Liebe Mitforscher,
Hallo Agnes, Manuela, Silvia und Uwe,
jetzt komme ich endlich mal dazu, mich bei Euch für Eure schnellen und umfangreichen Rückmeldungen zu bedanken. Tolles Engagement, insbesondere das von Silvia, bei einer Anfrage, die Eure Bereiche entweder gar nicht oder nur am Rand berühren. Das hilft mir in meiner „Namensforschung“ (!) echt weiter. Und mit diesem Stichwort Namensforschung sehe ich mich doch zu einer Klarstellung bezüglich meines Anliegens zu meiner Anfrage veranlasst. Meine Vorfahren stammen eindeutig aus dem bayrischen Mittelschwaben in den heutigen Landkreisen Augsburg, Dillingen und Donau-Ries. Ich konnte die unmittelbare väterliche Linie bis zum Jahr 1524 nach Kicklingen (heute Ortsteil von Dillingen a. d. Donau) zurückverfolgen. Aufgrund von ungewöhnlich vielen Namensvorkommen im Umkreis von etwa 20 bis 30 km um Kicklingen, die sich vereinzelt bis in das 14. Jh. zurückverfolgen lassen ( 1351: Sitz der Rise, Bauer in Bergheim bei Augsburg, 1357 „der Ris“ auf dem Widemhof in Hirschbach bei Wertingen im Lkrs. DLG und 1392 Johannes Ris von Diedorf (Lkrs. Augsburg), dort sind 1481 sogar die drei Brüder Hans, Peter und Ulrich Riß genannt), gehe ich davon aus, dass sich der Name Ris/Riß in dieser Gegend gebildet hat. Es handelt sich nach Aussage zweier verschiedener Namensforschungsinstitute (Uni Regensburg, Forschergruppe Namen und Uni Leipzig, Gesellschaft für Namensforschung) um einen Herkunftsnamen. Ohne jetzt zu tief in die Namenswissenschaft einzutauchen, möchte ich kurz auf die Entstehung der Familiennamen eingehen. Diese haben sich erst in einen langen Entwicklungsprozess seit dem 12./13. Jh. herausgebildet. Vorher trugen die Menschen i.d.R. nur einen Ruf- bzw. Taufnamen. Die Entwicklung großer Städte, zunehmender Handel und schriftliche Verwaltung machten die Erfassung der Bürger in Bürgerbüchern, Steuerlisten und anderen Dokumenten erforderlich. Einzelne Vornamen waren sehr beliebt und so trug z.B. im MA in bestimmten Regionen knapp 50 bis 60 Prozent der männlichen Bevölkerung den Namen Johann(es) oder die daraus abgeleitete Kurzform Hans. Noch früher waren Heinz und Konrad („Hinz“ und „Kunz“) beliebt. Deshalb wurde eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit zum Rufnamen dringend erforderlich. Bei der Entstehung des Beinamens spielten unterschiedliche Motivationen eine Rolle: der Name des Vaters (vereinzelt auch der Mutter), der Beruf, die Herkunft, die Lage des Hauses innerhalb der Siedlung oder eine äußerliche bzw. charakterliche Auffälligkeit. In der Namensforschung wird deshalb in 5 Hauptgruppen unterschieden: Familiennamen aus Rufnamen; aus Berufs-, Amts- oder Standesnamen; aus Herkunfts- und Wohnstättenbezeichnungen sowie aus Übernamen (häufig Spitz- und Spottnamen). Das Führen der Beinamen setzte sich zunächst in den großen Städten ein, so findet sich in Augsburg bereits im Jahr 1259 Hainrich, genannt Rise, Bürger zu Augsburg. 1289 wird ein Konrad, genannt Ryse, erwähnt usw. Anschließend in den kleineren Städten und am Ende auch auf dem Land. Bis zum 15./16. Jh. hatte sich die Zweinamigkeit weitgehend durchgesetzt. Doch bis zum 18. Jh. hinein galt der Rufname immer noch als eigentlicher Name, was wir bei vielen frühen Namensregistern in Protokollen, Matrikeln usw. feststellen können.
