Liebe Mitleser,
die Listen, die Marion in sicher mühevoller Arbeit uns allen zur Verfügung gestellt hat (vielen Dank dafür) haben mich sehr berührt. Auch wenn die Gegend um Thorn nicht mein Suchgebiet ist und ich auch keinen einizigen Namen verwerten konnte, so habe ich die Anzeigen doch alle gelesen. Da haben die anonym genannten Zahlen von soundsoviel Gefallenen eine individuelle Geschichte bekommen. Es sind ja nicht nur die Gefallenen selbst Opfer der Kämpfe geworden (abgesehen mal von den unbeteiligten Zivilisten) sondern auch die hinterbliebenen Familien und Freunde. Die Wunden sind bis heute bei vielen nicht verheilt, wie ich aus meiner eigenen Familie weiß. Soldaten sind mehr als Waffenträger. Während der Kämpfe aber scheinen sie den Status Mensch zu verlieren und werden ein Waffenteil, das mal eben kaputt geht und ersetzt werden muß. An der Aktualität hat sich bedauerlicherweise auch nichts geändert. Ich wünschte, diese Anzeigen würden vollständig vor der Entscheidung über kriegerische Handlungen von den Verantwortlichen einander gegenseitig laut vorgelesen. Man könnte auch die Mütter und Frauen und Kinder der potenziellen Waffenteile befragen. Natürlich ist das nicht realistisch, aber ein schöner Gedanke.
Das wollte ich nur mal so einwerfen, auch wenn es sich dabei nicht direkt um Familienforschung handelt. Eine politische Diskussion möchte ich nicht anfangen.
Herzliche Grüße
Grit aus Berlin
Liebe Grit,
so ähnlich habe ich auch gedacht. Mich hat nicht nur das Alter der
Gefallenen berührt, sondern auch wie viele ihre im Krieg geborenen
Kinder noch nicht einmal zu Gesicht bekamen. Auf den anderen
Seiten war es sicherlich genauso.
Obwohl das alles sehr traurig ist, ist es doch schön, sich darüber
auszutauschen und zu sehen, dass es Gleichgesinnte gibt.
Mit lieben Sonntagsgrüßen --- Gisela
Auch wenn es nicht in diese Liste gehört ...
Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei einem Besuch des Soldatenfriedhofs in
Lommel/Belgien etwa 1993. Ich werde es nie vergessen. Hier ruhen über 39 000
deutsche Soldaten, fast 20 000 Kreuze, beidseitig mit deren Namen
beschriftet. Mit mindestens zweien der dort begrabenen Soldaten bin ich
verwandt. Ich habe auf diesem riesigen Feld gestanden und geweint - gefühlte
sechs Fußballfelder voller Kreuze, jedes Kreuz = trauernde zwei Elternpaare,
unzählige Geschwister, vielleicht Frau und viele Kinder ... was für ein
Leid!
Uli
Lieber Uli / Ulrich,
ja, auch *das* gehört in die Liste !
Unsere Verlorengegangen zu finden, ist doch der Grund
für Familienforschung, oder sehe ich da etwas falsch ?
Es geht dabei ja nicht nur um Kriege und Vertreibung
und Auswanderungen, auch nicht allein um Genozid
(meist mit Kriegen verbunden) u.a. Morde. Es geht dabei
darum, um mit den Vorangegangenen unseren Platz zu finden
und unsägliches Leid nicht mehr zuzulassen - gegen dieses
zu kämpfen.
Das haben die Thorner Anzeigenden getan, indem sie
veröffentlichen ließen, wie viele Ehefrauen, Kinder,
Eltern, Geschwister, Großeltern u.a. Verwandte "dahinter"
standen. Jede dieser Anzeigen war doch den Nazis ein
Schlag ins Gesicht - wenn sie weiter gedacht hätten...
Aber Thorn lag weit weg... und wenn dann noch deutsche
Soldaten aus "Besserabien" fielen...
Und das Leid der anderen Völker, und derer mit anderer
Religion, anderer Weltauffassung...
- - - Es hat sich ja nichts geändert.
Liebe Grüße --- Gisela