Hallo Mario Schnell,
in den 30er und 40er Jahren gab es in den niederschlesischen Dörfern, bedingt durch die Folgen des ersten Weltkrieges und durch die Einschränkungen und Sorgen während des zweiten Weltkrieges, gegenüber der vorherigen Zeit nicht allzuviel Grund zum Feiern.
Nachstehend finden Sie aber eine Beschreibung, wie die schlesische Kirmes vordem gefeiert
wurde:
Die schlesische Kirmes in alter Zeit
“Ne ganze Wuche nischte, wie lauter Saus und Schmaus!
Gekochtes, Broota, Trinka ging überhaupt ni aus.”
Dieser alte schlesische Spruch zeigt schon, daß bis zum Ersten Weltkrieg und ganz allgemein vor 1900 in Schlesien die Kirmes in den Dörfern nicht unter einer Woche gefeiert wurde. In der Zeit zwischen den letzten Tagen des September und dem 1. November wurde in Schlesien
auf dem Lande Kirmes gefeiert.
“Schläs’sche Kirmes” war das Entedankfest nach einem arbeitsreichen Bauernjahr. Die Dörfer richteten es so ein, daß in der näheren Nachbarschaft ein Dorf dem anderen folgte mit seiner Kirmes, damit man sich gegenseitig besuchen und möglichst lange auch an der Kirmes der Nach- bardörfer teilhaben konnte.
Ursprüngliche handelte es sich um die festliche Begehung der Kirchweihe, aber mit der Zeit ist daraus ein sehr weltliches Brauchtum geworden. Für die Schlesier beendete die Kirmeszeit das Sommer-Halbjahr und schon vorher richtete man sich auf dem Land, aber auch in der Stadt, darauf ein. Es wurde das ganze Haus auf den Kopf gestellt und saubergemacht, auch die Straßen wurden gründlich gefegt. Doch am sorgfältigsten wurden die Mahlzeiten vorbereitet, die für die Kirmestage mindestens zwei bis drei oder sogar vier Höhepunkte darstellten. In den Dörfern wurde gebacken und es brutzelte auf allen Öfen und Herdstellen. Der Duft, der durch die Straßen zog, versprach kulinarische Hochgenüsse. Schweinebraten mit Sauerkraut und dampfenden Klößen gehörte vor allem zum Kirmesmahl, dazu Rindfleisch mit Rosinen- oder Krentunke sowie fette Suppen und Soßen. Natürlich mußten auch Gänse-, Enten-, Hühner- und Taubenstall das beste Federvieh hergeben, worauf das Geflügel, in verschiedenartiger Weise zubereitet, auf den Verzehr wartete. Doch zur schlesischen Kirmes gehörten nicht nur deftige und herzhafte Sachen, sondern auch Riesenschüsseln mit süßem Nachtisch, von den Streusel- kuchen und Baben, den Mohnstriezeln und Pfannkuchen sowie sonstigem großen und kleinen
Gebäck gar nicht zu reden. Auch der sparsamste Kleinbauer zeigte an diesen Tagen in groß- zügiger Weise seine Gastfreundschaft. Der Gutsherr und der Großbauer verteilten noch oft Leinen und Wäsche, Arbeitszeug und Anzüge an Mägde und Knechte.
In dieser Zeit nahm in Schlesien die Kirmes überall an einem Montag ihren Anfang, wenn der Kirmesbitter in der Gemeinde umherging und zur Feier einlud. Damit begannen die Vorbereitun- gen in Hof und Küche, wurden die Einkäufe in der Stadt gemacht.
Am Kirmes-Dienstag oder -Mittwoch gaben sich das Dorf und die Nachbarschaft auf dem Gemeinde- anger ein Stelldichein, wo Karussell, Paschbuden (Würfelbuden) und fliegende Händler für Vergnügen sorgten. Oft gab es einen Umzug der männlichen Dorfbewohner, die sich in die merkwürdigsten Verkleidungen gehüllt hatten. So ein Kirmes-Umzug war eine humorvoll ortsbe- zogene Angelegenheit von recht derbem Charakter. Diese Tagesprogramme fanden immer ihre Fortsetzung beim Tanz in den Wirtshäusern. Hier hat man wohl des Guten oft zuviel getan,
denn aus dem 17. Jahrhundert sind behördliche Verbote bekannt, die gegen “Nachttänze” in
der Kirmeszeit einschritten.
Am Freitag begann das Backen, bei dem gewaltige Mehlmengen verarbeitet wurden. Der schlesi- sche Streuselkuchen wuchs neben anderen Kuchensorten zu wahren Bergen. Am Abend des Backtages
zog eine Musikkapelle durch die Dorfstraßen und spielte vor jedem Bauernhof ein Tanzlied, während die Hütejungen und Hirten auf der Dorfstraße die Peitsche knallen ließen.
Der Kirmes-Sonntag begann mit einem Gottesdienst, an dem sich alle Dorfbewohner beteiligten. Gemessenen Schrittes zog die Gemeinde durch die Straße zur Pfarrkirche. Besonders wurde auf den Schmuck der Häuser geachtet, an denen man häufig Kirmes-Fahnen sah. Die Mittagsmahlzeit dieses Sonntags wurde um so mehr gerühmt, je mehr Gänge sie aufwies. Als letzte Speise kam die traditionelle Bratwurst auf den Tisch, die eine Länge von “dreimool imm a Bauch rim” hatte. Danach gingen alle zur Musik, die in den Sälen der Wirtshäuser oder in den Gaststuben des Dorfkretschams oft mehr laut als schön erklang, zu lustigem Tanz. Selbst die ältesten Jahrgänge drehten sich noch “imm die Sule rim”. Es wurden nicht nur Walzer, Polka und Krakowiak getanzt, sondern auch die Hühnerschorre, der Annrosel, die Hippelpolka und und andere Tänze.
Wenn ock immer Kirmes wär,
und der Bauch vul Kucha schwer -
seid ock olle eigelodt,
aus’m Durfe, aus dar Stodt -
oh, zur Kirmes is gor schien,
weil mer do zur Musich giehn!
Die königlich Preußische Regierung verfügte unter dem 23.9.1819, daß die Kirmeszeit in Schlesien eingeschränkt werden müsse. Sie dürfe nicht mehr Ende September, sondern erst in den letzten Oktobertagen beginnen, und mit dem letzten Novembertag sollte auch die letzte Kirmes im letzten Dorf ausgeklungen sein. Man hat es also in der “guten alten Zeit” zu bunt getrieben mit diesem Fest. Die Schlesier fanden auf die Regierungsverfügung nur ein Scherz- wort: “Der Micheltag (Michaelis am 29.9.) darf nimme kermissen."
Gruß Ingeborg Thaufelder geb. TZSCHOPPE