"Kölner" Garnisionen - Neue Angaben

Hallo Ernst,
mir scheint Du kennst Dich mit den alten Militärs gut aus. Deshalb gleich eine Frage.
Ein Bild meines Großvaters zeigt ihn in einer Uniform aus dem ersten Weltkrieg.
Auf den beiden Kragenspiegeln ist die Zahl 77 zu erkennen.
In Celle gibt es eine Straße der 77er. Vor dem Celler Schloß steht ein Denkmal für die 77er.
Kanst Du mir sagen um welche Einheit es sich hierbei konkret handelt und ob es noch Unterlagen (z.B. Stammrollen) von dieser Einheit gibt?.
Die Musterung muß damals (ca. 1907)in Braunschweig gewesen sein.

Gruß

Henning

"Ernst Hoffmann" <Ernst-Axel.Hoffmann@t-online.de> schrieb:

Henning!

Du hast Glueck! Normalerweise sind die kennzeichnenden Nummern auf den Achselstuecken nur schwer zu erkennen:

Es ist das "2. Hannoversche Infanterie Regiment Nr 77" Standort: Celle
Aus der Nummerierung erkennst du, das das Regiment nach 1866 in der preussischen Armee aufgestellt wurde, allerdings wurde ihm um 1890
gestattet die Tradition der alten hannoerschen Truppen wieder aufzunehmen und so gilt in der preussischen Armee sein Stiftungstag als der 26. März 1813. Im Krieg 1870/71 hat es schon tapfer auf preussischer Seite mitgefochten und gleich in der ersten Schlacht auf den Spicherer-Hoehen
mitgefochten und dann die grosse Schlacht von Gravelotte-St-Privat migemacht, Im ersten Weltkrieg gehoerte es die ganze Zeit zur 20. Infanterie
Division. Hat am Beginn des Krieges an der Eroberung von Lüttich, Namur, St. Quentin und Reims teilgenommen, ging 1915 nach dem Osten (Eroberung von Lemberg) kam fuer den Winter 15/16 zurück in die Champagne um dann im Herbst/Winter 1916 zur Schlacht bei Kowel wieder im Osten zu sein. Im Fruehjahr und Sommer 1917 war wieder "Arbeit an der Aisne und Weinbergsarbeit in der Champagne angesagt".... rechtzeitig zur Weinlese ging man dann aber doch ins Baltikum (Riga) , bestand dann aber darauf im November 1917 an derTankschlacht von Cambrai teilzunehmen (Niedersachsen ist schliesslich ein Autoland !!) und verbrachte dann das Jahr 1918 in der "Grossen Schlacht in Frankreich" und schloß sich dann dem weiteren "Schlamassel" dort an.

Es gibt eine Regimentsgeschichte vor dem WK I:
Schimmelpfeng, Hans: Geschichte des 2. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 77. Oldenb. Stalling. 1913. Gr.8°. 347 S. Mit 25 Textabb. und 7 Kartenskizzen. OKart.

Eine Weltkriegskriegsgeschichte kenne ICH augenblicklich nicht.

Den vollständigen Gefechtskalender der Division schicke ich dir in den naechsten Tagen. <Wenn es zu lange dauert nicht vergessen. Erinnern!>

Ernst

Hallo Ernst,

ich bewundere immer wieder Deine Fachkenntnisse!
Da heute von Regimentern in Hannover und Posen die Rede war,
m�chte ich auch versuchen, eine Frage zu kl�ren:
Einer meiner Vorfahren, Ernst Hermann Senkfeil, wurde 1876 in Helldorf,
Kreis Kolmar, Posen geboren. Ich finde ihn erst wieder mit seiner Heirat
1906 in Hannover und m�chte versuchen herauszufinden, wann er ungef�hr
nach Hannover gekommen ist.
Ernst Hermann ist am 14.10.1898 als F�silier eingezogen worden zum F�silier-
regiment Nr. 73 in Hannover, wo er vor der milit�rischen Ausbildung wegen
eines Herzfehlers am 8.11.1898 als nicht KV wieder entlassen wurde.
Ist es m�glich, da� er noch in Posen wohnte, als er eingezogen wurde, oder
ist es eher wahrscheinlich, da� er schon in Hannover lebte?

Herzliche Gr��e aus Steinhude
Natascha Thiele

betr.
Ist es mvglich, da_ er noch in Posen wohnte, als er eingezogen wurde, oder
ist es eher wahrscheinlich, da_ er schon in Hannover lebte?

Adalbert Goertz responds >>>>>>>>>>>>

Es war wohl u:blich, dass Rekruten nahe ihrer Heimat eingezogen wurden
wegen der bessseren Moral.Also war seine Heimat Hannover vor der
Einberufung.

Natascha!

Also, wieder so eine ganz einfache Frage!

Im Koenigreich Preussen wurde man mit 18 gemustert und mit zwanzig eingezogen!
und wegen so einem Einzelfall machen wir da doch kein "Gedoens" und schon ueberhaupt
keine Ausnahmen nie nicht.

