Hallo Herr Heilmann,
da ich 1945 bzw. 1946 die Flucht bzw. die Vertreibung pers�nlich erleben
mu�te, kann ich Ihnen hierzu einige Antworten geben. Generell ist zwischen
Flucht und Vertreibung zu unterscheiden: Flucht war vor der heranr�ckenden
Front bzw. der Roten Armee. Vertreibung spielte sich dann sp�ter ab, n�mlich
als die Russen oder Polen die Gebiete von den Deutschen s�uberten. Heute
w�rden wir sagen, es war eine "ethnische S�uberung".
Guten Abend Liste
Nach meinen bisherigen Informationen war die Flucht aus den Gebieten im
Osten im Jahre 1945 eine Einbahnstrasse. Mein Vater ist z.B. 1945 aus
Liegnitz mit seinen Schwestern geflohen und nicht mehr dorthin zur�ck
gekehrt.
Nun sehe ich im Buch von U.M. von B�low �ber den Kreis Oels, dass die
Bewohner des Kreises Oels 1945 vor der herannahenden Front - mehr oder
weniger organisiert - geflohen sind. Daher stammen nach meinen
Informationen
auch die verschiedensten Fluchtberichte. Anschliessend kehrten anscheinend
mehr oder weniger starke Bev�lkerungsgruppen in ihre Heimatd�rfer
zur�ck und
wurden dann 1946 von den polnischen Beh�rden ausgewiesen.
Genau das war oft der Fall. So f�chteten wir im Januar 1945, kurz bevor
Breslau eingeschlossen wurde, mit einem �berf�llten Lazarettzug von Breslau
nach Plomnitz bei Habelschwerdt. Ich ging dort sogar noch zur Schule.
Unverge�lich bleibt mir eine weinende junge Lehrerin in Erinnerung, die uns
vom Tode des "F�hrers, der im Kampfe um Berlin gefallen" sei, berichtete.
Sie zeigte dabei auf das Hitlerbild im Klassenzimmer. Kurz darauf erlebten
wir im Mai die Besetzung durch die Russen. Was da passierte, besonders mit
den Frauen, will ich hier nicht erw�hnen.
Ich weiss aus Berichten meiner Grossmutter und ihrer Schwestern, die auch
aus Liegnitz geflohen waren, dass sie in ihrer neuen Heimat Bayern nicht
sehr freudig aufgenommen worden sind. Daher meine Frage:
- Was l�ste die R�ckkehr aus? Sind das Gruppen gewesen, die von der Front
�berrollt wurden und dann zur�ckgeschickt worden sind oder handelt es sich
um eine freiwillige R�ckkehr?
Nat�rlich war die R�ckkehr freiwillig. Wo sollten wir denn auch hin. Keiner
wu�te damals, da� unser Schlesien an Polen verschachert wurde und wir alle
vertrieben werden w�rden. Also, eine Vorhut von einigen Frauen (M�nner,
selbst alte, gab es ja nicht) lief auf abenteuerlichen Wegen nach Breslau um
nach den dort gebliebenen Verwandfen und Freunden zu sehen und auch um zu
erkunden, ob das Haus noch stand bzw. die Wohnung noch bewohnbar war. Meine
Mutter war bei einer solchen Erkundung. Wir hatten Gl�ck: Mein Gro�vater und
meine Tante, die beide in der Festung Breslau Dienst taten (Volkssturm bzw.
Krankenschwester) lebten noch und das Haus am Stadtrand stand noch. Wir sind
also alle wieder nach Breslau "zur�ckgemacht", wie man damals sagte.
Brachten dann unser v�llig verw�stete Haus wieder in Ordnung und waren froh,
da� drei russische Offiziere ins Obergescho� einzogen, weil dann die Frauen
vor den �bergriffen der Soldateska sicher waren.
Aus anderen Berichten weiss ich, dass sehr viele Leute versucht
haben, sich
in die amerikanischen oder englischen Zonen durch zu schlagen,
weil es dort
weniger hart zuging, als im Osten. Daher ist mir die R�ckwanderung noch
unerkl�rlicher.
