Genealogische Mythen in ostpreußischen Mythen

Liebe Forschergemeinde,

viele von uns kennen aus Interviews mit Verwandten Aussagen wie
1. "Tante und Onkel XY wollten auf die Gustloff, kamen aber nicht mehr
rauf",
2. "unsere Vorfahren waren so arm, dass sie den Adel verkauft haben" und
3. "das waren Salzburger Exulanten".

Aussage 1 schreibe ich der (Be-)Greifbarmachung des Leides von
Flucht/Vertreibung für die nachgeborenen Generationen zu;
Aussage 2 vielleicht einer Form von Geltungsbedürfnis oder Aufwertung
der Familiengeschichte. Woher aber kommt die tra-
dierte Legende der Salzburger Exulanten unter Nr. 3.?

In meiner eigenen Familie gibt es diese Legende für einen Familienzweig,
die ich durch eigene Forschung inzwischen wider-
legen konnte. Warum aber war es en vogue, sich in die Reihe der
Nachkommen von Salzburger Exulanten zu stellen? Gab es
um die Salzburger Exulanten in Ostpreußen eventuell eine Glorifizierung
wie um die pilgrim fathers in Amerika?

Ich würde mich über Eure Einschätzungen freuen!

Mit den besten Wünschen

Nils (Kowalewski)

Forschungsinteresse: Salzburger Emigration / Emigranten - Literatur
    ab 1731 : Hinweise auf Zusammenstellung + Ergänzungen + Nachträge u.
    a. : zum Anklicken > SALZBURGER EMIGRANTEN: 🔶 Salzburger Emigration - Literatur: Hinweise in Teil I + II + III + IV + V sowie Ergänzungen + Nachträge u. a.

    Ich habe jetzt jedoch leider keine Quelle zur Hand, aber rein
    rechnerisch kann wohl jeder dritte Ostpreuße salzburgischer Herkunft
    sein, wenn man die nächste Generation nach 25 Jahren (Alter der
    Mutter bei der Geburt des 1. Kindes) rechnet. Und die Menschen
    hatten früher mehr Kinder als heute.

    Mit freundlichen Forschergrüßen und besten Empfehlungen
    Joachim Rebuschat

Jeder 3. Ostpreusse soll von den Salzburgern abstammen???
   Das ist ebenso historisch falsch wie laecherlich und zeigt, dass
   derjenige, der das behauptet, sich und alle anderen Ostpreussen gern
   abstammungsmaessig aufwerten moechte. Passt in die Mythenbildung. Immer
   die gleiche Tendenz: Die slawischen Elemente in der (baeuerlichen)
   Kultur und der Abstammung werden immer gern geleugnet, als politisch
   nicht korrekt gesehen.
   Die Bewohner Ostpreussens waren in den letzten 300 Jahren immer ein
   Vielvoelkergemisch. Dabei bestand die Bevoelkerung zumindest in der
   suedlichen Region (Masuren) zu 70 bis 80% aus
   slawisch/masowisch/polnischer Herkunft. Und es wurde auf dem Land noch
   bis 1871 fast ausschliesslich Masurisch gesprochen. Dann wurde
   preussifiziert.
   Salzburger waren die Ausnahmen und eine kleine Minderheit. Allein wenn
   man die Namen einer Kirchspiels ueber 2 Jahrhundert liest (was ich fuer
   Angerburg, Sensburg, Loetzen) gemacht habe, tauchen nur vereinzelt
   Namen auf, die auf die Salzburger zurueckzufuehren sind.

   Also, dass jeder 3. Ostpreusse Salzburgersche Abstammung ist,
   begruendet noch mit dem Kindereichtum (Sorry, aber die slawischen
   Abkoemmlinge haben sich genauso vermehrt), ist absurd und gehoert ins
   Reich der Maerchen.

   Fazit: die Mythenbildung haelt bis heute an und wird mit solchen
   abstrusen Bheauptungen weiter gefoerdert, und die Ostpreussen der
   Erlebnisgeneration und deren Abkoemmlinge hatten immer schon den
   Komplex, besonders guter Abstammung (also deutscher und bloss nicht
   slawischer Abstammung zu sein)

   Zur Info: ich bin 1961 in Loetzen/Gyzicko geboren und 1969 nach
   Deutschland gekommen, ich weiss wovon ich rede
   BG
   Norbert

Herr/Frau nol-wronnen,

muss es eigentlich immer sein, dass, nach heutigem ZEITGEIST , "
Ostpreussen der
   Erlebnisgeneration und deren Abkoemmlinge hatten immer schon den
   Komplex, besonders guter Abstammung (also deutscher und bloss nicht
   slawischer Abstammung zu sein)" , *gerichtet* wird?

Können SIE von sich behaupten, die Lebensumstände vergangener Generation
realistisch nachvollziehen zu können,
können SIE sich freisprechen, damals "gegen den Strom", in welchem
Zusammenhang auch immer, geschwommen zu sein?

ICH bezweifele es, also unterlassen Sie geschichtsklitternde Wertungen, es
steht, ich spreche für mich, meiner Generation (Baujahr 1947) und den
folgenden nicht an.
Kehren wir besser vor der eigenen, momentanen Tür.
Es gibt in den vergangenen Jahren genügend, was zukünftigen Generationen zu
deren Zeit nur Kopfschütteln verursacht.

Wir frönen HIER unserem Hobby "Familienforschung" und diese sollte, wie die
Geschichtswissenschaften grundsätzlich wertfrei behandelt werden.

Beste Grüße
Dietmar Blum