Meine Erlebnisse im russischen Heere

Meine Erlebnisse im russischen Heere
25. bis 29. August 1914
von G.A. Faltin-Czarnen

[abgedruckt in: Illustrierter Familien-Kalender Der redliche Preuße und
Deutsche für 1926. 2. Aufl. (Mohrungen: C.L. Rautenberg, 1926)]

Bald nach Kriegsausbruch waren russische Heere in Ostpreußen, dessen
ausgedehnte Grenze nur schwach geschützt war, eingefallen. Schon vor
Mitte August 1914 waren Flüchtlingszüge aus den Grenzgegenden durch Arys
nach Lötzen zu gezogen. Am 21. August flüchteten auch die Einwohner von
Czarnen [später Herzogsdorf, Kr. Johannisburg]. Sie waren kaum 10
Minuten fort - vielleicht waren sie hinter dem Berge am Odoyer Bahnhof -
da erschienen die ersten Kosakenpatrouillen. Sie fragten nach deutschem
Militär, verlangten Brot, Milch u.a. Nahrungsmittel. Von den Speisen
mußte ich zuerst schmecken, um zu zeigen, daß sie nicht vergiftet waren.
Danach verschwanden sie, nachdem sie die Umgegend abgesucht und in jeden
Busch auf der Wiese hineingeschossen hatten. Grundbesitzer P. hatte ein
Fuhrwerk mit seinen 2 besten Pferden noch zurückgeschickt, um etwas
Vergessenes zu holen. Das nahmen die Kosaken, nachdem der kutschierende
Knecht sich eiligst versteckt hatte, und führten es in der Richtung nach
Adl. Wolla über Feld weg. Dann zogen durch unser Dorf täglich
abwechselnd russische Infanteriekolonnen, Proviant- und
Munitionskolonnen, Feldküchen sowie Kosakenabteilungen, einmal auch
Artillerie. Die Russen verlangten aber nur Eßwaren, natürlich ohne
jegliche Bezahlung. Auch raubten sie unreifes Obst aus den Gärten, wobei
sie die Bäume beschädigten. Wo sie ein Haus verschlossen fanden, brachen
sie es auf. So wurde auch am 24. August das Gasthaus aufgebrochen. Bis
dahin hatte ich ihnen immer gesagt, es gäbe in unserem kleinen Dorf kein
Gasthaus, keine 'karczma'. Das Schild hatte Gasthausbesitzer B. vor
seiner Flucht wohlweislich entfernt. Feindliche Einquartierung erhielt
unser Dorf nicht. Nur einmal war ein höherer Offizier bei Grundbesitzer
A. Sk., wo der Vater, ein Altsitzer zurückgeblieben war, über Nacht
geblieben. Ein Posten stand vor dem Hause.

Vom 24. August ab plünderten die Russen die verlassenen Häuser und
entwendeten außer Hafer für die Pferde und Lebensmittel für die
Mannschaften, besonders Wäsche, die sie auch zu Fußlappen verwendeten.
Auch muß ich leider feststellen, daß auch die zurückgebliebenen
Einwohner die Häuser der Flüchtlinge plünderten, die geraubten Sachen,
meistens Kleider, Wäsche und Betten, auf dem Felde vergruben, wo sie von
den Geflüchteten nach ihrer Rückkehr zum Teil auch gefunden wurden.
Selbst aus den umliegenden Ortschaften kamen Leute und plünderten und
raubten in unserer Gemeinde.

Von mir "kauften" die Russen etwa 8 Zentner Hafer und bezahlten mir
einmal für 2 Zentner 6 Rubel, und das zweite Mal für 6 Zentner nebst
Säcken - sage und schreibe: "zwei Rubel". Als ich mehr verlangte, sagte
der Russe, dann bekäme ich garnichts. Natürlich musste ich eine
russische Quittung unterschreiben; worüber ich quittierte, konnte ich,
der russischen Spräche und Schrift nicht mächtig, selbstverständlich
nicht wissen. Ich glaube, der gute Mann steckte das Geld, über das ich
quittierte, in seine Tasche. Echt russisch! Dieses Geld wurde mir später,
während meiner Gefangenschaft, aus meinem Sekretär durch Erbrechen
gestohlen, wahrscheinlich durch die Russen, vielleicht auch durch unsere
Leute. Auch verschwanden mir in dieser Zeit aus meinem Sekretär für über
16 Mark Postwertzeichen.