Jetzt zum Namen Riß, der leider in den gängigen Familiennamenbüchern (z. B. Duden-Familiennamen, Bahlow usw.) nicht gedeutet wird, obwohl er nicht ganz so selten ist. Von den im Jahr 2002 35 Millionen Personen in den Telefonverzeichnissen ist der Name Riß 584 nachzuweisen. Somit gehört er zu den normal häufigen Familiennamen in Deutschland. Dazu soll auf den Namenkartograph Christoph Stöpel aus Ludwigsfelde hingewiesen werden, der mit dem von ihm entwickelten Programm geogen v3 (zuletzt Version 2.3) Namensverbreitungskarten für Deutschland auf Grundlage der Telefonanschlüsse zusammenstellte. Für jeden Familiennamen, der in den früheren Telefonbüchern vorkommt, kann demzufolge eine Verbreitungskarte erstellt werden. Sortiert nach Bundesländern kommt Riß überproportional in Bayern und Baden-Württemberg vor, was den ersten Hinweis auf die Region gibt, in der der Name entstand und ursprünglich beheimatet war, nämlich auf den oberdeutschen Sprachraum. Dort gibt es zwei Regionen, auf die sich das heutige Vorkommen des Namens Riß in Bezug auf die Telefonanschlüsse, konzentriert: den Landkreis Amberg-Sulzbach in der Oberpfalz und die Landkreise Augsburg, DLG und DON-Ries im Regierungsbezirk Schwaben. Unmittelbar auf der Baden-Württembergischen Seite anschließend sind die Riß sehr häufig auch im Landkreis Biberach in den Telefonanschlüssen festzustellen.
Nachdem ich meine Vorfahren bis in die Zeit der Entstehung des Beinamens zurückverfolgen konnte, sind Erklärungsansätze mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit möglich. Es werden aber immer Theorien bleiben, , weil in den seltensten Fällen in den Quellen die individuelle Entstehung des Beinamens einer Person nachzuweisen ist. Damit kann ich sehr sicher die Deutung des Namens für Namensträger aus dem Kreis Amberg-Sulzbach in der Oberpfalz ausschließen. Häufig wurde mein Familienname in Verbindung mit dem Landschaftsnamen Ries (aus lateinisch Raetia im heutigen Lkrs. DON-Ries mit dem Zentrum Nördlingen) gebracht. Auch diese Deutung kann in meinem Fall ausgeschlossen werden, da der Name fast ausschließlich mit kurzem „i“ und meist mit „scharfen ß“ geschrieben wurde und der Landschaftsname Ries noch im 17. Jh. bis in die Gegend von Augsburg reichte („Augspurg im oberen Rieß“ ). Nach der Uni Regensburg ist die Hypothese (!), dass der Fluss Riß der Namensträger für die Familie war, die ursprünglich an der Riß (irgendwo zwischen Quelle und Mündung) beheimatet war und von dort (donauabwärts) in die Gegend des mittleren bayr. Schwaben zwischen Augsburg und Dillingen kam. Dort wurde sie dann nach ihrer Herkunft „(von) der Riß“ genannt. Benennungen von Menschen nach Flüssen kommen in Bayern schon in althochdeutscher Zeit vor. Da die Riß ein 49 km langer Fluss ist, der bei Erbach im Alb-Donau-Kreis in die Donau mündet, kann der genaue Ort nie bestimmt werden.
Mir geht es nur darum, die Verbreitung des Familiennamens im süddeutschen Raums zu dokumentieren und natürlich ist das Vorkommen in Oberschwaben für mich besonders interessant, weil für diese Namensträger auch eine Herkunft von der Riß am wahrscheinlichsten ist. Neben meiner eigenen Familienforschung sammle ich deshalb davon unabhängig Namensvorkommen im süddeutschen Raum, vor allem in Bayern und Baden Württemberg, aber eben nur aus statistischen Zwecken, um die Verbreitung eventuell nachvollziehen zu können. Das war ein langer Erklärungsansatz, ich weiß. Ich werde nach und nach verschiedene Namensvorkommen von Riß/Ris in Oberschwaben noch erwähnen, die über die dankenswerter Weise von Silvia zusammen gestellten Vorkommen im Bereich von Leutkirch, Ellwangen, Aitrach und Biberach hinausgehen. Ich hätte da beispielsweise eine Christina Riser, Tochter von Matthes und Magdalena Riser aus Giengen. Sie heiratete 1678 in das Pfarrdorf Obermedlingen bei Dillingen. Auch hätte ich einen „Büchsengesellen“ Melchior Ries aus Aych (dabei steht noch „Nürtenlingen“ oder so ähnlich, kann ich nicht entziffern,), der 1587 in die Stadt Lauingen kam und dort durch Heirat das Bürgerrecht erlangte. Ich werde sukzessive weitere Namensnachweise hier in die Liste einstellen. Vielleicht kann es ja jemand gebrauchen.
Herzliche Grüße
Franz (Riß) aus Todtenweis, Lkrs. Aichach-Friedberg (20 km nordöstlich von Augsburg)