Seite 8 Eine ermländische Russland-Heimkehrerin schreibt:
„Auf Einladung der Caritas bin ich nach Hardehausen gefahren. Ich muss sagen, so ein schönes Weihnachtsfest habe ich wo ich von Hause weg bin, noch nicht erlebt. Nicht gerade wegen der vielen Geschenke, die ich natürlich auch sehr gut gebrauchen kann und über die ich mich sehr gefreut habe, sondern mir haben es am meisten die Feierlichkeiten in der Kapelle und die Predigten und Vorträge angetan. Man konnte das alles so in Ruhe miterleben. Wo ich jetzt am Arbeiten bin. komme ich nicht dazu, so etwas mitzumachen. Wir haben vieles gehört, was wir durch die Gefangenschaft vergessen haben. Ich habe mich richtig wohlgefühlt, wenn es auch einige Stunden gab, wo es mir auch schwer ums Herz war, weil ich an frühere Zeiten dachte. Vielleicht verstehen Sie mich. Es war das erste Weihnachtsfest, da mein lieber Vater nicht mehr am Leben ist. Aber man hatte wirklich wenig Zelt, um trüben Gedanken nachzuhängen. Dafür haben all die lieben Menschen in Hardehausen gesorgt. Die Liebe und Güte dort hat uns allen wohlgetan. Ja, das Christkind hat uns in jeder Weise reich beschenkt, Denn es war auch eine richtige Erholung da draußen in der frischen Luft, die ich auch schon so nötig hatte. Ich habe wirklich all die schönen Tage meine Sorgen vergessen.“
(Aus einem Brief von Frl. Maria Kucklick.)
Seite 9 Als die Jolkemitter Lommen Steine zangten
Das Frische Haff war die Heimat der Tolkemitter Lommen, die auf den kleinen Bootswerften des westpreußischen Städtchens am Haffufer in alt überlieferter Bauweise ihre solide Form erhielten. Der Lommenbau war von alters her ein eingesessener Gewerbezweig in Tolkemitt, dessen Ursprung noch in der Ordenszeit liegen soll. Jedenfalls haben die Lommen durch Jahrhunderte ihre Bauform und Takelung bis in die neueste Zeit beibehalten und es verdient, als Merkwürdigkeit festgehalten zu werden, dass diese schweren Segelkähne in ihrer Takelung genau mit den Küstenfischerbooten von Island übereinstimmen, eine Parallele, die bisher keine Erklärung gefunden hat.
Als die charakteristischen Fahrzeuge des Frischen Haffs beherrschten die Lommen als ein Ein- und Zweimaster das Haff und die vielen Wasserläufe des Weichsel-Nogat-Deltas. Sie waren keine Fischerkähne, sondern Frachtschiffe. Breit, bauchig, mit schweren Spanten und von geringem Tiefgang beförderten die Tolkemitter Lommen die Backsteine von den Ziegeleien am steilen Lehmufer zwischen Braunsberg und Cadinen. Holzlasten aus den Wäldern ragten über das Deck und wurden weit in die Kornkammer der
Weichselniederung geschafft, wo auf dem Rückweg Getreide geladen wurde, das nach Danzig, Königsberg und Elbing in die Silos gebracht wurde.
Die Schiffer von Tolkemitt galten als verwegene Burschen, die ihre flach gehenden Boote kühn beherrschten und durch das Pillauer Tief weit auf die See hinaus führten. Man sah die Lommen an der Küste des Sam-landes in Sichtweite von Cranz oder Rauschen die großen erratischen Steinblöcke vom seichten Seegrunde herauf „zangen", eine schwere und nicht ungefährliche Arbeit, zu der sich diese Fahrzeuge wie keine anderen eigneten. Für die Badegäste war ein solches „Steinzangen" der Tolkemitter Schiffer jedes mal ein vielbestauntes Ereignis. Wenn aber inmitten ihrer harten Arbeit die Lommen eilig ihre Segel setzten und die schützenden Häfen von Pillau oder Neukuhren zu erreichen suchten, konnte man sicher sein, dass bald Sturm aufkam, vor dem die Lommen auf der Hut sein mussten, wollten sie nicht auf die steinige, flache Küste aufgetrieben werden. - Und sie verstanden zu segeln „wi de Düwel", die dickbauchigen, schweren Lommen und bewiesen Eigenschaften und Geschwindigkeiten, die man den behäbigen Booten auf den ersten Blick nicht zutraute.
Seite 9 Michel Posingis, verstorben
Seitdem wir von der Vogelwarte Rossitten 1929 die Windenburger Ecke „entdeckt" hatten - nämlich für die Vogelforschung -, hat dieser Platz eine von Jahr zu Jahr wachsende Bedeutung erlangt. Das verdanken wir nicht nur den wundervollen Möglichkeiten für Massenbeobachtung und Massenfang in diesem „Sackbahnhof" des herbstlichen Vogelzugs an der Ostseite des Kurischen Haffs, sondern auch dem Umstand, dass hier der richtige Mann am richtigen Platz saß.