Ist diese R�ckwanderung eine typische Erscheinung f�r den Kreis Oels oder
gilt das auch f�r andere Teile der Ostgebiete? Bei meiner Arbeit am Kreis
Sternberg/Neumark ist mir diese R�ckkehr nicht aufgefallen, was aber nicht
unbedingt heisst, dass es sie nicht gegeben hat.
Wie wurde die Ausweisung 1946 durchgef�hrt? Sind die Menschen dann per Zug
gen Westen geschickt worden oder gab es dann wieder Fl�chtlingstrecks zu
Pferd und Wagen oder zu Fuss?
Die Vertreibung sollte nach den alliierten Vertr�gen human gestaltet werden.
So wie ich es schildere war sie wirklich: Die Polen r�umten 1946
systematisch die Stadtteile ab. Es erschien unvermittelt polnische Miliz,
die die Bev�lkerung aufforderte, innerhalb von zwei Stunden die Wohnung zu
r�umen, wobei nur das, was mitf�hrbar ist, mitgenommen werden darf. Das
waren dann die Elendsz�ge: Lange Schlangen von Frauen, Greisen und Kindern,
wo viele Handw�gelchen mit den letzten Habseligkeiten zogen. Unterwegs
drosch die polnische Miliz mit Peitschen auf uns ein, wenn der Zug z.B. bei
der Querung von Unterf�hrungen zu langsam wurde. Der Zug ging zum
Hauptbahnhof in Breslau. Dort mussten wir eine Nacht warten, bis wir in
G�terwaggons gepfercht wurden. Viel zu viele in einen Waggon, soda� nur die
Kinder Nachts richtig liegen konnten. Herumlungernde polnische Soldateska
schoss �fter wild in der Gegend herum. Ich erlebte, wie ein kleines M�dchen
dabei einen Streifschu� am Kopf erhielt. Der Zug ging nun in Richtung
Westen, ein Mann stimmte das Lied "Nun ade du mein lieb Heimatland" auf der
Mundharmonika an und alle weinten.
Damit war die Auspl�nderung noch nicht vorbei: Der Zug wurde auf ein
Abstellgleis gefahren. Das polnische Zugpersonal und der Lokf�hrer
erkl�rten, da� sie nur weiterfahren w�rden, wenn jeder Waggon soundsoviel
Zloty bzw. den letzten Schmuck abliefern w�rde. Das wurde dann eingesammelt.
Damit wurde uns buchst�blich alles genommen. Man kann sich vorstellen, wie
die hygienischen Verh�ltnisse in den Waggons waren! Meine Gro�mutter wollte
sich das Leben nehmen, da sie es nicht mehr ertrug. Sie tat das dann
wirklich 1948, da sie die Heimat nicht vergessen konnte und in der Fremde
das erlebte, was Sie weiter oben mit "in der neuen Heimat nicht freudig
aufgenommen" bezeichnet haben.
Nie vergesse ich, als der Zug in Braunschweig einfuhr und die ersten
britischen Soldaten pro Familie eine B�chse Corned Beef verteilten. Das war
der Himmel f�r uns. Dann erwartete uns ein gro�es Lager, das Leben in
Baracken usw. Wir waren uns aber jetzt unseres Lebens sicher. Aus dem Lager
wurden wir dann z.B. wie bei uns auf das Land in ein Dorf gebracht. Dort
mu�ten Einheimische ein Teil der Wohnung f�r uns r�umen, was nat�rlich b�ses
Blut erzeugte. Wir hatten dann aber zwei kleine Zimmer f�r sieben Personen,
bekamen Strohs�cke zum Schlafen usw. Es dauerte Jahre, bis es wieder
aufw�rts ging. Viele erholten sich auch wirtschaftlich nie mehr.
Es geht mir hier nicht um die politischen Teile der Frage, sondern rein um
die historischen Hintergr�nde.
Mit besten Gr�ssen aus der Schweiz
Christian Heilmann
Walenstadt, Schweiz
Heilmann@GCA.CH
WWW.GCA.CH
079 6104 880
So war es, so waren die Fakten und so habe ich es als Kind erlebt. Und es
soll mir niemand damit kommen, "es sei ja alles nicht so schlimm gewesen"!
Wir, die Ostbev�lkerung, haben f�r Hitlers verbrecherischen Krieg bitter
bezahlen m�ssen. Denn Russen und Polen haben an uns grausame Revanche
genommen.
Bernd G�rtz