Meine Erlebnisse im russischen Heere

Von Kruglinnen, wo in den Gasthäusern die Feldflaschen mit Schnaps,
Likören oder Weinen frisch gefüllt worden waren, gings weiter nach
Kosuchen, und zwar in ausgeschwärmter Schützenlinie über eine mit
Gebüsch bewachsene Wiese, da angenommen wurde, Kosuchen, das in der Nähe
der Feste Boyen liegt, sei von den Deutschen besetzt. Ich mit 2 Mann
mußte etwa 100 Meter vor der Schützenlinie vorgehen. Wir gingen
sprungweise vor. Plötzlich pfiffen uns drei Kugeln dicht an den Ohren
vorbei. Ob sie mir galten konnte ich natürlich nicht feststellen. Man
hatte von hinten auf uns geschossen. Als sich herausgestellt hatte, daß
Kosuchen nicht besetzt war, und sich die ausgeschwärmten Mannschaften
vor dem Dorfe sammelten, blieb einer von meinen beiden Nebenmännern vor
mir stehen, setzte den Lauf des geladenen und entsicherten Gewehrs aufs
Herz und sagte: "Du bist schuld, daß auf uns geschossen wurde, ich
schieße Dich tot!" Ich wandte ein, ich wäre schuldlos, aber er ließ sich
davon nicht überzeugen, sondern ließe den Gewehrlauf auf meiner Brust
und den Zeigefinger am Abzug. Ich hatte schon mit meinem Leben
abgeschlossen, es tat mir nur leid, daß meine Familie nicht wissen würde,
wo meine Leiche moderte. Da schob der andere den Gewehrlauf von meiner
Brust und sagte: "Ach, laß doch den Herrn in Frieden!" So war ich
gerettet. Ich wagte nicht, diesen Vorfall dem Hauptmann zu melden, um
mir den Menschen nicht zum Feinde zu machen. Er hätte ja sonst doch
später Gelegenheit gefunden, mich ungesehen von der Welt verschwinden zu
lassen. So wurde er später mir zugetan und nahme jede Gelegenheit wahr,
mir kleine Dienste zu erweisen. Es war Abend, als wir in Kosuchen, das
von der Bevölkerung verlassen war, einrückten. Dieses Dörfchen liegt
etwa 7 km vor Lötzen. Hier blieben wir zur Nacht und lagerten in den
Häusern auf Stroh. Am nächsten Morgen erzählte mir der Hauptmann, er
hätte in der Nacht mit einer Patrouille einen Erkundungsvorstoß gegen
Lötzen gemacht, hierbei seien 2 Mann gefallen.

Während die Russen nun am nächsten Tage, Donnerstag, den 27. August, das
Mittagessen bereiteten, wozu sie frei umherlaufendes Geflügel sowie
Schafe oder Schweine schlachteten, eröffnete die Feste Boyen um 11 Uhr
vormittags Schrapnellfeuer auf sie. Alles lief nun, das Mittagessen im
Stiche lassend, ungeachtet des Kommandos des Hauptmanns durcheinander
querfeldein auf Kruglinnen zurück, ich natürlich mit. Die Russen warfen
unterwegs, um schneller vorwärts zu kommen, sogar Ausrüstungsgegenstände
weg. Wir liefen über Wiesen, Gräben, Torfkaulen, während die deutschen
Schrapnells hinter, über und neben uns platzten. Einmal platzte ein
Schrapnell etwa 6 Meter hinter mir, so daß ich beinahe durch deutsche
Kugeln ums Leben gekommen wäre. 7 Russen sind damals von der Abteilung
gefallen, bezw. fehlten, wie hernach festgestellt wurde.

Als wir in einem Wäldchen bei Kruglinnen anlangten, war unser Hauptmann,
der ja beritten war, schon lange vor uns da. Ich wurde in das Biwak der
Offiziere genommen und anständig behandelt. Man gab mir zu essen und zu
trinken: Chokolade, Apfelsinen, Portwein, Champagner u.a. gute Sachen.
Es waren etwa 30 oder mehr Offiziere; ich konnte die Zahl nicht
feststellen, die da gingen und kamen. Jedenfalls lagerten da mehrere
Regimenter. Der Hauptmann machte mir den Vorschlag, jetzt mit ihnen nach
Rußland zu marschieren, da seien auch "schöner Mädchen". Als ich meinte,
ich würde doch lieber nach Hause wandern, übrigens sei ich zu alt für
"schöner Mädchen", stimmte die ganze Gesellschaft ein schallendes
Gelächter an. Ich mußte später mit einigen Russen auf Feldwache in ein
nahes Abbaugehöft ziehen. Wie aus den herumliegenden Papieren zu ersehen
war, gehörte das Grundstück einem Besitzer Mex. Hier konnte ich auch
sehen, wie die Russen die Bienenstöcke ausraubten. Sie rissen die
Gardinen von den Fenstern und bewickelten sich damit Köpfe und Hände.
Dann stellten sie die Strohbienenkörbe auf den Kopf und gossen
eimerweise Wasser hinein. Nun schnitten Sie die Waben heraus, scharrten
die nassen Bienen ab und verzehrten den Honig samt dem Wachs.