Michel Posingis, geboren am, 26. April 1887 in Wowerischken im Memelland, war nach Ausbildungsjahren (als Zimmermann) in Tilsit und Greifswald 1924 dorthin als Leuchtfeuerwärter versetzt worden und widmete sich mit Eifer und Geschick dem Aufbau der Fanganlagen der Vogelwarte an dieser Außenstation und dem Fang der Vögel zu Beringungszwecken. Erstaunlich, wie zart der starke, scheinbar grobhändige Mann mit den kleinen Geschöpfen umzugehen wusste und wie er mit überdurchschnittlichem Geschick sich der ihm gestellten Aufsahen annahm Wir haben ihm zur rechten Zeit jeweils auch Mithelfer schicken können, denn obwohl im Notfall auch Frau und Kinder zur Hand waren, so konnte an wirklich guten Tagen ein einzelner diese Fänge nicht bewältigen. Er stellte sich auch in den Dienst besonderer Orientierungsversuche (Versuche über den Zug des Stars durch Versendungen von der Windenburger Ecke nach Breslau und Dresden 1934).
Vielleicht gibt es unter uns niemand, der eine solche Zahl lebender Vögel gefangen und freigelassen hat wie Posingis mit seinem jeweiligen Helferstab: Ein Überschlag lässt schließen, dass diese Zahl seit 1929 den Betrag von 80 000 überschritten hat; allein 1935 waren es über 15 000. Kein Wunder, dass eine entsprechend große Zahl wichtiger Rückmeldungen erzielt wurde, ein kleiner Anteil übrigens auch mit Ringen Kaunas, dem Posingis bis 1938 als Leuchtfeuerwärter unmittelbar unterstellt war; die weitaus meisten aber mit Rossittenringen. wie wir aus Friedrich Tischlers großem Lebenswerk „Die Vögel der Provinz Ostpreußen und seiner Nachbargebiete (1941)“. aus den Veröffentlichungen der Vogelwarte und aus einigen eigenen Arbeiten entnehmen können.
Zahlreiche Ornithologen aus Deutschland haben nicht versäumt, von Rossitten aus das Haff zu überqueren und diesen seltsamen Platz und diesen seltsamen Mann kennenzulernen - um stets reich an tiefen Eindrücken zurückzukehren, wozu die Persönlichkeit des nunmehr Entschlafenen das ihre beitrug. Er wurde von der Albertus-Universität in Königsberg als würdig zur Aufnahme in den Preußischen Forschungskreis befunden. - Auch ihm blieben die Tage großer Not nicht erspart. Er musste fliehen, im Herzen die Sorge um den einzigen Sohn, von dem er nie mehr Kunde erhalten sollte, und kam mit Frau und Tochter in das dänische Lager Oxböl. Dort war ihm seine Zimmermannskunst nützlich und er leitete die Werkstatt im Scheibenhof. Es gelang uns, ihn 1947 an den neuen Dienstsitz der Vogelwarte zu bringen und als technische Kraft für Tischler- und Zimmermannsarbeiten einzusetzen. Die Vogelwarte hatte solche Hilfe zur Neueinrichtung in Schloss Möggingen dringend nötig.
Nun, in dem Monat, da sich die Gründung der Vogelwarte zum fünfzigsten Male jährt, ist unser langjähriger und erfolgreicher Mitarbeiter, 5 Tage nach seinem ersten Schlaganfall, am 11. Januar 1951 entschlummert. Wir betteten ihn drei Tage später an einem sonnigen Wintertag in dem kleinen Bergfriedhof des Dorfes Möggingen, angesichts der Hegauberge und der Alpen, eine Stunde vom Bodensee. Die Gruft war nach ostpreußischer Sitte mit Fichtengrün ausgeschlagen, und während Turmfalke und Bussard ihre Kreise zogen. riefen wir Posingis den Dank der Vogelwarte nach.
Dr. S c h ü z, Leiter der Vogelwarte Radolfzell, vormals Vogelwarte Rossitten, der Max-Planck-Gesellschaft.
Seite 10 Und nun die Augen
Nachdem die „Warte" zwei Aufsätze humoristischen medizinischen Inhalts gebracht hatte, will ich nun meine Erfahrungen in der Kunst der Optik sprechen lassen. Dies muss ich mit dem bekannten Motto einleiten:
„Ohne Brill is nuscht to moake un ohne Pinksnee keen Sinndag".
Es liegt aber doch ein tiefer Sinn darin, wenn ein alter müder Mensch, dessen Sehvermögen abnimmt, halb lächelnd seufzt: „Ohne Brill is nuscht to moake", und es ist schön, wenn man dann ein bißchen mitsorgen und helfen kann.
