Hallo zusammen,
ein weiteres meiner zahlreichen, miteinander korrelierenden Interessengebiete ist - mit Bezug zur Ahnenforschung im weiteren Sinne - die Genetik.
Trotz vollmundiger Versprechen (bspw. sog. "DNA-Genealogie") der diversen, kommerziell arbeitenden Testfirmen sind übliche Testergebnisse, die anhand der yDNS bzw. der mtDNS (engl.: yDNA bzw. mtDNA) ja eine Haplogruppe bzw. einen bestimmten Haplotyp ermitteln, im Regelfall jedoch für die herkömmliche Familienforschung absolut nicht nutzbar - außer bedingt in Sonderfällen, wo es einem Probanden um die Ermittlung des Wahrscheinlichkeitsgrades (mehr nicht!) vermuteter genetischer Verwandtschaft anhand des Vergleichs der Testergebnisse von Angehörigen heute lebender Familien bspw. gleichen Namens oder gleicher geographischer Herkunft geht. Damit errechnete (!) gemeinsame Vorfahren lebten jedoch weit vor der Zeit schriftlicher Belege, ihre Namen sind nicht errechenbar! Man kann damit also keinesfalls Vorfahren finden, allenfalls eine gewisse Wahrscheinlichkeit (!) einer möglichen Verwandtschaft mit heute lebenden Personen errechnen. Dies muß man sich bei der Überlegung, einen solchen Test durchführen zu lassen, stets vor Augen führen!
Hochinteressant sind diese Testergebnisse jedoch, wenn man sich, wie ich, über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren zurückblickend für die anthropologisch-genetische Erforschung der Entstehungsgeschichte und die Siedlungshistorie der betreffenden Gruppen des europäischen (und auch amerikanischen) Homo Sapiens und späterer Kulturen und ihrer Volksgruppen interessiert.
Der bekannte Genetik-Forscher Prof. Dr. Kenneth Nordtvedt, Universität Montana, bezeichnet den Haplotyp der y-DNS-Haplogruppe I1, der meinem entspricht, als "I1-ASgeneric" (L22-). Er berechnete die Existenz des MRCA (jüngster, gemeinsamer Vorfahr) auf ca. 150 Generationen = ca. 4.500 Jahre vor heute. Dr. Nordtvedt schrieb mir weiter:
"Die zur Zeit beste Interpretation von "I1-ASgeneric" ist, daß er die Nachkommen der primären, ursprünglichen Ausbreitung der I1-Bevölkerung ab ihrem Gründer bzw. MRCA darstellt. Wir wissen nicht, wo dieser Mann lebte, aber der Großraum "Unteres Elbebecken" scheint das Kernland der I1 zu sein". Dies kann aus dem heutigen Verbreitungsgebiet von I1 geschlossen werden.
Die I1-Vorfahren dieses Mannes wiederum dürften Forschungserkenntnissen zufolge aus Südosteuropa stammen, wo sie bereits vor ca. 16.000 Jahren lebten und während der letzten Eiszeit "überwinterten". Demzufolge ist I1 immerhin über 20.000 Jahre alt, und die Haplogruppe I ist die der ersten Homo-Sapiens-Siedler in Europa vor ca. 35.000 - 40.000 Jahren. Unsere Vorfahren kannten also den Homo Neanderthalensis (Neandertaler) noch, der hier immerhin etwa 250.000 Jahre lang lebte!
Die Bezeichnung "AS" wählte Dr. Nordtvedt daher für "Anglisch-sächsisch", entsprechend der historisch (!) bekannten Bevölkerung des Herkunftsraums Schleswig-Holstein und Nordostniedersachsen - mit dem Zeitraum vor ca. 4.500 Jahren soll dieser Begriff natürlich nichts zu tun haben!
Eine interessante Frage wäre bspw., zu erforschen, wie, wann und durch wen der Haplotyp "I1-ASgeneric" aus Norddeutschland in den Unstrut-Saale-Raum gelangte und wie verbreitet er unter der dortigen Bevölkerung heute ist.
Eine mögliche Erklärung wäre die historisch belegte Zuwanderung von Angeln und Warnen, aber auch von Hermunduren in diesen Raum - die drei Hauptstämme, aus denen später die Thüringer entstanden, und die zuletzt aus dem oben genannten Raum stammten. Ihre Vorfahren müssen im Elberaum, sofern sie ihn nicht schon selbst aus älteren Siedlungsräumen mitbrachten, über die Jahrhunderte einen beträchtlichen Anteil von I1-Genen aufgenommen haben.
Diese drei Stammesgruppen stellten später in unserem Raum beherrschende Volksgruppen dar, die natürlich auch die genetischen Verhältnisse beeinflußten. Immerhin noch im Jahre 803, somit 250 Jahre nach der Unterwerfung des Thüringerreichs durch die merowingischen Franken, war das alte, immer noch gültige Stammesrecht der Thüringer als "Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum" ("Recht der Angeln und Warnen, d. h., der Thüringer") aufgezeichnet worden!
In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, wer von den Mitgliedern der hier angeschriebenen Listen, deren Vorfahren bspw. aus dem Großraum Unstrut-Saale-Gebiet stammen, wie ich der y-DNS-Haplogruppe I1 bzw. einer ihrer Haplotypen angehört.
Und vielleicht interessiert sich nun ja der eine oder andere von Euch ebenfalls für die Ermittlung seiner Haplogruppe ...
Viele Grüße,
Jürgen