Hunsrueck-L Nachrichtensammlung, Band 70, Eintrag 25

Hallo, Helmut (Kuhn),

den lachenden Vagabund kenne ich und höre ihn auch heute noch sehr gerne.
Manche Leute scheuen aber vor dem Wort Vagus oder Vagabundus in den Kirchenbüchern zurück und fragen nicht. Und der Pfarrer, der ins Kirchenbuch schrieb, kannte das schöne Lied übrigens nicht.
Deshalb finde ich das Abschmettern von Fragen bezüglich verwendeter Begriffe nicht richtig.
Und ich fand die Ausführungen von TK sehr interessant und finde es toll, dass er sich damit befasst und seinen Wissensstand weitergibt, deshalb habe ich die Gelegenheit genutzt und nachgefragt. Aber im übrigen muss ja jeder sowieso am besten selber forschen und verschiedene Quellen lesen. Das hört niemals auf.
Also, irgendwie habe ich mich doch über Deine Mail gefreut, eine Kontroverse ist ja nicht unerwünscht.

Hier noch einmal mein Text von gestern, den Tobias nur unvollständig mitgeschickt hatte.
.-.-.-.
18.9.2010
Hallo, Tobias und Listenmitleser,

aber ich wollte trotzdem noch einmal nachfragen:

Vagus, vaga, vagi (vagorum, vagans etc.)
sind aber NICHT "automatisch" Vagabunden?!
Es gibt ja diese unterschiedlichen Begriffe in den Kirchenbüchern.
Ein Vagus, eine Vaga (= umherziehend) KANN zwar ein/e Vagabund/in sein, ist es aber nicht generell, sondern zieht umher, oft nur vorübergehend wegen des Berufes (z.B. ein Schuhmachergeselle auf der Walz, Zimmermannsleute, Korbflechter, auch Maurer).

Ein Vagabundus, wiederum, ist dann schon eher jemand, der - wie Du schreibst - am Rande der geltenden Gesellschaft stand/ steht. Wobei dies freiwillig oder unfreiwillig gewesen sein kann.
Letztendlich muss man wirklich - wie Du vorhast - Berichte, Protokolle lesen.

Der Pfarrer wird mal diesen und mal jenen Begriff ins Kirchenbuch geschrieben haben. Vielleicht kann man es so sagen:
Ein Vagus, eine Vaga war auf der Wanderschaft und hatte ein Ziel, eventuell mehrere Etappen.
Ein Vagabund lebte in den Tag hinein (freiwillig oder unfreiwillig) und ging mal hierhin, mal dorthin (?). Er war oft ganz harmlos und nicht automatisch "kriminell", ABER ein Krimineller war oft ein Vagabundus (weil er sich verstecken und fliehen musste).

Eine Erfassung, wie Du sie machst, ist ja zunächst einmal ohne Wertung und ohne Urteil. Aber sie führt dann eventuell dazu. Das finde ich aber in Ordnung. Dann kann man auch noch den Zeitraum und die Region mit berücksichtigen. Und: Was ist in jener Zeit geschehen? Was war da los? Gab es Zusammenhänge?

Da fallen mir alte Fotos in einem Buch ein, wo eine Berliner MIETWOHNUNG um die Jahrhundertwende abgebildet war, es war eine 2-Zimmer-Wohnung, in denen Vater, Mutter und 8 Kinder lebten. Keine Vagabunden, sondern Sesshafte. Arbeiter, die früher vielleicht Kleinbauern gewesen sind und hungrig und verarmt in die Stadt gekommen waren, um in der Fabrik zu arbeiten.
Der Kochherd befand sich mit im Raum. Auch die Wäsche wurde im Zimmer aufgehängt. Das Klo war draußen oder es gab nur ein Gemeinschaftsklo für mehrere Familien.
In den Hinterhöfen dieser Stadtwohnungen wurde manchmal noch das nötigste Gemüse angebaut.
Viele hungerten und die Kindersterblichkeit war hoch. Sie lebten oft am Rande der Gesellschaft, wurden nicht wahrgenommen.

Nicht ganz so war es auf dem Land, bei den Heuerlingen und Köttern (Backesleuten). Wenigstens hatten sie die frische Landluft. Aber lebte sie wirklich gesund? War das eine heile Familie? Oder beugten sie sich oft 12 Stunden am Tage über ihre Arbeit (tags auf dem Feld, abends dann oft noch über die Heimarbeit)?

Grüße,
Elke

-------- Original-Nachricht --------