In einer eMail vom 10.10.2005 21:59:23 Westeuropäische Sommerzeit schreibt
Rudolf.Seidel@gmx.de:
kennt jemand die genaue Geschichte der Grenzziehung an der Neiße?
Hallo Rudolf,
die Oder-Neiße-Grenze wurde in der Konferenz von Potsdam, die vom 17. Juli
- 2. August 1945 dauerte, festgelegt. Hauptteilnehmer waren Stalin, Truman
und Churchill. Letzterer wurde noch Ende Juli 1945 von Attlee abgelöst, weil
Attlee die Wahlen in England gewonnen hatte.
Formell wurden die Gebiete östlich von Oder und Neiße zunächst nur unter
polnische Verwaltung gestellt, und die endgültige Regelung einem Friedenvertrag
vorbehalten, aber insgeheim waren sich die Siegermächte wohl einig, daß das
ein Dauerzustand werden würde, für die Polen auch als territorialer Ausgleich
für deren Ostgebiete gedacht, die sich die Russen angeeignet hatten. Die
Ausweisung der Deutschen aus Schlesien und Pommern sollte in geregelter und
humaner Form erfolgen. Aber da sah die Wirklichkeit erheblich anders aus. Was es
da an Schikanen, Ausplünderung und entwürdigender Behandlung gegeben hat,
belastet wohl das Verhältnis vieler Vertriebener zu den Polen noch heute.
Die "DDR" hat natürlich eilfertig bereits 1950 in einem Vertrag mit den P
olen die Oder-Neiße-Grenze als sogenannte "Friedensgrenze" anerkannt.
Die Bundesrepublik hat dann schließlich im Zuge der 2 + 4 -Verhandlungen um
die Wiedervereinigung 1989/1990 diese Grenze ebenfalls anerkannt, womit die
völkerrechtliche Abtrennung Pommerns und Schlesiens von Deutschland endgültig
besiegelt war. Es war halt ein Teil des Preises, den wir für die
Wiedervereinigung zahlen mußten. Immerhin gehört der westlichste Zipfel von Schlesien,
die Niederschlesische Oberlausitz um Görlitz herum,heute wieder zur
Bundesrepublik.
Über Jahrzehnte hat sich hartnäckig das Gerücht gehalten, eigentlich sei als
Grenzfluß die Glatzer Neiße statt der Lausitzer gemeint gewesen. Aber dafür
haben sich meines Wissens keine Belege gefunden. Und wenn man es sich auf der
Karte anschaut (die Lausitzer Neiße mündet nördlich von Guben in die Oder)
ist der Grenzverlauf: Untere Oder bis Guben und dann an der Lausitzer Neiße
weiter der geographisch "geradere" Verlauf.
Ich glaube, da ist in Potsdam einfach ruck-zuck mit ein paar Federstrichen
über das Schicksal von Millionen Menschen entschieden worden. Denn weder für
den jetzigen Grenzverlauf noch für eine Grenzziehung entlang der Glatzer Neiße
hätte es eine ethnologische Begründung gegeben. Das war einfach Rache-Politik
der Sieger. Und man wollte keine ethnischen MInderheiten im Land haben. Das
ist dann auch nicht so lupenrein durchgehalten worden, denn es gibt auch
heute, 60 Jahre nach Kriegsende, noch deutsche Minderheiten, z.B. in Waldenburg,
die meisten davon Witwen von Bergleuten, die man als Fachkräfte bis 1957/1958
festgehalten hatte.
MfG
Werner Hippe (* 1925 in Waldenburg)
_asgardist@aol.com_ (mailto:asgardist@aol.com)