Kloster Altenberg bei Wetzlar: Königsberger Diakonie

Kloster Altenberg
Umzug zum Lebensabend
/Von Wolfgang Ahlers, Solms/
Ein Leben zusammen: Die Entscheidung zu gehen ist den Frauen schwergefallen http://www.faz.net/m/{DDB1DA85-DF4F-455E-9FB9-AE137B2C4E76}Picture.jpg

In der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Klosteranlage Altenberg schlie�t demn�chst ein bedeutendes Kapitel: Nach mehr als 50 Jahren verlassen die Schwestern der K�nigsberger Diakonie ihr Mutterhaus auf dem Altenberg. Damit verbunden ist auch die Schlie�ung eines Alten- und Pflegeheims, das die als gemeinn�tzige GmbH gef�hrte K�nigsberger Diakonie mit Gesch�ftssitz in Wetzlar dort betreibt.
Dann soll sich f�r das Jahrhunderte alte Anwesen in der N�he des Solmser Ortsteils Oberbiel, oberhalb des Lahntals, wieder einmal Vieles �ndern. Nach Sanierung und Umbau will die Diakonie dort ein Begegnungszentrum einrichten; einen anderen Teil des Geb�udes �bernimmt die Fachhochschule Gie�en-Friedberg, die in attraktivem Ambiente Tagungen und Seminare f�r Studenten und Wirtschaftsvertreter anbieten will.

*Regeln der Gemeinschaft*
Leicht sei ihnen der Entschluss nicht gefallen, das Domizil ihrer Lebens- und Glaubensgemeinschaft nach Jahrzehnten aufzugeben, sagt Oberin Hannelore Skorzinski. Zumal ihnen die K�nigsberger Diakonie nach Angaben ihres theologischen Leiters, Pfarrer J�rn Contag, einen Geb�udefl�gel als sogenanntes Feierabendheim herrichten wollte. Beim Konvent entschieden sich die Diakonissen jedoch zum Umzug; sie wollen ihren Lebensabend nun in einem der Alten- und Pflegeheime verbringen, das die K�nigsberger Diakonie in Wetzlar betreibt.
"Es gibt dazu keine Alternative", sagt die Oberin, denn die Zahl der Bewohnerinnen des Mutterhauses auf dem Altenberg ist im Laufe der Jahre immer weiter gesunken, zugleich stieg der Altersdurchschnitt. Nur noch elf Schwestern leben heute im Mutterhaus, die j�ngste ist 69 Jahre alt, die �lteste 102. Zu den Regeln der Gemeinschaft z�hlt zwar die gegenseitige Unterst�tzung im Krankheitsfall, mehr als die H�lfte der Schwestern sei jedoch pflegebed�rftig. Betreuung rund um die Uhr, sagt die 70 Jahre alte Oberin, sei mit dem Ende des dem Mutterhaus angeschlossenen Heims auf dem Altenberg nicht mehr m�glich.

*Flucht und Vertreibung*
Der Umzug nach Wetzlar bedeutet f�r die Altenberger Schwestern die letzte Station eines bewegten Lebens. Von ihrem Diakonissenverband entsandt, engagierten sie sich an vielen Orten nicht nur in Deutschland f�r den "Dienst der N�chstenliebe", arbeiteten in Krankenh�usern, Alten- und Pflegeheimen, in Waisenh�usern und Kinderg�rten oder in der Ausbildung des Nachwuchses.
Auch die Kriegswirren mit Flucht und Vertreibung vom Stammsitz in K�nigsberg haben die �ltesten Schwestern noch miterlebt. Die K�nigsberger Diakonie entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Initiative des sozial engagierten Pfarrers Theodor Fliedner in der gr��ten Stadt Ostpreu�ens, wo zuletzt ann�hernd 800 Diakonissen t�tig waren.

*Tatkr�ftige Helferinnen f�r einen Neuaufbau*
Mit Kriegsende und der sowjetischen Besetzung des n�rdlichen Ostpreu�ens fl�chteten viele in den Westen. Andere aber blieben noch. Wer nicht in Gefangenschaft geriet, pflegte Verwundete, Alte und Kranke, bis die neuen Machthaber diesem Einsatz mit der Ausweisung 1948 ein Ende bereiteten. In mehr als 40 Mutterh�usern, Kirchengemeinden oder Fl�chtlingslagern in mehr als 200 Orten fanden K�nigsberger Diakonissen nach dem Krieg Aufnahme, wie aus den von Oberin Hannelore Skorzinski verwalteten Unterlagen hervorgeht.
Bestrebungen scheiterten, in Berlin ein neues Mutterhaus einzurichten, weil sich in der geteilten Stadt kein geeignetes Domizil fand. Nach mehreren vergeblichen Anl�ufen anderenorts wurde die Diakonieleitung am Ende in Mittelhessen f�ndig. Krankenhaus, Alten- und Kinderheim in Wetzlar warben um die Dienste der Diakonissen. Im nahe gelegenen Altenberg waren die Diakonissen auch als tatkr�ftige Helferinnen f�r einen Neuaufbau gefragt. Ein Brand hatte Anfang der f�nfziger Jahre gro�e Teile der ehemaligen Stiftsbauten in Schutt und Asche gelegt, wo sich bis dato ein Kindererholungsheim der evangelischen Kirche befand.