Woher ergibt sich denn in deinem Fall die Aussage "noch vor der militaerischen Ausbildung wegen eines
Herzfehlers" entlassen worden ? UNGEWOEHNLICH, sehr ungewoehnlich.

Eigentlich stellten die so etwas bei der Musterung fest und dann wurde man zur Landwehr I. Aufgebot versetzt
und dort als Ersatzreservist gefuehrt <aber nur noch eingezogen, wenn Seine Majestaet der Kaiser als Bundesfeldherr nach Konsultationen
mit seiner Koeniglichen Hoheit dem Herrn Prinzregenten von Bayern, zu diesem Zwecke eigens einen Krieg vom Zaune brach>. Da die
Ermordung des Deutschen Gesandten in Peking aber erst fuer das Jahr 1900 in den Mobilmachungskalender aufgenommen worden war, hatten sich fuer das Jahr 1898 diese Art der Konsultationen noch eruebrigt und man konnte genussvoll der Gemsenjagd froenen ohne dazu zusaetzliche Soldaten einziehen zu muessen.

Aus Posen wurde man eigentlich nicht zur ehemals koeniglich hannoverschen Armee eingezogen, also muss die Bahnfahrkarte dritter Klasse
wohl von der Landwehrinspektion Hannover ausgefertigt worden sein.... DENKBAR ist dabei: 1. Zum Zeitpunkt der Musterung befand sich besagter Militaeranwaerter noch in der Ausbildung (z.B. auf einem Gymnasium oder einer Lehrerbildungsanstalt) und wurde daher bis zum Abschluß dieses staatspolitischen relevanten Ausbildungsabschnittes zurueckgestellt. Unmittelbar danach hat er sich (im ersten Fall) als "Einjaehrig-Freiwilliger" zur Ableistung eines verkuerzten Wehrdienstes freiwillig gemeldet. Auch damals war der Finanzminister schon im Umweltschutz taetig und musste seine letzten Kroeten zusammenkratzen, da kam ihm so ein unbezahlter Freiwilliger, der auch noch seine eigene Uniform bereitstellen musste UND die Verpflegung selbst bezahlte, gerade richtig!) Oder (2.Fall) er machte eben eine "Schbeschialuebung fuer Lehrer" (die dauerte zwar eigentlich sechs Wochen----- nein doch nicht in den Ferien, wo sind wir denn hier ?) sondern wenn schon denn schon mit dem Beginn der grossen Herbstmanoever querfeldein ueber die abgeernteten Stoppelfelder und dann immer rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln. Da konnte man dann wenigstens vaterlaendische Gesinnung nachweisen und so'n Herzfehler der laesst sich in der Bewegung auch viel besser nachweisen. "S-ch-aunse mal Leutnant, der Kopf von dem Kerl ist ja noch blauer als seine Uniformjacke, dass nenn ich aber mal ne Gesinnung!"

Hilft das weiter ?
Meine Privat e-mail Adresse steht oben ueber der Message: ICH weiss, "Wie einfallslos!" aber wir Kommisskoeppe sind eben einfach strukturiert !

Ernst

Guten Morgen Ernst,
es scheint ja im Bezug auf Milit�r fast nix zu geben was Du nicht
beantworten kannst :slight_smile: . Lese die interessanten Mails ausgesprochen gerne.
Heut will ich es mal selbst mit einer "kleinen" Frage probieren , da ich bei
den Eltern meines Urgro�vaters absolut nicht weiterkomme.
Mein Urgro�vater August Ferdinand Zimmermann wurde im Februar 1865 in Gursen
Kreis Flatow geboren. Ging dann von dort aus zum Preu�ischen Milit�r -
1865 + 20 w�re dann 1885 - kam in die Altmark und heiratete dort meine
Urgro�mutter Dorothee Wilhelmine Becker. Diese wurde in Boock geboren. Mein
Gro�vater wurde dann in Packebusch geboren. In den dortigen Kirchenb�chern
ist keine Hochzeit der beiden verzeichnet. Ich vermute ,da� ich sie in
Milit�rkirchenb�chern finde und mehr Angaben �ber die Eltern von ihm
erhalte. Nur in welchem ?

Frage : Irgendeine Ahnung um welches Regiment oder welche Garnision es sich
handeln k�nnte ?? Gursen/Flatow ---> Altmark
Freu mich �ber jeden Tip
Danke im Voraus und Gr��e aus Zittau

Andrea (Zimmermann)

Andrea!

Ich hoere Euch schon sagen: "Warum sollen wir ihm denn nun ausgerechnet das Leben leichter machen ? Haet er was anstaendiges gelernt, koennte er
sich jetzt ja auch richtige Fragen beantworten!" "Huuuu, Huuuu, ich kann doch nichts dazu mein Großvater war nun mal Leutnant der Landwehr und mein
Opa-Schlesischer Opa Feldwebel-Leutnant als der Kaiser den Krieg vor die Wand gefahren hat", Was haben sie davon gehabt ? der erste musste weiterhin
in die Schule und staendig Fragen beantworten und der andere musste sich als Kataster-Obersinspektor staendig mit rot-weissen Stangen abschleppen!

