigt, die man soeben gehört hatte, wären ihm ein großer Trost gewesen und hätten ihn wieder stark gemacht, sagte er. Gestern sei ihm alles noch furchtbar und unbegreiflich erschienen. Und er lud uns ein, bei ihm Platz zu nehmen.
Wir sind gelaufen und gelaufen; jetzt haben wir viel Zeit!
Was sie alles getan und geschafft hätte, berichtete er, wie sie die ganze Familie, in Ostpreußen, im Kreis Lyck, zurückgeblieben waren, wie er zuerst bei den Russen arbeiten musste und dann bei den Polen, bis sie 1946 so viel Geld beisammen hatten, dass sie nach Stettin fahren konnten und dann von dort nach dem Westen kamen, wie sie hier gespart hätten, und manchmal gehungert, Stein auf Stein gelegt, bis das Haus stand, bis der Garten blühte, bis man das Schwein im Stall hatte. So viele Wege sei man gegangen, und nun, seine Hand machte eine Gebärde, die andeuten wollte: Nun ist alles sinnlos geworden!
Als wir später mit den Nachbarn sprachen, wussten sie uns viel davon zu erzählen, mit welchem besonderen und nie nachlassendem Fleiß gerade diese Familie versucht hatte, ihr Leben neu aufzubauen und den Kindern eine Zukunft zu schaffen.
Die Erdbeeren sollten gepflanzt werden
So ist es geschehen: Der Tag hatte wundervoll angefangen. Am Vortag hatte es geregnet und war kühl gewesen. Nun, als man die Tür öffnete, strömte Glanz, Licht und Wärme herein. Was für ein schöner Morgen! Hatte Frau Klenschewski gesagt. Wisst ihr was, ich will heute mal die Erdbeeren einpflanzen! Edith, die achtzehnjährige Tochter, sollte ihr behilflich sein. Siegfried spielte mit seinem Freund Wolfgang aus der Nachbarschaft zwischen Straße, Hof und Garten. Es ist ja alles so winzig, und es liegt alles so nahe beieinander.
In einem kleinen Schuppen war die Jauchegrube angelegt, etwa ein Meter zu einsfünzig im Geviert, und ein Meter siebzig hoch; die Grube war um etwas mehr als ein Drittel mit Flüssigkeit gefüllt.
Um die Erdbeeren gleich zu düngen, schöpfte Frau Klenschewski ein paar Eimer Jauche heraus; den Deckel ließ sie offen, da sie meinte, sie würde noch etwas brauchen.
Und weil es ein so schöner Tag war, sollte auch das Schwein, etwa ein Zentner schwer, seine Freude haben und ein wenig draußen herumlaufen, was es auch ganz lustig tat. Und dabei passierte es, dass das Tier in die Grube fiel.
Nun lass es uns man bloß schnell herausholen, sagte Frau Klenschewski zu Edith, holte eine Leiter und Stricke, stieg hinab und wollte das Tier anseilen.
Da kam von unten ihr fast schon erstickter Schrei: Edith, hilf!
Das Mädchen war schon da. Die Mutter war von der Leiter hinabgestürzt. Edith stieg ihr nach, beugte sich, um die Hand der Mutter zu ergreifen, da wurde es auch um sie schon dunkel, und sie fiel hinein.
Dem achtjährigen Siegfried war es beim Spiel seltsam vorgekommen. Er hörte die Stimmen, aber Mutter und Schwester waren plötzlich nicht mehr da. Im Suchen kam er zur Grube und sah die beiden da liegen. Schnell eilten die Jungen zu den Nachbarn und riefen um Hilfe. Die alten Leute kamen, so schnell sie konnten, aber Siegfried rannte voraus. Vielleicht kann ich ihnen helfen! Rief er Wolfgang zu. Er neigte sich über die Grube und rief: Mutti, Mutti! Von Angst getrieben stieg auch er hinab, und es erging ihm wie Mutter und Schwester. Die fruchtbar giftigen und schnell tödlich wirkenden Faulgase nahmen auch ihm in Sekundenschnelle das Bewusstsein und ließen das Herz still stehen, ehe die Leute, die nun auch herbeigekommen waren, es hindern konnten.
Das tödliche Faulgas
Mit schreckgeweiteten Augen schauten die Nachbarn in die Todesgrube, als säße der Tod selbst sichtbar darin und hätte ein Opfer nach dem anderen hinabgerissen. Aber die Lähmung wich sehr schnell von ihnen. Kaum fünf Minuten waren vergangen, als schon ein anderer Nachbar herbeikam und Versuche zur Rettung machte. Edith war mit ihrem Fuß so an der Leitersprosse hängengeblieben, dass man sie mit der Leiter herausziehen konnte.
Inzwischen waren auch Polizei und Feuerwehr eingetroffen. Der aus Allenstein gebürtige junge Polizei-Hauptwachtmeister Korowitzki ließ sich anseilen und stieg unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßnahmen in die Grube, um Siegfried und Frau Klenschewski zu bergen. Wenn er sich nach unten neigen musste, hielt er möglichst den Atem an, richtete sich dann eilig wieder auf, um Luft zu schöpfen.
Faulgas ist Schwefelwasserstoff. Er entsteht bei der Gärung von Jauche und ist darum auch in jeder Klärgrube in mehr oder minder konzentrierter Form vorhanden. Es gibt landwirtschaftliche Betriebe, die dieses Gas zum Kochen verwenden und eine entsprechende Einrichtung besitzen. Auf den Menschen wirkt es tödlich.
So waren auch die drei Verunglückten nicht etwa ertrunken. Weil sie von der Gefahr nichts ahnten, haben sie wahrscheinlich beim Neigen des Körpers unwillkürlich tief eingeatmet und die Lungen mit dem tödlichen Gas in einer Weise gefüllt, dass der Tod sofort eintreten musste. Darum blieben auch alle Wiederbelebungsversuche, selbst unter Anwendung von Sauerstoffgeräten, erfolglos; das Herz hatte schon zu schlagen aufgehört, ehe man mit den Hilfeleistungen begann.
Hauptwachtmeister Korowitzki machte nachher die Entdeckung, dass sein goldener Ehering schwarz angelaufen war, dasselbe war mit den Geldmünzen geschehen, die er in der Tasche trug. Trotz aller Vorsicht hatte auch er unter der Einwirkung der Gase so viel gelitten, dass er den ganzen folgenden Tag von furchtbaren Kopfschmerzen geplagt wurde. Sonst, meinte er hätte er wohl keinen Schaden genommen.
Das kleine Schwein, das den Anlass zu dieser tödlichen Kette gab, fand man auf dem Boden der Grube, als die Feuerwehr sie leer pumpte.
Warum musste das geschehen?
Der Familienvater, der Achtundfünfzigjährige, stand zuerst fassungslos vor dem ort des Unglücks und starrte in die leere Grube, als könne er dort Antwort finden. Jedem, der sich ihm näherte, stellte er immer wieder die gleiche Frage: Warum musste das geschehen? Jeder konnte sich nur still und erschüttert wieder abwenden, weil niemand Antwort wusste.
Erst am Sonntag, als er im Gebet Kraft gesucht hatte, glaubte er selbst die Antwort zu wissen. Es sei ihm so wie einstmals Hiob ergangen, meinte er. Aber sein Vertrauen zu Gott könne es nicht erschüttern.
Und die vier Kinder, die ihm noch verblieben sind, schauten mit verweinten Augen, aber vertrauensvoll zum Vater auf.