*Kulturelle und spirituelle Angebote*
Auf der Suche nach Partnern f�r den Wiederaufbau und f�r eine Nachfolgeeinrichtung einigte sich der Besitzer des Anwesens, das Haus Solms-Braunfels, mit der K�nigsberger Diakonie auf einen Erbbaurechtsvertrag. Bis 1955 wurden die Ruinen f�r die Schwestern als Mutterhaus wieder aufgebaut; dort lebten in manchen Jahren weit mehr als hundert Bewohnerinnen. Hervorgegangen aus der Selbsthilfe der Schwestern, kam sp�ter ein Alten- und Pflegeheim hinzu, das jedermann offensteht, sowie ein Ausbildungstrakt f�r Hauswirtschaft. Seit dem Neuanfang nach dem Kriege hat sich die K�nigsberger Diakonie mit etwa 500 Mitarbeitern mit H�usern in Wetzlar, Solms, Braunfels und H�ttenberg zu einer der gr��ten Sozialeinrichtungen im Lahn-Dill-Kreis entwickelt.
Nach Renovierung und Umbau der fr�heren Stiftsgeb�ude, die aus verschiedenen Jahrhunderten stammen, wird sich die Diakonie auf dem Altenberg mit kulturellen und spirituellen Angeboten engagieren. Nach Auskunft von Pfarrer Contag sollen Kirche, S�le und H�fe f�r Musik- und Theaterdarbietungen hergerichtet werden. Andere R�ume stehen f�r Seminare zu religi�sen und ethischen Fragen oder f�r die Fortbildung von Mitarbeitern der Kirche zur Verf�gung.

*Bauarbeiten im n�chsten Jahr*
Geplant ist au�erdem, im ehemaligen Torhaus nach fr�heren Vorbildern eine Herberge f�r Pilger einzurichten. In der anderen H�lfte der gut 3.000 Quadratmeter umfassenden Geb�ude kommt die Fachhochschule Gie�en-Friedberg unter, die dort Veranstaltungen f�r die Ausbildungsg�nge des Dualen Studiums abhalten will. Schon seit einigen Jahren nutzt die Fachhochschule mehrere R�ume des alten Stifts f�r den Austausch von Studenten, Dozenten und Unternehmensleitern. Altenberg soll nach Auskunft von Fachhochschul-Vizepr�sident Harald Danne ausgebaut werden f�r die Modellstudienf�cher Wirtschaftsethik und Unternehmensf�hrung sowie f�r die Weiterbildung von Firmenmitarbeiter zu aktuellen Themen der Forschung.
Rund f�nfeinhalb Millionen Euro sind an Kosten insgesamt veranschlagt. Sofern die Finanzierung bis dahin gesichert ist -- die Fachhochschulleitung verhandelt noch mit der Landesregierung --, sollen die Bauarbeiten im n�chsten Jahr beginnen. Schon im Sp�tsommer verlassen Diakonissen und Heimbewohner den Altenberg.

*Vom Frauenkloster zum Hofgut*
Das ehemalige Stift Altenberg und insbesondere die gotische Klosterkirche mit ihren kostbaren mittelalterlichen Wandmalereien z�hlen zu den bedeutendsten Baudenkm�lern dieser Art in Hessen. Die Anf�nge der Anlage lassen sich bis ins sp�te 12. Jahrhundert verfolgen. Nach bescheidenen Anf�ngen wurde das Anwesen der Pr�monstratenserinnen im 13. Jahrhundert betr�chtlich erweitert. Dazu trug den Chroniken zufolge vor allem die zu dieser Zeit amtierende Meisterin des Klosters, Gertrud, bei. Sie setzte sich f�r den Ausbau des Klosters ein und widmete sich, wie ihre Mutter, die heilige Elisabeth, besonders der Hilfe f�r Arme und der Pflege von Kranken. Diese Wohlt�tigkeiten brachten dem Kloster beachtliche Schenkungen ein, die zur wirtschaftlichen Bl�te f�hrten. Unter Meisterin Gertrud entstand als architektonisches Prunkst�ck des Stifts die stattliche Klosterkirche, die um 1270 geweiht wurde.
W�hrend des Drei�igj�hrigen Krieges wurde das Kloster mehrfach gepl�ndert und in Teilen besch�digt. Die Ordensfrauen mussten sich zeitweise anderswo in Sicherheit bringen. Schon vorher hatte das Kloster an Bedeutung verloren. Gleichwohl konnte das Stift seine Selbst�ndigkeit durch kaiserliche Privilegien, die noch aus der Anfangszeit stammten, �ber Jahrhunderte bewahren. Daran �nderte auch die Reformation nichts, die zum Glaubenswechsel in den meisten St�dten und D�rfern rund um das Kloster f�hrte. Erst 1803, mit dem Reichsdeputationshauptschluss, kam das Ende des Klosters Altenberg. Das Anwesen mit seinem land- und forstwirtschaftlichen Besitz wurde dem F�rstenhaus zu Solms-Braunfels �bereignet, der Sakralbau der evangelischen Kirche zugewiesen. Die L�ndereien wurden zum Hofgut Altenberg zusammengefasst, das noch heute besteht. Erster Gutsverwalter war der Vater von Friederike Fliedner, die gemeinsam mit ihrem Mann, dem Theologen Theodor Fliedner, zu den Gr�ndern der Diakonissen-Anstalten z�hlte.

FAZ.NET, � Frankfurter Allgemeine Zeitung 4. August 2009 Text: F.A.Z. Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET