Hallo,
ich wurde gebeten, diese Suchmeldung, die in der Marine-Zeitschrift veröffentlicht wurde, weiterzuleiten.
Beate
Friedrich Kroll
Die Redaktion erhielt Kenntnis von einem Brief
an Yad Vashem in Jerusalem, den wir in einer
Rohübersetzung unseren Lesern zur Kenntnis
geben möchten. Interessant in diesem Fall wäre,
ob noch irgendwelche Kenntnisse über den
weiteren Lebensweg des Friedrich Kroll bekannt
sind. In diesem Fall wären wir für entsprechende
Hinweise dankbar.
Text des Briefes:
Ich möchte den Angehörigen der Kriegs marine
Friedrich Kroll (geboren am 5.5.1898 in
Alexandrovka/Russland) zur Wahl vorschlagen,
der das Leben einiger hundert Juden in
LiepCja/Lettland während der »Aktion« vom 14. -
17.12.1941, bei der 2.749 Juden getötet wurden,
gerettet hat.
Kroll, ein Reservist der Kriegsmarine im Range
eines Verwaltungsinspektors (entspricht einem
Kapitänleutnant), war vom 21.10.41-24.10.44 in
LiepCja Verwaltungsbeamter für Verbrauchs- und
Nachschubangelegenheiten. Zu seinem
Verantwortungsbereich gehörte die Marine-Bekleidungskammer,
die in der früheren
Korkenfabrik untergebracht war, und in der ca.
100 Juden arbeiteten. Als er erfuhr, dass der SS-
und Polizeichef Dietrich befohlen hatte, dass alle
luden vom 14.-17.12.1941 in ihren Wohnungen
bleiben sollten, wurde ihm folgerichtig klar, dass
sie verhaftet und erschos sen werden sollten.
Darauf befahl er allen luden, die für ihn arbeiteten,
die nächsten drei Nächte in der Korkenfabrik zu
bleiben, statt nach Hause zu gehen. Dies rettete
ihnen das [eben.
Eine Darstellung dieses Vorfalls schildert der
Lehrer Kalman Linkimer (1913-ca. 1980), des sen
315-seitiges Tagebuch 1941 - 1945 ich gerade
aus dem Jiddischen ins Englische übersetz t habe:
»Kurz nach der blutigen Dezember- Aktion sah
man keine Juden auf den Straßen oder bei der
Arbeit. Es hatte den Anschein, dass es nur eine
ausgewählte kleine Anzahl geschafft hatte, dem
Tode zu entgehen. Aber bald stellte sich heraus,
dass ein Kapitän der Kriegsmarine (Kroll), der
Leiter der Marine-Bekleidungskammer in der
Korkenfabrik, eine große Anzahl von Juden
versteckt hatte. Während der drei blutigen Tage
hatte er ihnen nicht erlaubt, die Korkenfabrik zu
verlassen.«
Er war nicht damit zufrieden, nur jene Juden
gerettet zu haben, die seinem Ratschlag gefolgt
und in der Korkenfabrik geblieben waren.
Zumindest in einem Tag der »Akti on«, dem
16.12.41, ging er zum Gefängnis, wo die
verurteilten Juden gefangen gehalten wurden und
überzeugte den SU, diejenigen freizulas sen, die in
der Korkenfabrik arbeiteten. In der Tatkontrollierte
der SID nicht die Namen und so schlossen sich
einige Juden, die eigentlich nicht auswählbar
waren, der Menge an und entkamen so dem
Gefängnis.
Ein stiller Held
Eine Darstellung dieses Vorfalls schildert So-lomon
Feigerson (Yehuda Leib Str. 54/8, Rishon
I -e Zion, 75297): »(16.12.1941) Wir fanden uns
im Gefängnishof wieder, der mit Menschen
überfüllt war. Sie waren alle in einem
hysterischen Zustand: Frauen weinten und
rauften sich die Haare; Kinder schriee; Männer
stöhnten »Das ist das Ende!« In der Menge sah
man lettische Polizisten hin- und hergehen, die
auf die Menschen links und rechts von ihnen mit
Gummiknüppeln einschlugen. Juden waren in
Linien mit dem Gesicht zur Wand aufgestellt. Wir
mussten dort Stundenlang stehen und wagten
nicht, uns umzudrehen. Falls irgendjemand den
Hof überquerte, um sich seiner Familie in ihrer
letzten Stunde anzuschließen, stürzten sich die
Polizisten auf ihn und schlugen ihn mit ihren
Gummiknüppeln.
Bei Tagesanbruch begannen sie, uns auf
Lastwagen zu treiben, brüllend und uns mit
Gewehrkolben schlagend. Die Lastwagen kamen
ins Gefängnis in kurzen Abständen. Das Ganze
dauerte bis etwa zehn, elf Uhr. Die Menschen
wurden zu den Dünen nördlich des
Marinestützpunktes gebracht. Sie mus sten sie i
reihenweise an den Gräben aufstellen, die kurz
vorher von sowjetischen Kriegs gefangenen
ausgehoben worden waren, und wurden
erschossen.
Plötzlich erschien ein SD-Offizier in dem
Gefängnishof. Er wurde von einem Marineotti7ier
namens Kroll begleitet, welcher der Leiter an der
Korkenfabrik war, wo einige Luden arbeiteten.