Oft traf ich, in einer leeren Zigarrenkiste oder Schublade suchend auf eine „Erbbrille", von der die Besitzer behaupteten, sie müsse passen, weil der selige Großvater sie bis zu seinem Tod benutzt hätte, und der habe auch, so wie die ganze Familie blaue Augen gehabt. Die Scheren dieser alten Brillen waren meist mit einem fettig schafwollenen Schnürchen zusammengebunden, damit sie nicht hinter den Ohrmuscheln fortrutschen sollten. Der alte Quednau, der mit über siebzig Jahren noch die Jährlinge im Fohlenstall fütterte, trug zu diesem Geschäft immer eine Brille auf der Nase. Ich glaube, dass er sich das angewöhnt habe, um die Augen vor Staub zu schützen. Als ich aber bemerkte, dass gar keine Gläser in den Umrandungen waren, fragte ich ihn nach diesem wunderlichen Umstand und erhielt die Antwort: „Die Tochterkinder sagen: Opa, ohne Brill siehst so nackicht aus".
Als ich unsern alten Schäfer fragte, ob mit seinen Augen alles in Ordnung sei, ob er nicht eine neue Brille benötige, meinte er: „Mit de Ooge, dat jeiht je noch - de Ooge sinn so wie se wäre - ower de Brill häft sek verändert".
Der alte Kofske, der sich längst hätte ein Augenglas anschaffen müssen, antwortete verächtlich: „Was soll ich mit son Dings - lesen brauch ich nich. Ich hab man son terretnen Kalender, der is all drei Jahr alt, der stimmt nich mit dem Licht. Wenn ich dem Mondche bekick, der stimmt immer, aber der ol Kalender, der weet von garnuscht".
Nicht nur aus dem Dorf, nein, auch aus den Gutshäusern weiß ich derartige Geschichten zu erzählen. Ein alter Herr, der als Sommerbesuch bei uns war, hatte auf dem Frühstückstisch seinen zusammengeklappten Kneifer im kleinen Lederetui liegen. Treff, unser Hühnerhund, wedelte neben ihm, um eine kleine Gabe bettelnd. Der alte Gast freute sich, dass Treff ein Stück Brot nach dem andern schnappend auffing, und plötzlich hatte er das braune Ledertäschchen mitsamt dem Kneifer verschluckt. Die Verzweiflung des Gastes war groß, aber er musste doch lachen, als sein Gegenüber, der sechsjährige Ferdi, meinte: „Das ist fein, nun kann der Treff sehen, wie es in seinem Bauch aussieht".
Der Sohn unseres Nachbarhauses war eifriger Rennreiter. Da er seine Erfolge gern zum Besten gab, rief er eines Tages stolz in unsere Tafelrunde: „Hürdenrennen geritten - drei mal gestürzt - Monokel nicht verloren".
Aus meiner Mutter Jugendzeit entstammt noch die Erinnerung an den alten Grafen, der, sehr menschenscheu, sich in seinem Hause einschloss, sobald Besuch vorfuhr. Da trabte eines Sonntags eine Schar junger Reiter und Reiterinnen aus allen benachbarten Gutshäusern verabredeter weise vor das alte Herrenhaus, aus dessen Leere die Stimmen mindestens acht großer und kleiner Hunde erschollen. Die Pferdenasen stießen an die niedrigen Fensterscheiben, frohe, lachende Reiteraugen versuchten, durch die Gardinen zu spähen. Richtig - der alte Junggeselle war selbst neugierig. Er schob den Vorhang ein wenig zur Seite und schaute durch sein Monokel gegen die Fensterraute. Das Einglas aber hing an einem dünnen rund gebogenen Zopf von lebendem Haar, das wuchs aus dem silbergrauen Kinn des alten Grafen heraus. - Beim Monokel sowie beim Kneifer fiel mir das herrliche plattdeutsche Gedicht ein, das, von einem unbekannten Königsberger gedichtet, um das Jahr 1885 uns Ostpreußen begeisterte:
Als bi de groote Harwstmanöver
Prinz Albrecht kam so beetke räwer,
to sehne, ob wi't ok verstoahne,
dem Ruß di Bixe voll to schloahne -"
dann klingen mir noch die herrlichen Reime zu:
„Is tweeschläprich de Näseklemm,
denn segge se Pinksnee up em,
will eener man een Oog riskehre,
denn dohnes dat Monokel titulehre".
Wer verhilft mir zur Vervollständigung dieses Gedichtes, das zu unseren sehr seltenen wahrhaft gelungenen plattdeutschen Dichtungen gehört? Das darf nicht vergessen werden.
Erminia v. Olfers-Batocki, aus Tharau/Ostpreußen, zur Zeit Bad Harzburg, Schmiedestr 11
Seite 11 Stellensuche
Ehemaliger Hufenschüler, Horst Makowka (20a) Wunstorf, Melanchthonstraße 12, schwer kriegsbeschädigt, 70%, 34 Jahre, verheiratet, 1 Kind, sucht Arbeit als Spediteur, Kaufmann oder Bürotätigkeit.