Kochs von Bingen (Hohenzollern) in die Pfalz um 1630

Hallo zusammen,

das Thema Koch war ja in der Saarland-Liste von mir schon aufgenommen worden. Deswegen
schicke ich es diesmal an beide Listen.

Die Vorfahren meiner Mutter, geborene Koch stammen aus Dielkirchen im Donnersbergkreis
und sind von dort 1730 ins Saarland, sie waren evangelisch-reformiert.

Jetzt bin ich etwas stutzig geworden.
Mein Spitzenahne in Dielkirchen ist ein Johannes Adam Koch * um 1660 oo mit einer Anna Gretha NN (FN unbekannt)
Dessen Sohn Johannes Georg ging 1730 nach Ruschberg (Gemeinde Baumholder) -aus dem Ortsamilienbuch Rudi Jungs "Baumholder ev-ref Familien-Nr.978" starb am

Nun habe ich auf der Webseite des Staatsarchives Sigmaringen (wo ich viele v�terliche Vorfahren habe)
folgendes gefunden:

https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/bild_zoom/zoom.php?bestand=29&id=3089093&gewaehlteSeite=06_0000391234_0162_6-391234-162.jpg&screenbreite=1680&screenhoehe=1050

Eintrag ganz unten

Staatsarchiv Sigmaringen, Signatur: Ho80AT2, Band 861 Seite 7v vom 17.05.1628
Verh�rprotokoll der Grafen Sigmaringen
"Bingen:
Hans Koch, Stoffel Reisser
Balthasar Antholff? alle von Bingen
haben untert�nig um gn�dige
Licenz angehalten in die Pfalz zu
ziehen [...]"

Um diese Zeit sind sehr viele aus dem Sigmaringer Raum
in die Pfalz gezogen, alle paar Seiten aus diesen Verh�rprotokollen
der Grafschaft Sigmaringen kommen Abz�ge von Personen in die Pfalz.

Aber war die Pfalz damals nicht eher eine Evangelische Hochburg?

Die Sigmaringer waren alle katholisch.

K�nnte dies eine Spur meiner Kochs sein?
D�rfte wohl sehr schwierig sein, hier die Querverbindung zu recherchieren,
ob der Koch in der Pfalz �berhaupt ankam und wenn ja, wo dort.

Wikipedia sagt �ber Dielkirchens Geschichte:

Die Auswirkungen der Reformation <http://de.wikipedia.org/wiki/Reformation&gt; waren 1548 sp�rbar, ab 1621 die Folgen des Drei�igj�hrigen Krieges <http://de.wikipedia.org/wiki/Dreißigjähriger_Krieg&gt;, sodass aufgrund von Seuchen und Krankheiten um 1628 nur noch 370 Menschen in Dielkirchen lebten
1635 war die Gegend g�nzlich entv�lkert, die Pfarrei "steht 4 Jahre ledig".

War hier ein Anwerben der Herrschaften von Dielkirchen und den Grafen Sigmaringens um deren Untertanen
evtl. vorgegangen? Der Zeitraum deckt sich mit meinen o.g. Angaben aus den Verh�rprotokollen Sigmaringens.

Aber ob die katholischen Kochs aus der Sigmaringer Herrschaft meine evangelischen in Dielkirchen
sein k�nnten ist wohl zweifelhaft oder?

Viele Gr��e,
Daniel (Oswald)

Oberdischingen, 24. März 2014

Sehr geehrter Herr Oswald, liebe Leser !

In den 1620er Jahren scheint im deutschen Südwesten starke Überbevölkerung geherrscht zu haben. Man findet immer wieder Fälle, in denen Leute wegen geringer Vergehen (uneheliche Geburt, falsche Leibeigenschaft) aus der Herrschaft verwiesen wurden oder andere, die eine Zeit lang abwesend waren, nicht zurück durften. Immer wieder sind - sofern die Quellen noch existieren - Abwanderungen in die Pfalz nachzuweisen, viel mehr jedoch (besonders um 1623) nach Österreich und Böhmen.

Es ist erst einmal zu klären, ob mit der Pfalz die Kurpfalz gemeint war oder die Oberpfalz (was angesichte der Auswanderungen ins benachbarte Böhmen nicht auszuschließen ist). Wenn es die Kurpfalz war, dann dürften die Zuwanderer am ehesten in die nächstliegenden Ämter gezogen sein. Für die Südwestdeutschen wären dies die Bezirke Heidelberg, Bretten, Mosbach und Boxberg. Abwanderungen "über Rhein" kommen auch vor, gehen dann aber meist ins Elsaß.

