Liebe Listenteilnehmer,
in der letzten Zeit gab es mehrere interessante Anfragen und Beitr�ge zum Thema
"Mundarten in Schlesien", speziell auch "Neiderl�ndisch". Gestatten Sie mir
bitte, auch hierzu aus meinem Buch "Das schlesische Dorf Klein Ellguth
Oel�nischen Creyses", K�ln 2000, S.250 ff. und 257 ff. auszugsweise zu zitieren:
Diejenigen Bauern und G�rtner, welche in Breslau ihr �Kraut' feilboten, wurden
auch �Krautbauern' genannt. Da die Krautbauern aus weitem Umkreis von links und
rechts der oder immer wieder in Breslau zusammentrafen, hatte sich hier in der
Mitte Schlesiens sogar eine eigene Mundart, die sogenannte �Kr�utermundart',
entwickelt. Sie war von Liegnitz bis Oels verbreitet und vereinigte sprachliche
Besonderheiten des Gebirgsschlesischen, das �berwiegend links der Oder, und des
Neiderl�ndischen, das rechts der Oder verbreitet war.
Das Gebirgsschlesische, das im Kreise Oels haupts�chlich noch in F�rsten
Ellguth, Lampersdorf, M�hlatsch�tz, Prietzen, Zantoch, Kraschen, Postelwitz,
Kunzendorf, Weidenbach, Korschlitz, Woitsdorf, Buchwald und Wabnitz vorkam,
unterschied sich vom Gemeinschlesischen vor allem durch die Endungen -a f�r -en
(z.B. menscha f�r Menschen, loofa f�r laufen) und durch die Verkleinerungssilbe
-la f�r -lein (z.B. entla f�r Entlein, tipla f�r T�pfchen).
Dagegen wich das Neiderl�ndische, das im Kreise Oels haupts�chlich noch in Gro�
und Klein Z�llnig, Sadewitz, Schmollen, Katzur, Vielguth und Gro� und Klein
Ellguth gesprochen wurde, st�rker vom Gemeinschlesischen ab. Wichtigstes Merkmal
des Neiderl�ndischen war die Diphthongierung der Vokale i (zu ai oder ee), o (zu
au oder oa) und u (zu au oder oo); so z.B. schneite oder schneete f�r Schnitte,
kaule oder koale f�r Kohle, schtaube oder schtoobe f�r Stube.
Die Klein Ellguther hatten eine derart eigenwillige Aussprache ihrer Mundart
entwickelt, da� sie wegen ihres merkw�rdigen Dialekts sogar von den
benachbarten, zum selben Kirchspiel geh�renden Kritschenern gefoppt wurden.
Dar�ber wei� der aus Klein Ellguth stammende Professor Traugott St�sche
(1859-1926) gar Seltsames zu berichten:
W� toier duos ascho? -
Sechs grascho duos ascho! -
Gots hago, Gots hago,
So toier duos ascho?
"Es ist ein Zwiegespr�ch auf dem Topfmarkte. Der Bauer aus Klein Ellguth fragt,
was ein Milchaschel koste, und erh�lt zur Antwort: Sechs Gr�schel (= 18
Pfennige, das Gr�schel = 3 Pf., 1 Groschen dagegen = 15 Pf. altes Geld, daher 6
Groschen = 75 heutige Pfennige). Der Bauer ruft entsetzt aus: Gotts Hagel, Gotts
Hagel, so teuer das Aschel!
Diesen Spottreim h�rte schon um 1825 mein jetzt [1904] noch lebender, 87 Jahre
alter Vater in Ludwigsdorf bei Oels von einem Pferdejungen aus Kritschen. Beides
sind Nachbard�rfer von Klein Ellguth. Auch in M�dlitz bei Raake mu� er bekannt
gewesen sein, denn meine Schwester h�rte ihn um 1865 von unserer Magd aus
M�dlitz" [Karl Stanzel alias Traugott St�sche, Volkskundliches aus dem Oelser
Kreise, besonders aus Klein Ellguth; in: Mitteilungen der Schlesischen
Gesellschaft f�r Volkskunde (MSGV), Band XII, 1904, Heft 11, S. 79-90].
Derselbe Verfasser hat zu seiner Zeit einige k�stliche Beispiele der sonderbaren
Klein Ellguther Mundart gesammelt, so auch die beiden folgenden Lieder, die gern
bei Hochzeiten gesungen wurden [Traugott St�sche, B�uerliche Hochzeitsbr�uche
im Kirchspiel Klein=Ellguth Kr. Oels um Mitte des vorigen Jahrhunderts; in: MSGV
VIII/15, 1906, S. 96-105].
Eich tanze mit der m�me, Ich tanze mit der Base,
Ai, wuoz wirt der f�ter suon? Ei, was wird der Vetter sagen?
De m�me haut ane bl�me, Die Base hat eine Blume,
Der feter weilse huon, Der Vetter will sie haben,
Unt eich auch, unt eich auch, Und ich auch, und ich auch,
M�ne schirze h�t a lauch. Meine Sch�rze hat ein Loch .
Zum folgenden Lied ist vorweg zu bemerken, da� unter einem �Schnadernikel' ein
nichtsnutziger Mensch verstanden wurde:
Schnuoderniko, schnuoderniko, Schnadernikel, Schnadernikel,
suosz uf der w�de, sa� auf der Weide,
h�t a glimscho, h�t a glimscho, hat ein Messer, hat ein Messer,
w�lde weitn schn�dn, wollte Weiden schneiden,
a s� sich im unt uo, er sah sich um und um,
s' h�te kaine druo, es waren keine dran,
a s� sich im unt uo, er sah sich um und um,
s' h�te kaine druo, es waren keine dran.
In der zweiten H�lfte des neunzehnten Jahrhunderts sprachen zumeist nur noch die
�lteren Klein Ellguther die �berlieferte Mundart in reiner Gestalt. Die j�ngeren
Klein Ellguther haben sie sicherlich gut verstanden; ob und wie gut sie diesen
Dialekt in ihren jungen Jahren noch selbst beherrschten, ist ungekl�rt.
Ausf�hrliche Untersuchungsergebnisse "Zur neiderl�ndisch-schlesischen und
nordschlesischen Mundartenkunde", auch zum Klein Ellguther Dialekt, bietet
Friedrich Graebisch in: MSGV, Band XXX, 1929, S. 267-298. Seine Mundartenproben
sind in phonetischer Schrift wiedergegeben.
Konrad Gusinde, Ueber Mundartengrenzen im Kreise Oels, MSGV, Band VI, 1904, Heft
12, S. 86-88, berichtet �ber merkw�rdig scharfe Mundartenscheiden im Kreis Oels
und bringt Sprachproben (haupts�chlich Lieder) aus Gro� und Klein Z�llnig.
Traugott St�sche gibt in MSGV, Band V, 1902/03, Heft 9, S. 5 f., "Drei
Erz�hlungen aus Klein Ellguth, Kreis Oels, im Dialekt des Dorfes" wieder.
Mit freundlichen Gr��en! Klaus Kunze