Aus Gerd Schultze-Rhonhofs neuem Buch "Der Krieg, der viele V�ter hatte".
Schultze-Rhonhof war Generalmajor und Territorialer Befehlshaber f�r
Niedersachsen und Bremen.
S. 381
"Der zweite Anlauf, die R�ckendeckung Moskaus gegen Deutschland auszunutzen, ist
weit gr��eren Kalibers. Marschall Pilsudski unternimmt 1933 drei Versuche,
Frankreich zu einem gemeinsamen Angriff gegen Deutschland zu bewegen. Die
Versuche sind als "Pilsudskis Pr�ventivkriegspl�ne" in die Geschichtsschreibung
eingegangen. "Pr�ventiv", weil man dem polnischen Marschall die Absicht
unterstellt, er habe den damaligen Bem�hungen des Deutschen Reichs zuvorkommen
wollen, bei den Genfer Abr�stungsverhandlungen eine Lockerung der Versailler
R�stungsbeschr�nkungen zu erreichen. Der Versuch der deutschen Reichsregierung
noch unter Kanzler Br�ning, solch eine �nderung des Vertrags zu erreichen, und
der Aufbau einer Heimwehr der Danziger B�rger sind Marschall Pilsudski
Rechtfertigung genug, Deutschland zu "bestrafen" //Anmerkung LS: zu diesem
Zeitpunkt ist Polen Deutschland milit�risch �berlegen/// und - das ist zu
unterstellen - daraus weitere Territorialgewinne zu erzielen.
Der erste Versuch, die franz�sische Regierung zu einem solchen Angriffskrieg
gegen Deutschland zu bewegen, findet im Februar oder M�rz 1933 statt. Pilsudski
l��t bei den Franzosen in aller Diskretion sondieren, ob Frankreich zu einem
Krieg bereit sei, um Deutschland zur Einhaltung der Versailler Bestimmungen zu
zwingen. Frankreich f�hlt sich an das Angriffsverbot aus dem Kellog-Pakt
gebunden und geht auf das Angebot nicht ein. Der polnische Versuch wird sp�ter
von Warschau aus bestritten, doch er bleibt nicht unbemerkt. Am 17.Februar
verplappert sich der polnische Gesandte in Berlin Wysocki, als er mit dem
"Abteilungsleiter Osteuropa" des Ausw�rtigen Amtes Meyer die Nachbesetzungen f�r
den deutschen Milit�rattach� in Warschau und den polnischen Generalkonsul in
K�nigsberg besprechen mu�. Er fragt,
"ob es denn �berhaupt noch Zweck habe, diese Posten zu besetzen, da wir ja doch
am Vorabend eines Krieges zwischen Deutschland und Polen st�nden."
Nach dem Kriege hat auch die Historische Kommission des Polnischen Generalstabs
die polnischen Sondierungsversuche in Paris erw�hnt.
Die zweite polnische Sondierung in Paris in Richtung Pr�ventivkrieg findet Mitte
April 1933 statt. Polen wird gerade von antideutschen Unruhen heimgesucht. In
der genannten Zeit l��t der Marschall Truppen aufmarschieren. Kavallerie wird in
Pommerellen, vor Danzig und an der Grenze zu Ostpreu�en konzentriert.
Elitetruppen werden von Polens Ostgrenze abgezogen und ebenfalls dorthin
verlegt. In der zweiten Aprilh�fte wird Hitler erstmals von Botschafter von
Moltke aus Warschau �ber die Versuche der polnischen Regierung informiert,
Frankreich zu einem Pr�ventivkrieg gegen Deutschland zu bewegen. Nachdem
Frankreich auch nach der zweiten Sondierung Pilsudskis keine Neigung zeigt, sich
ohne rechten Grund auf einen gemeinsamen Krieg an der Seite Polens gegen
Deutschland einzulassen, sucht der polnische Staatschef einen anderen Weg, das
zunehmende Gewicht des Nachbarn Deutschland auszugleichen. Am 15.November 1933
l��t er den polnischen Botschafter in Berlin, Lipski, bei der deutschen
Reichsregierung anfragen, ob es einen Weg g�be, Polen nach dem Austritt
Deutschlands aus dem V�lkerbund eine R�ckversicherung gegen Deutschland zu
verschaffen. Hitler bietet Pilsudski einen Freundschafts- und
Nichtangriffsvertrag an. Am 24. November legt der deutsche Botschafter von
Moltke den Vertragsentwurf dazu im polnischen Au�enministerium vor. Dann
herrscht f�r sechs Wochen Funkstille zwischen Warschau und Berlin. Pilsudski
versucht in dieser Zeit ein drittes Mal, Paris zu animieren, einer zuk�nftigen
Wideraufr�stung Deutschlands durch einen Pr�ventivkrieg zuvorzukommen. Als
Frankreich ihm erneut die kalte Schulter zeigt, entschlie�t sich der polnische
Staatschef, seine Au�enpolitik zu �ndern. Am 9. Januar wird der
deutsch-polnische Freundschafts- und Nichtangriffspakt geschlossen. Damit kehrt
erst einmal Ruhe f�r vier Jahre ein.
Die polnischen Erw�gungen, das Deutsche Reich zu �berfallen und die drei
Sondierungen bei der franz�sischen Regierung w�ren ohne den russisch-polnischen
Vertrag wohl kaum zustande gekommen. Mit dem eigenen Aufgebot an Truppen und
einem gleichzeitigen Angriff Frankreichs gegen Westdeutschland h�tte die
polnische Armee noch 1933 Ostpreu�en und Danzig ohne weiteres Risiko erobern
k�nnen."
MfG
Lutz Szemkus