Nochmals Sütterlin, Fraktur, Rechtschreibung

Liebe Listenmitglieder,

zu der Frage, warum man noch Fraktur lesen lernen sollte, kann ich nur
sagen, wenn man dies nicht lernt, bleibt einem die gedruckte Literatur bis
zur Mitte des 20. Jahrhundert einschließlich aller Lexika verschlossen. Ich
denke schon, dass dies ein Verlust wäre. Sütterlin und Kurrentschrift ist
sicherlich etwas anderes. Das benötigt man in der Genealogie oder bei der
Lektüre von Briefen aus der eigenen Familie im späten 19. Und zu Anfang des
20. Jahrhunderts. Alle Berufe, die es mit Akten aus dieser Zeit zu tun
haben, benötigen diese Kenntnisse natürlich ebenso. Dass man dies lernen
kann, beweisen die Vielzahl der Familienforscher, von denen wohl die
wenigsten dies in der Schule so gründlich gelernt hatten, dass sie es auch
noch in späteren Jahren konnten.

Bezüglich Lesen und Schreiben muss ich aber doch etwas „Wasser in den Wein“
gießen. Es gab zwar eine Schulpflicht schon teilweise aus dem 18.
Jahrhundert, aber noch im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde ein
Gesetz erlassen, in dem ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass eine
Unterschrift mit drei Kreuzen geleistet werden kann, wenn diese durch einen
anderen Schreibkundigen beglaubigt wird. Und wie das mit den Schreibkünsten
der Frauen aussah, dazu gibt es aus Marburg eine Studie, in der nachgewiesen
wurde, dass der Wortlaut mit einem harten Stift in das Papier eingedrückt
wurde und anschließen mit Tinte nachgeschrieben wurde.

Und schließlich zur Rechtschreibung. Wer Privatbriefe aus dem späten 19. Und
frühen 20. Jahrhundert liest, wird oft feststellen, dass da durchaus eine
sehr „individuelle“ Rechtschreibung benutzt wurde. Dass die Beherrschung der
Rechtschreibung mit Bildung und Intelligenz gleich gesetzt wurde, ist erst
ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Und dass die Beherrschung geringer
geworden ist, hängt auch damit zusammen, dass immer weniger handschriftlich
bzw. mit der Schreibmaschine geschrieben wird. Der Computer beherrscht die
Rechtschreibung für den „Normalfall“ und darauf verlassen sich eben die
meisten. Und schließlich verbindlich geregelt ist die Rechtschreibung nur in
der Schule und im amtlichen Schrifttum. Wie man privat schreibt ist Gott sei
Dank noch nicht geregelt!

Mit freundlichen Grüßen aus Kassel

Helmut (Bernert)