Am Morgen des 29. August [- die Einkesselung Samsonows Armee bei
Tannenberg war am Abend zuvor gelungen -] entließ man mich endlich.
Zuvor hatte ich noch meinen Militärpaß, der mir bei der Leibesvisitation
am 26. August in Widminnen abgenommen worden war, vom Adjutanten des
Obersten des Regiments geholt, nachdem ich ihn beim Hauptmann und auf
dem Regimentsbüro, das bereits verlassen war, vergebens gesucht hatte.
Hierbei hatte mir der Unteroffizier Dimitri wiederum Dolmetscherdienste
geleistet. Als mir der Adjutant meinen Paß ausgehändigt hatte, hörte ich,
wie der Oberst zu diesem, auf einer Karte zeigend sagte: "Kruglanken." -
"Kruglinnen?" meinte der Adjutant. "Kruglanken, - lanken, lanken,"
erwiderte der Oberst. Als ich dann den Feldwebel, der mir natürlich auch
bekannt war, durch den Unteroffizier Dimitri fragte, warum denn nach
Kruglanken, nicht nach Arys marschiert würde, meinte er: 'Tam tesz szo
wasi!', d.h. "dort sind auch die Euren!" Da merkte ich, daß den Russen
der Weg in ihr Land verlegt sei und sie nach Norden ausweichen mußten.
Eine frohe Hoffnung stieg in mir auf, der ich seit drei Wochen ohne jede
Zeitungsnachricht war.
Ohne einen russischen Ausweis konnte ich von Widminnen aus schwerlich
nach Hause gelangen. Das war mir klar. Jedenfalls wäre ich bald von
russischem Militär als Spion gefangen genommen worden. Als ich nun so
darüber nachdenkend, wie ich nach Hause gelangen könnte, auf dem
Trottoir dahingehe, begegne ich einem Hauptmann von einer anderen
Kompagnie, der mich vom Biwak bei Kruglinnen her kannte. "Ist der Herr
noch hier?", spricht er mich an. Als ich ihm darauf meine Verlegenheit
klage, ist er so liebenswürdig, geht mit mir in die bereits verlassene
'Kanzlaria' (Regimentsbüro) und stellt mir einen schriftlichen Ausweis
aus, den ich noch zum Andenken aufbewahre. Zum Abschied reicht er mir
die Hand und wünscht mir glückliche Heimreise. Doch sehr anständig. Mit
Hilfe dieses Ausweises gelangte ich gegen Abend zu Hause an. Unterwegs
begegnete ich vielem russischen Militär, das von Lyck nach Widminnen
marschierte. Die Truppen waren sehr müde und nur mit Mühe gelang es den
Offizieren, diese zum Weitermarsch zu bewegen; sie setzten sich immer
wieder in die Chauseegräben zum Ausruhen. Jedenfalls wollten die Russen
von Widminnen aus nach Norden der deutschen Umzingelung entweichen. Ich
wurde von russischen Offizieren und Unteroffizieren vielmals angehalten
und nach dem "Woher" und "Wohin" gefragt; aber nach Vorzeigen des
Ausweises ließ man mich immer ungehindert gehen.
In meinem Heimatdorfe, wo man mich bereits für verloren hielt, wurde ich
von den wenigen zurückgebliebenen Einwohnern mit großem Jubel empfangen.
Durch Czarnen marschierten nun noch immer Russen, bald nach dieser, bald
nach jener Richtung. Sie raubten besonders Nahrungsmittel, taten den
Bewohnern aber nichts, zündeten auch keine Häuser an.
Als hier bekannt wurde, daß der Kaiser den Generaloberst v. Hindenburg,
der seit drei Jahren im Ruhestande in Hannover lebte, zum Führer einer
Armee in Ostpreußen ernannt hatte, verhielt sich die Bevölkerung
abwartend, da niemand von diesem General etwas gehört hatte. Wohl keiner
hat gewußt, daß er schon früher als Taktiklehrer an der Kriegsakademie
sich mit den Masurischen Seen strategisch beschäftigt hatte.