Dielkirchen gehörte damals aber gar nicht zur Kurpfalz, sondern zur Herrschaft Stolzenberg, die am Ende des Alten Reichs zu zwei Dritteln zweibrückisch, zu einem Drittel falkensteinisch war.

Es ist also sehr unwahrscheinlich, daß die Auswanderer Koch aus Bingen zwar in die Pfalz wollten, sich aber außerhalb der Pfalz an einer weit entfernten Stelle niederließen.

Selbst wenn sie nachweislich nach Dielkirchen gezogen wären, ist immer noch nicht nachgewiesen, daß sie dort die Pest von 1635 überlebten und zu den Stammeltern der zwei Generationen später dort nachgewiesenen Koch wurden.

Mit freundlichen Grüßen, Friedrich R. Wollmershäuser

Hallo Herr Wollmershäuser,

das Thema Bevölkerung interessiert mich, da ich mich grade damit im eigenen Ort beschäftige. Ich habe nicht ganz verstanden, wieso Menschen wegen Überbevölkerung aus dem S-W abgewandert wären, und gleichzeitig in die Pfalz - die ich auch zum S-W zähle - eingewandert sind? Da stehe ich wohl auf dem Schlauch:-(

Welche Quellen lassen um 1620 auf eine "Überbevölkerung" und in welchem Sinne schließen?

Ich würde mich freuen, darüber mehr zu lernen!

Grüße,
Andrea Kindelberger

Sehr geehrte Frau Kindleberger !

Unter Südwestdeutschland verstehe ich Baden-Württemberg, nicht jedoch die Pfalz im Sinne des südlichen Teils von Rheinland-Pfalz. Für die rechtsrheinischen Ämter der Kurpfalz fehlen die Quellen, um Aussagen zu einer etwaigen Übervölkerung vor 1650 zu machen. Wenn dieses Gebiet Ziel der Wegziehenden gewesen sein sollte, dann muß es dort noch Luft gegeben haben. Man kann allenfalls vermuten, daß die Pest von 1626 dort besonders stark zugeschlagen hat und zahlreiche Hofstellen unbesetzt waren.

Meine Kenntnis über die Abwanderungen stammt aus den Amtsprotokollen und Amtsrechnungen der fraglichen Zeit. Zuletzt habe ich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart die Ratsprotokolle des Klosters Ochsenhausen durchgesehen (B 481 L), eines der größeren Territorien des Alten Reichs. Letztes Jahr fand ich viele Auswanderer nach Österreich in den Rechnungen der Pflege Rettenberg (Staatsarchiv Augsburg, Augsburger Pflegämter I Nr. 4421ff.). Dabei sind teilweisen sogar die genauen Zielorte angegeben.

Nachweise über Auswanderungen um 1623 finden Sie auch in dem Buch von Werner Hacker, Auswanderungen aus Oberschwaben (Stuttgart und Aalen 1977).

Eine Übervölkerung läßt sich durch Volkszählungs-Daten nachweisen, die für die fragliche Zeit jedoch nur geschätzt werden können. Man kann das Phänomen aber auch fassen, indem man den Umgang der Herrschaft mit den Untertanen untersucht. Es wird dann schnell deutlich, ob solche Leute angelockt oder vertrieben werden sollten.

Mit freundlichen Grüßen, Friedrich R. Wollmershäuser

"Andrea Kindelberger" <andrea@kindelberger.de> schrieb:

Sehr geehrter Herr Wollmersh�user,

haben Sie recht herzlichen Dank f�r die interessante und logische Antwort.
Das mit Pfalz eher die Region um Heidelberg gemeint ist, das kann ich best�tigen.
Die inzwischen online eingestellten Verh�rprotokolle der Grafschaft Sigmaringen
gaben auch dies in dem Zeitraum 1620 herum preis. Das Elsa� wurde auch des�fteren
erw�hnt. Aber auch B�hmen, �sterreich (Wien) wie Sie bereits erw�hnten.
Es waren auch viele Auswanderer darunter, deren Ausreisegrund nicht angegeben wurde.
W�re es ein Vergehen der Untertanen gewesen, w�re dies in den Protokollen beschrieben
worden. Viele davon waren aber auch einfach nur arm und suchten ihr Gl�ck in den ferneren L�ndern.

Viele Gr��e,
Daniel (Oswald)