Der SD-Offizier brüllte: »Diejenigen, die an der
Korkenfabrik arbeiten, rechts heraustreten!«
Menschen beeilten sich, sich in einer Formation
aufzustellen. Meine Mutter griff meinen Bruder,
mich und meinen Cousin bei der Hand und
schloss sich der Gruppe an; wir hatten nichts 711
verlieren in diesem Augenblick. Begleitet durch
den Marineoffizier wurden wir aus dem
Gefängnishof hinausgelassen. Unterwegs gelang
es uns, die Gruppe zu verlassen. Sofort kehrten
wir nach Hause zurück.«
Feigerson nahm in Israel Kontakt mit drei
Überlebenden auf, die Kroll kannten. Hier ihre
Anmerkungen, wie er sie wiedergibt. Er wird
Ihnen gesondert schreiben.
(Riva Zippori, 6/22 Kedoshei Kahir, Neot Ra-chel,
Holon, 58308) Bestätigt, dass Juden, die für
Kroll in der Korkenfabrik arbeiteten, dort drei
Tage und Nächte während der »Aktion« blieben.
(Eugenie Goldberg, 10 Gafonoy St., Tel Has-homer,
Rarnat Gan). Erinnert sich an den Chef
Kroll als einen Mann, der nicht zu den Nazis
gehörte:
(Glika Tosh, 74/11 Zahal St., Peth Tikva). Sah
den Chef (Kroll) täglich bei der Reinigung seines
Büros. Hat die beste Meinung von diesem Mann.
Nun zu den restlichen Fragen in Ihren
Anweisungen.
Original Contact. (Ursprüngliche Begegnung)
Kroll war in LiepCja nursiehen Wochen und
konnte all seine Arbeiter nicht persönlich
kennen. Die Initiative ging vollständig von ihm
aus.
Material Compensation. (Malerielle Ent-schädigung)
Keine.
Dangers and Risks. (Gefahren und Risiken)
Krolls Vorgesetzte, Marinekommandeur Fre-gattenkapitän
Hans Kawelmacher und im be-sonderen
sein Adjutant, Korvettenkapitän Fritz
Brückner waren grausame Antisemiten. Am
5.7.41 erließ Brückner eine Reihe von Re-gularien
für Juden, welche die drakonischsten im
Baltikum waren, am 8.7. drohte er an, für jeden
verwundeten deutschen Soldaten 100 Juden zu
töten, und am 22.1. bat Kawelmacher per
Funkspruch den Admiral Ostseeflotte um die
Entsendung von 100 SS-Männern nach LiepCja,
da es 8.000 Juden in LiepCja gäbe und bei dem
jetzigen Tempo würde es ein Jahr dauern, dass
Judenproblem zu lös en. Tatsächlich kam eine
Mörderschar aus Riga und tötete 1.100 jüdische
Männer innerhalb der nächsten drei Tage. Krolls
Marinepersonalakten bei der deutschen
Wehrmachtsaus kunftsstelle in Berlin enthalten
keinen Eintrag über eine Bestrafung für die
Rettung von Juden, oder über die Rettung selbst
(Peter Fiedler, E-Mail, April 2003). Natürlich
hatte Kroll bei der Haltung seiner Vorgesetzten
Gründe, Repressalien zu fürchten und konnte
nicht wissen, dass er einer Bestrafung entgehen
würde.
Motivation. (Beweggrund) Soweit man seine
Taten 62 Jahre später beurteilen kann, scheinen
sie durch Uneigennützigkeit und die totale
Ablehnung der Nazi-Rassenlehre begründet zu
sein. Kroll war in Russland geboren, lebte vor
dem Zweiten Weltkrieg in Ostpreußen und
arbeitet im Jahr 1939 als Übersetzer für
Russisch und Polnisch, bevor er zur Marine
einberufen wurde. Es ist bemerkenswert, das s er
es trotz diesem Ausgesetztsein völlig unterließ,
deutschen, russischen oder polnischen
Antisemitismus anzunehmen.
Es ist nicht klar, ob Kroll und seine Familie den
Krieg überlebten. Er wurde wegen Herzkrankheit
am 30.11.44 aus der Kriegsmarine entlassen und
ging nach Szamotuly (Samtei), in der Nähe von
Poznan im Wartheland (Westpolen); wohin seine
Familie evakuiert wurde, als die Rote Armee ihre
Heimatstadt Tilsit besetzte: Als die Rote Armee
auf Poznan marschierte, war es schwierig zu
entkommen, und viele Flüchtlinge kamen um.
Herr Fiedler von der Wehrmachtsauskunftsstelle
hat den kirchlichen Suchdienst in Stuttgart ge-beten,
ob sie irgendeinen Hinweis auf Kroll oder
seine Familie habe, hat aber bisher noch keine
Antwort erhalten.
Meine Mitüberlebenden aus LiepCja und ich
hoffen, dass Sie diesen Fall überzeugend genug
finden, um Krall als einen Rechtschaffenen
unter den Völkern (Righteous Among the
Nati ons) zu ehren.
Hochachtungsvoll
gez. Edward Anders
44
MARINEFORUM 9-2003