Kahlau für Herrn Fürst

Hallo Herr Fürst.
Meine Tante hieß Magdalene Kirschnik. Die Eltern hatten in Kahlau ein Vorlaubenhaus, heute steht es, zwar ziemlich
ramponiert, unter Denkmalschutz.
Im Winter 1941/1942 hat sie Otto Hagenau geheiratet. Er mußte an die Front zurück, sie blieb bei den Eltern u. hat die meiste Zeit auf Lehrgütern gearbeitet, da das junge Ehepaar ein sog. Restgut beantragt hatte u. man für den Zuschlag Qualifikationen nachweisen mußte.
Als die Russen da waren u. sie Schnee u. Eis vor dem Haus entfernen mußte, hat ein vorbeifahrender Lastwagen sie einfach mitgenommen. Der polnische Knecht, der mit der Schwester u. Schwägerin gerade in der Scheune arbeitete, hat das beobachtet, ein Brett in der Wand gelockert durch das beide in den Garten gelangen u. sich verstecken konnten. Auch sie mussten, zusammen mit vielen Zurückgebliebenen, die Straßen von Eis u. Schnee für das Militär freihalten, wurden aber nach einigen Tagen immer wieder mit dem Lastwagen zurückgebracht.
Nach dem Krieg hat die Familie alles versucht um etwas über das Schicksal von Magdalena zu erfahren. Ich habe Briefe von 2 Lagerüberlebenden, eine Frau Meyka schreibt über ihre eigene Situation im Westen: Mein Mann arbeitet hier als Gartenarbeiter, meist auf dem Friedhof u. ich helfe im Haushalt damit wir uns wieder langsam ein paar Brocken zusammenlesen können.
Frau Gertrud Otte schreibt 1953 aus Berlin: Ich bin von 12 Hagenauern (Nachbarort von Kahlau) die einzige Überlebende. Dieses Sterben zu sehen war furchtbar. Meine Angehörigen habe ich alle verloren.
Beide waren im Lager bei Nisch-Nitagil. Magdalena starb dort an Typhus, wo genau wissen wir nicht.
In Nisch-Nitagil befand sich die Hauptverwaltung u. evtl. das Lazarett, die 12 Teillager lagen viele km voneinander entfernt. Die offizielle Todesnachricht erhielten wir 1999 vom Suchdienst des Roten Kreuzes mit Todesdatum, es hieß nur „auf dem Boden der ehemaligen UDSSR verstorben“.
Ich habe Magdalena nie kennen gelernt.
Die Front zog schnell weiter, mit der Besatzung begann das Elend. Ihre Schwester mußte bis zu Ausweisung bleiben, wie ihr Großvater. Sie mußte in Mohrungen auf dem großen Gut (vermutlich der Fam. Dohna) arbeiten, u.a. Ernten einbringen, alles in Handarbeit, das Vieh war längst Richtung Osten gebracht worden. Der 11jährige Sohn, der 1 Tasche Korn abzweigen wollte, wurde von einem Soldaten erwischt. Er hat ihn mit aufgepflanztem Bajonett vor sich hergetrieben, in den Keller des Rathauses von Mohrungen gebracht u. wollte ihn erschlagen. Es gelang ihm zu entkommen.
Die Russen hatten nichts. Die Soldatinnen gingen sofort an die Kleiderschränke, solange bis nichts mehr drin war. Sie haben alle Vorräte geholt u. waren Meister im Auffinden von Verstecken von Eßbarem. Die Hühner wurden von einer Kosakenschar, die plötzlich im Hof auftauchte, abgeknallt, nach ein paar Tagen wollten sie dann Eier haben.
Ich habe mir das erzählen lassen u. wäre sehr an den Aufzeichnungen des Großvaters interessiert. Denn auch die Familie der Schwester landete im Braunkohlebergbau. Der soziale Abstieg dieser Familien war eklatant. Sie hatten ein gutes Auskommen u. landeten mit Schaufel in der Hand im Braunkohleabbau. Sie haben sich trotzdem ein Häuschen bauen können, als Entschädigung erhielten sie 7500 DM.
Mit freundlichen Grüssen
Renate Kroeber