Kann ein Kind Geschichte (er)fühlen?

Am 9. April des Jahres 1940 �berf�llt die deutsche Wehrmacht
unter dem Decknamen "Weser�bung S�d" das K�nigreich D�nemark und
bricht damit den erst am 31.Mai 1939 geschlossenen deutsch-d�nischen
Nichtangriffspakt. Die Besetzung D�nemarks sollte mehr als f�nf
Jahre dauern, bis Europa im Tr�mmern lag.

"Wie bet�ubt nahm man im Laufe des 9. April 1940 die fremden Soldaten
und die beunruhignden Aufrufe von K�nig und Regierung zur Kenntnis.
Die Bev�lkerung verhielt sich auch dementsprechend im Sinne dieser
Aufrufe nahezu einhellig ruhig und passiv." (S. 23)

Matthias Bath beschreibt sodann auf den folgenden Seiten geradezu
minuti�s, die sich immer versch�rfende Lage im besetzten D�nemark,
nennt Namen und Tage, Aktionen und Bewegr�nde, Erfolge und Niederlagen
der sich bildenden Widerstandsbewegung und der immer sch�rfer
eskalierenden gewaltsamen Reaktonen der deutschen Besatzungmacht,
bis mit der deutschen Kapitulation im Mai 1945 im wahrsten Sinne
des Wortes ein ganzes Volk "aufstand", um sich seiner Freiheit und
W�rde bewusst, seiner Unterdr�cker zu entledigen.

Als in den Monaten nach der Befreiung D�nemarks die dort befindlichen
deutschen Truppen in Aufl�sung begriffen, s�dw�rts zur�ckst�mten,
mit und neben ihnen mehr als 300.000 (Seite 286) deutsche Ost-
fl�chtlinge �ber den allerletzen Seeweg, die Ostsee, ins Land gekommen
waren, muss die "Luft gebrand" haben an der deutsch-d�nischen Grenze.

Dort, genau dort, an der Bahnsrtecke von Flensburg �ber Padborg
nach D�nemark wurde ich, der Schreiber dieser Zeilen, am 23. Januar 1945
geboren, ein Baby, in gutb�rgerlichem, eher sogar wohlhabendem
Eltenhaus, von dem "man" aber dennoch sagte, es sei "einem KZ-Kind"
�hnlich, so in schlechtem Zustand war ich, das 8. Kind meiner Eltern.

Als Kind, als Volkschulkind in Flensburg-Weiche, kannten wir die
Worte "Speckd�nen" oder "Tyskerpiger", wussten sie in ihrer Wirkung
gegen�ber dem jeweilgen Anderen zu gebrauchen und wir erfuhren
erstmals was eine "Grenze" w�re, an der man kontrolliert wurde,
mistrauisch be�ugt und mit �ngstlicher Stille von den Eltern
auf dem R�cksitz des kleinen DKW hin- und zur�ckgehalten.

Ich stand am Strand der Flensburger F�rde und sah sehnsuchtsvoll zu den
beiden "Ochseninseln" hin�ber. Dort, so sagte man mir, seien Deutsche
nicht gern gesehen, "Nein, r�berfahren k�nnen wir da nicht", wurden
wir beschieden und konnten es nicht begreifen - nur f�hlen! sic!
Da musste schreckliches passiert sein...

Heute, ich bin 66 Jahre alt geworden, finde ich durch einen
Zufall in der Hotelbibliothek "Hohewacht" an der Ostsee ein Buch:

Matthias Bath, DANEBROG gegen Hakenkreuz
Der Widerstand in D�nemark 1940-1945

(c) 2911 Wachholtz Verlag, Neum�nster
368 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-529-02817-5

Ich habe diese Seiten verschlungen, es war mir, als h�tte ich
alles selbst erlebt, h�tte es immer schon gewusst, das was ich
dort erfuhr, alles, alles, alles...

NEIN, das ist nat�rlich Unsinn, aber ich verstand pl�tzlich den
Grund der tiefen Angst eines 5- oder 6-j�hrigen, der ich damals
war, wenn er auf der Bundesstra�e von Flensburg nach Flensburg-Weiche
an der "Kinderfabrik" vorbei musst. Das Haus, abgewackt, sch�big und
auf einer kleinen Annh�he, einsam am Weg gelegen war bewohnt von
vielen Familien die wir, weil sie sich zur d�nischen Minderheit z�hlten,
und die wir deswegen als "Speckd�nen" beschimpften, was uns, meinen
vier Geschwistern und mir ab und an eine geh�rige Tracht Pr�gel
einbrachte...

Was war das?
Was konnte das sein?

Mit hat dieses kenntnisreiche, im wahren Sinne "spannende" Buch
des deutschen Autors Matthias Barth aus Berlin, die Augen ge�ffnet,
hat meinen geschichtlichen Wissensdrang und mein menschliches
Gef�hl f�r Recht und Unrecht, angelegt in der Kindheit, beh�tet
und doch die Gefahr witternd befriedet, ja zum Frieden gef�hrt!

L�ngst herrscht nicht nur Frieden zwischen Deutschen und D�nen, aber

   "�ber Ereignisse in D�nemark w�hrend des zweiten Weltkrieges
   ist in Deutschland nur wenig bekannt. D�nemark war stets ein
   Nebenschauplatz. In der deutschen Wahrnehmeung sind andere
   Ereignisse des Krieges haften geblieben. Das ist in D��nemark
   jedoche v�llig anders, wo der Schock der Besetzung nach wie
   vor als latentes Trauma nachwirkt. (Vorwort, S. 9)

Und genau so ist es bei mir bei dieser Weihnachtslekt�re ergangen.

Wie ein Kindheitstrauma, im Unverstand erlebt, l�sten sich nach
jedem Kapitel, nach jeder Seite, nach allem was derart klar und
belegbar wie ein Film der UFA-Wochenschau sich vor meinen Augen
enfaltete, sp�t aber nicht zu sp�t meine Barrieren.

Ich kann es kaum anders beschreiben, als dass in mir das "GEF�HL"
aufkam, als h�tte ich das alles in (m)einem fr�heren Leben
schon einmal "gesehen", h�tte es "geh�rt"... eben "erlebt".

Das habe ich nat�rlich nicht aber ich habe "GESCHICHTE gef�hlt"
meine, die meiner Familie im Grenzbereich lebend und meiner
Heimat - Deutschland, und nicht zuletzt unserer Nachbarn, den
D�nen, die mir mehr wurden als die Butterfahrt-Ziele oder
diejenigen, denen der DANEBROG im Vorgarten wichtiger war
als nationale Stentimentalit�t.

Nachwort:
Ich musste das Buch leider nur bis zu Seite 201 gelesen, in der
Hotelhalle zur�cklassen, aber f�r 32,00 EUR geh�rt es jetzt
auch mir.

Lieber Klaus,
unserer Geschichte in solchen Darstellungen nachzugehen, erlebte Geschichte aufzunehmen, in ihr eigene Lebenszeit, Gesp�rtes und und Erlebtes zu reflektieren, vielleicht aus solcher Erfahrung auch einmal eigene Erinnerungen verwoben mit der Geschichte unserer Familien selbst aufzuschreiben, auch das, nein gerade das sind die wichtigen Ergebnisse unseres Hobbys.

Auch in diesem Sinne w�nsche ich noch einmal ein gutes Jahr

Peter