Lieber Matthias (Woyth),
die gewünschte (klare) Antwort auf Deine Frage
Kann man aufgrund dieser Vornamen auf eine Herkunft im Westen schließen?<
Wirst Du wohl nicht erhalten können.
Vornamensgebung (Taufnamen) kann von vielen Faktoren abhängig sein, u.a.
Familientradition und Verwandtschaft, Paten, Zeitgeist und Einstellung zu
Kirche bzw. Staat, Eigenmächtigkeit bzw. Druck des jeweiligen Pfarrers usw.
Deine Vermutung
Also eine Gegend wo diese Vorfahren vielleicht wegen ihrer strengen
Gläubigkeit, was sich ja in den Vornamen wiederspiegelt,
wegziehen mussten.<
dürfte weniger zutreffend sein, da diese christlichen Vornamen gerade in
diesem Fall weiterhin verwendet worden wären. Ich gehe davon aus, daß es
sich um eine evangelische Familie handelt.
Ich vermute eher, daß es sich um äußere Einflüsse bzw. geänderte innere
Einstellung handelt. Der Vorname Friedrich (ebenfalls Wilhelm) wurde meist
im Zusammenhang mit dem preußischen Herrscherhauses (Hohenzollern) vergeben.
So war es in meiner Familie (erstmals Rufname, *1710 im Brandenburgischen,
1701 Königreich Preußen unter Friedrich I.), wurde dann zur
Familientradition als (meist) zweiter Vorname - bis zum heutigen Tag.
Gottfried, Gottlieb und Samuel (seltener, wohl nicht aus kirchlichen
Gründen) wurde bis Ende 18.Jahrhundert verwendet. Außerdem Johann als
vorangestellter (!!) zusätzlicher Vorname für alle Söhne (also auch bei
Geschwistern) in Hinblick auf Johannes den Täufer. In anderen evangelischen
Familien hatte diese Funktion der Vorname Martin (Martin Luther).
Die Vornamen kirchlichen Nikolaus (Klaus, in Norddeutschland Clawes), Peter,
Paul, Abraham, Samuel, Johann (Hans) usw. wurden in evangelischen Familien
meist bereits vor der Reformation verwendet und hatten dann nicht mehr die
ursprüngliche kirchliche Bedeutung bei der Namensvergabe, sondern
entsprachen der Familientradition. Samuel und Abraham kamen dann
offensichtlich "aus der Mode". Nikolaus kann allerdings auch in Verbindung
mit dem Gründer (Graf Zinsendorf) der Herrnhuter Brüdergemeinde stehen.
Die Vornamen Gottlieb, Gottlob, Gottfried, Traugott, Fürchtegott u.ä.
deuteten zwar auf eine betont christliche Familie hin, nicht aber unbedingt
auf eine besonders strenge Gläubigkeit.
"Neue" Vornamen kamen auch durch angeheiratete Familien und Taufpaten in die
Familie (meist als Zweit- oder Drittnamen).
Modeerscheinungen war dann der Vorname Louis (anstatt Ludwig), um 1900
Doppelnamen (mit Bindestrich), dann germanische Namen, dann Adolf und
Hermann, in den 1960ern u.a. Frank (Sinatra) und später dann
unterschiedliche Trends und "Vorbilder". Es fällt mir auf, daß in der
DDR-Zeit offensichtlich gern westlich-ausländische Vornamen in phonetischer
Schreibweise (z.B. Maik) verwendet wurden.
Bemerkenswert ist auch, daß es in früheren Zeiten Geistliche gab, die auch
bei weniger religiösen Familien ein betont kirchliche Schreibweise der
Vornamen durchsetzten und mitunter sogar eigenmächtig diese Schreibweise -
auch gegen den Willen der Eltern - in das Kirchenbuch eintrugen , z.B.
Johannes (anstatt Hans oder Johann), Paulus (anstatt Paul) usw. Es soll auch
Fälle gegeben haben, daß Geistliche eigenmächtig einen weiteren christlichen
Namen beim Eintrag hinzufügten.
Ich denke, daß auch ich hinsichtlich der Familienherkunft anhand der
Verwendung der Vornamen nicht behilflich war und sein kann. Ich schließe
aber nicht aus, daß die Familie früher streng gläubig war und dann der
Traugott NN anders dachte und seinen Sohn Friedrich nannte (als preußischer
Patriot oder wegen der Familien der Ehefrau oder wegen eines Paten oder ..)
Wenn ein Zuzug von auswärts sicher ist, sollte man - falls nicht schon
erfolgt - auch den Beruf berücksichtigen, z.B. Wanderschaft als
Handwerksbursche, Versetzung in staatlicher Stellung, Nachverwendung als
ausgedienter Soldat (so kamen z.B. Schlesier nach ihrer aktiven Militärzeit
als Grenzaufseher, Torwächter usw. in andere preußische Provinzen, und
umgekehrt).
Gruß aus dem Allgäu
Ernst Schroeder - www.kolberg-koerlin.de -