Also Preussen war keine klassenlose Gesellschaft: Da gab es die wehrfaehige Bevoelkerung, die in Seiner Majestaet des Kaisers Gunst ziemlich weit oben
stand und dann gab es noch die gutaussehende Bevoelkerung. Eine Vermischung konnte leider nicht stattfinden, da bei dem "Herrn etatmaessigen Feldwebel" (spätere
"Generatoren" nannten ihn Kompaniefeldwebel oder Spiess) ein staendiger Mangel an Formularen "Heiratserlaubnis fuer Wehrpflichtige" bestand. Und, wie du ja sicher
gehoert hast: "Ohne Formular LAEUFT hier nur einer, naemlich SIE: um den Block, marsch, MARSCH".
Wehrpflichtige waren vor ihrer Militaerdienstpflicht noch nicht volljaehrig, waehrend der Militaerdienstpflicht ihrem "Vormund und Kompaniechef" unterworfen und nach
ihrer Militaerdienstpflicht "Freiwild" fuer die zweite Klasse. Die Anzahl der Eheschliessungen von Militaerdienstpflichtigen in Militaerkirchenbuechern tendiert daher deutlich
gegen Null (allerdings von UNTEN). Dies schliesst natuerlich nicht aus, dass ein GUTER Soldat, und welcher Soldat war dies in Preussen nach zweieinhalbjaehriger bis
dreijaehriger Ausbildung nicht ? Richtig: der nicht befoerderte, Also manche wollten nach der Dienstzeit einfach nicht nach Hause zu Muttern: (Da ich in der Naehe des
Drachenfelsens wohne, enthalte ich mich vorsichtshalber jeder weiteren Bewertung!!) sondern kapitulierte lieber: d.h. er meldete sich freiwillig zz weiterem Dienst. Dies konnte
er jetzt in jedem Regiment tun, in dem eine freie Stelle vorhanden war, dafuer wurden Listen gefuehrt. Halt Stopp: Fuer die Garde in Berlin musst er in der Zwischenzeit gewachsen sein und das "Gardemass" von 1.70 m ueberschritten haben: da war er schon mal dran gescheitert. (DAS hab ich gehoert: SO GROSS!, ABER damals waren die Muetter AUCH noch nicht so LANG).
Hatte er nun kapituliert, dauerte es auch nicht mehr so lange und er erhielt Besuch von seinem Hochwuerdigsten Herrn Divisionspfarrer: " Jetzt, wo sie Sergeant sind, meinen
sie nicht, das es an der Zeit waere ihre unordentlichen Verhaeltnisse in geordnete Bahnen zu ueberfuehren ? Wie es der Zufall will habe ich in drei Wochen noch eine freie
Zeile in meinem Kirchenbuch.... und keine Sorge mit ihrem Spiess spreche ICH!" Also in deinem Falle muessten wir mal Erkundigungen im Zeitraum 1888/89 in der Altmark einholen
ob dort damals eine Heiratswelle abgespielt hat, die ihre Spuren in einem Militaerkirchenbuch hinterlassen hat:

Fuer den Kreis Flatow war um die Zeit die 8 Infanterie-Brigade in Thorn als zustaendig eingeteilt. Ihr untserstanden die Bezirkskommandos Conitz und Deutsch-Crone
und das
3. Pommersche Infanterie Regiment Graf Schwerin Nr 14 <Graudenz und Strasburg/W>
4. Pommersche Infanterie Regiment von Borcke Nr 21 <Thorn>
8. Pommersche Infanterie Regiment von der Marwitz Nr 61 <Thorn>
<die Namen gelten ab Januar 1889>

Im Bereich Altmark ("Weiss hier irgendjemand wie ich in die Altmark komme? ", "Schwierig" "Fahr mal nach Schwerin, und da fragste noch mal")

War die 13, Infanter-Brigade mit den Bezirkskommandos: Stendal, Burg, Halberstadt, Neuhaldensleben und Magdeburg zustaendig
zu ihr gehoerten:
1. Magdeburgisches Infanterie Regiment Fürst Leopold von Anhalt-Dessau Nr 26 <"wenn hier noch mal einer "Saufkumpanei" sagt, ueben wir Kirchgang bis euch die Knie weh tun!!!>
3. Magdeburgisches Infanterie Regiment Nr 66
Beide Regimenter lagen in Magdeburg

In Stendal lag das Magdeburgische Husaren-Regiment Nr 10 <hatte er etwa als Großwilddompteur auf einem Rittergut den Umgang mit gefaehrlchen Biestern erlernt ?, So was suchte der Koenig fuer seine Kavallerie !

Du siehst: Alles gans <Preussen war ein Agrarstaat> einfach. Siebzehn Fragen noch vier! <Sag nicht, beim Militaer wurde nicht gespielt>

Gruss
Ernst