[Einschub zur Hintergrunderklärung:
(aus: Der Kreis Lötzen, S. 114ff, von General a.D. Dr. Grosse)
«Nur zwei deutsche Festungen haben im ersten Weltkrieg eine wirkliche
Rolle gespielt, und zwar beide auf ostpreußischem Boden: Königsberg und
die Feste Boyen. Königsberg zog wie ein Magnet den Hauptteil der
Rennenkampf-Armee an und verhinderte dadurch das Erscheinen jener
starken Kräfte auf den Schlachtfeldern von Tannenberg. Der kleinen Feste
Boyen gelang es, in kritischen Tagen die russischen Entschlüsse weit
mehr zu beeinflussen und weit mehr Truppen zu binden, als es seiner
fortifikatorischen Stärke und den Kräften seiner Besatzung entsprach.
[...]
Schon am 4. August hatte eine Abteilung der Festungsbesatzung unter
Major Kittel bei Treuburg ein Gefecht mit russischer Kavallerie.
Kleinere russische Abteilungen gingen an vielen Stellen über die Grenze
und steckten einzelne Gehöfte in Brand. Immer häufiger kamen Flüchtlinge
nach Lötzen; sie wurden gut aufgenommen, aber man war doch gezwungen,
sie möglichst bald weiter nach Allenstein oder Rastenburg zu schicken.
Im Vertrauen auf das deutsche Heer und in der damals überall üblichen
Unterschätzung des russischen Gegners war die Bevölkerung der Stadt
guten Mutes; erst Mitte August, als die Behörden Lötzen verließen,
setzte in mäßigem Umfange ein Abwandern der Bewohner ein. [...]
Die Feste Boyen hatte nach der Weisung der Obersten Heeresleitung die
Aufgabe, die Sperrung des Seengebietes zu übernehmen; gleichzeitig
sollte sie durch Ausbau von Stellungen beiderseits Rhein sich gegen
Angriffe von Westen sichern. Der Kommandant [Oberst Busse] war von
vornherein entschlossen, trotz seiner schwachen und nicht als
Feldtruppen zu bezeichnenden Kräfte die Verteidigung angriffsweise zu
führen: Heraus aus der Festung, heran an den Feind! Er hoffte, dadurch
dem Gegner eine weit größere Stärke vorzutäuschen und bedeutendere
Truppenmassen binden zu können, und diese Hoffnung hat ihn schließlich
auch nicht betrogen. [...]
Vom 23. August ab war Lötzen so gut wie abgeschnitten von der Außenwelt:
der Post- und Bahnverkehr wurden eingestellt, nur eine Fernsprechleitung
nach Königsberg bestand noch einige Zeit. Dann waren Brieftauben das
letzte Mittel zur Verbindung. Erst am 4. September sollte der
Fernsprecher wieder eine Verbindung herstellen. Zwei Tage später, am 25.
August, fielen die ersten Schüsse in der unmittelbaren Umgebung von
Lötzen, im Stadtwald war es schon längst nicht mehr so ganz geheuer. Mit
der Verpflegung begann es etwas zu hapern". Nun wird es auch schlecht
mit unserer Verpflegung", schreibt Oberst Busse am 26. August an seine
Gattin, in der Stadt ist nur noch Geflügel zu haben, das ich
scharenweise habe beitreiben lassen, jedoch kein frisches Fleisch. Da es
jetzt an manchem zu fehlen beginnt, so habe ich verschiedene Läden
aufschließen lassen und militärische Verkäufer eingesetzt. Alles geht in
Ordnung zu. Am schlimmsten dran ist die arme Bevölkerung, die in wilder
Hast vom Osten des Kreises und weiterher geflohen ist und nun zu ihrem
Schrecken gemerkt hat, daß der Feind auch von Westen kommt. Natürlich
kann ich das Hin- und Herziehen der Flüchtlinge durch die Festung nicht
mehr dulden, und so treten die herzbrechendsten Szenen an mich heran."
Der letzte Befehl des AOK 8 hatte gefordert, Lötzen unter allen
Umständen zu halten, in spätestens vier bis sechs Wochen würde die Feste
aus der Umklammerung befreit sein. Guten Mutes sah die Besatzung der zur
Tatsache gewordenen Einschließung entgegen. Endlich allein! sagte der
Kommandant in einer Offiziersbesprechung und fand damit das erlösende
Wort.
[Die russische Heeresleitung hatte von Lötzen erwartet, dass von der
Feste Boyen aus ein größerer Angriff vorgetragen werde und somit
marschierte auf Lötzen das südlichste Korps von Rennenkampffs von Lyck
aus zu. Als sich die immer schwieriger werdende Lage der russischen
Bug-Armee unter Samsonow bei Tannenberg abzeichnete, war es für die
Russen zu spät, die Feste noch einnehmen zu können. Ebenso war es zu
zeitaufwändig um Feste und Seen herum die Verbindung zur bedrohten
Bug-Armee aufnehmen zu können. Daher erging der Befehl von Rennenkampffs
zum Rückzug.]
Bevor der russische Befehl zum Abmarsch eintraf, erfolgte in den
Abendstunden des 26. August ein Angriff des 170. Infanterie-Regiments
auf Lötzen. Das Gefecht begann um 22 Uhr und dauerte etwa eineinhalb
Stunden. Im Licht der Scheinwerfer feuerten die Geschütze vom Wall aus.
Da sogar Infanteriegeschosse in die Fenster der Gebäude einschlugen,
mußte der Gegner sich ziemlich rasch herangearbeitet haben. Im Feuer der
deutschen Maschinengewehre erlag der Angriff.
Indessen machten die Russen am nächsten Morgen doch noch den Versuch,
vor ihrem endgültigen Abzug die Festung moralisch zu überrumpeln; der
Eisenbahn- und Straßenknotenpunkt war ihnen doch zu wichtig. Ein
Oberstleutnant, begleitet von seinem Adjutanten und einem Trompeter,
überbrachte die Aufforderung zur Übergabe, die der Führer der
Angriffstruppen, Kondratjew, mit den Worten schloß: Sie haben zu Ihrer
Verfügung vier Stunden, um die unsere Bedingung zu überlegen. Wenn Sie
nicht wollen mit dieser Bedingung zufrieden sein, so wird man mit
offener Kraft die Festung nehmen und in diesem Falle kein Stein auf'm
Steine nicht gelassen wird. Selbstverständlidi wurde dieser Versuch mit
der nötigen Deutlichkeit zurückgewiesen: Was Ihre Aufforderung
anbetrifft, die Festung zu übergeben, so weise ich dieselbe für mich und
meine tapfere Besatzung als im höchsten Grade beleidigend zurück. Die
Feste Boyen wird nur als Trümmerhaufen übergeben." Diese gut
altpreußische Antwort des Obersten Busse wurde dem russischen
Parlamentär überbracht. Die offene Kraft wandten die Russen nicht an,
im Gegenteil, sie zogen nunmehr auf Grund ihrer Befehle ab, nur
schwächere Kräfte, vorwiegend Kavallerie, blieben zur Beobachtung
zurück.»