Als dann am 29. August 1914 die Extrablätter die amtliche Meldung
brachten, daß die vom Narew vorgegangene russische Armee in der Stärke
von fünf Armeekorps und drei Kavalleriedivisionen in der dreitägigen
Schlacht bei Tannenberg vollständig geschlagen war, über 60.000 Russen
gefangen und die Reste des Russenheeres, von unseren tapferen Truppen
verfolgt, über die Grenze geflohen waren, da war des Jubelns kein Ende,
und hoch gingen die Wogen der Begeisterung.
Am 9. und 10. September 1914 erschienen hier die ersten deutschen
Patrouillen, von uns 11 zurückgebliebenen Einwohnern mit großer Freude
begrüßt. In der Zeit vom 11. bis 13. September fanden sich allmählich
die geflüchteten Einwohner von Cz. wieder ein. In aller Eile wurden nun
die Wintersaaten bestellt und die Kartoffelernte, die mittelmäßig
ausfiel, geborgen.
Wir Einwohner von Czarnen und Umgegend waren nun der Zuversicht, für
immer von den russischen Horden befreit zu sein. Doch sollten wir uns
getäuscht haben; es gelüstete sie immer noch, "nach Berlin zu
marschieren". Anfang November waren sie wieder in großer Übermacht im
Anzuge. Mit Schrecken vernahmen wir besonders aus der Gegend von Lyck
heftigen Kanonendonner. Wir mußten zum zweiten Male aus unserer Heimat
flüchten, und zwar am 21. November, als die Russen schon im benachbarten
Gr. Skomatzko und bei Arys waren. Im Februar 1915 schickte sie "unser
Hindenburg" jedoch mit blutigen Köpfen heim, d.h. die, welche nicht
gefallen oder in Gefangenschaft geraten waren. In der Winterschlacht in
Masuren wurden über 100.000 Russen gefangen und über 150 Geschütze
erbeutet.
Nun war ganz Ostpreußen vom Feinde für immer gesäubert. Die Begeisterung
für Hindenburg, den Befreier Ostpreußens, kannte keine Grenzen. In
vielen Liedern wurde er gepriesen, so in:
Held Hindenburg
Wie klingt ein Name hell und laut
Mit einem Male uns vertraut,
Wie Klang aus alten Tagen,
Da Blücher unser Retter war,
Ein Jüngling mit weißem Haar,
Mit Wagen und mit Schlagen.
So wendet sich ein jeder Blick
Auf einen, den uns das Geschick
In harter Zeit gegeben.
Den gestern keiner noch gekannt,
Der beste heut im Vaterland,
Held Hindenburg soll leben.
(Ludwig Thoma)
Dankerfüllt schlugen unsere Herzen dem Kaiser entgegen, der uns den
genialen Heerführer, der unsere masurischen Wälder und Seen genau kannte,
als Retter gesandt.
[Es folgt der 4. Vers des Deutschlandliedes, der von Albert Matthai -
hier "Matthäi" genannt - 1921 zum Trotz gegen das Versailler
Friedensdiktat geschrieben wurde. s.a.
http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Matthai\]
"Deutschland, Deutschland über alles,
Und im Unglück nun erst recht!"
Nur im Unglück kann die Liebe
Zeigen, ob sie stark und echt.
Und so soll es weiter klingen,
Von Geschlechte zu Geschlecht:
"Deutschland, Deutschland über alles,
Und im Unglück nun erst recht!"
[Schluss des Originaltextes]
Nachtrag: Ich habe außerhalb dieser Liste ein paar Anfragen zu diesem
Beitrag bekommen, in denen natürlich gefragt wurde, wo man das im
Internet finden könne, ob ich das selbst erlebt hätte, wann usw.
Meine Antwort:
Nein, gibt es nicht im Internetz.
Nein, habe ich nicht selbst erlebt. Es sind die Schilderungen des
Schullehrers FALTIN aus Czarnen, der offenbar des Masurischen mächtig
war und dies im ERSTEN WELTKRIEG in den Tagen des ersten Einfalls
russischer Truppen in Ostpreußen, im August 1914 erlebt hat. Abgedruckt
in einem Kalender des Jahres 1926.
Da hier nach nicht-militärischen Schilderungen der Kriegsumstände
gefragt worden war, und die Ereignisse sich nun zum 100. Male jähren,
habe ich dies hier weitergeben wollen.
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Th. Salein