Hallo Claus,
vielen Dank für Deine Nachricht.
Ich komme oft mit der Logik nicht zurecht, wie im Laufe der Zeiten die
Gerichtsstände, die Standesämter und die Pfarrzugehörigkeiten regional
gewechselt haben. Wesentlich schlimmer ist aber, dass ich von den heute
existierenden polnischen Ämtern - kirchlichen wie weltlichen - nur höchst
widersprüchliche Aussagen zum Verbleib der kirchlichen und standesamtlichen
Bücher bekomme.
Wenn bestimmte Einträge nicht mehr zu bekommen sind, weil sie tatsächlich
1945 und in der Zeit danach vernichtet wurden, ist das sehr traurig aber
nicht zu ändern und man kann es irgendwie abschließen aber wenn die einen
behaupten, es gäbe bestimmte Jahrgänge nicht und von anderen erhalte ich aus
dem selben Amt doch noch eine Urkunde aus den angeblich verschwundenen
Jahrgängen, macht mich das sehr nachdenklich, ärgerlich und verwirrt.
Es ist ja keine Schande, wenn jüngere Polen z.B. Sütterlin nicht lesen
können, dann sollen sie es eben eingestehen und einen selber suchen lassen,
statt zu behaupten, die Bücher würden nicht existieren.
Meine Onkel und Tanten väterlicherseits sind alle katholisch getauft. Aus
dem Breslauer erzbischöflichen Archiv bekam ich lediglich die Taufurkunde
meiner Großmutter, geb. 1870. Die Kirchenbücher von Schönbrunn aus der Zeit
von 1900 bis 1945 wurde mir gesagt, gibt es nicht mehr. Hast Du da andere
Informationen?
Ein Jahr lang habe ich alle heutigen Standesämter in Schweidnitz und
Umgebung mit Anfragen in hervorragendem Polnisch (habe ich übersetzen
lassen) per Email "traktiert", um endlich an die Geburtseinträge meiner
Familie zu kommen. Ich hatte angeboten, alle Kosten für Recherchen, Urkunden
usw. im Voraus zu überweisen. Erst bekam ich gar keine Antwort, dann schrieb
mir die Verwaltung aus Schweidnitz, sie hätten Bücher aus Cammerau, müssten
dazu aber die Namen meiner Onkel und Tanten wissen, sonst könnten sie nicht
suchen.
Eine solche Behauptung kann ganz einfach nicht stimmen, weil das
Ausschlaggebende bei der Suche ja der zuerst genannte Vater und dann die als
zweites genannte Mutter ist. Die Daten meiner Großeltern kenne ich aber ganz
genau und hatte sie auch explizit angegeben.
Alle Einträge die älter sind als 100 Jahre gehen bekanntlich an das Archiv
in Breslau. Dort fand man angeblich auch nichts. Als ich vor Antritt meiner
Reise meinen persönlichen Besuch "angedroht" hatte, bekam ich von Breslau
plötzlich den Geburtseintrag von wenigstens einer Tante.
Bei meinem Besuch auf dem Schweidnitzer Standesamt, meinte die
Sachbearbeiterin, sie würde mir sehr gerne helfen aber angeblich hätten die
Deutschen (?) vor Kriegsende alle Unterlagen verbrannt. Leider ist mir erst
auf der Heimreise eingefallen, dass man mir doch mitgeteilt hatte, es gäbe
Unterlagen aber ich bräuchte die Namen.
Das erzbischöfliche Archiv in Breslau schrieb mir, dass Schönbrunn nach
Nieder Bögendorf oder nach Hennersdorf gepfarrt gewesen sei, was ich mir
überhaupt nicht vorstellen konnte. Schweidnitz und Schönbrunn sind heute nur
noch durch das Ortsschild getrennt, früher lagen sicherlich 2 bis 3 km
zwischen den Orten aber Nieder Bögendorf oder gar Hennersdorf waren doch zu
Fuß gar nicht zu erreichen.
Eine ältere Frau, die ich in Schweidnitz traf, sagte mir, dass Schönbrunn
zur Kirche in Cammerau gehört habe. In Cammerau gibt es gar keine Kirche,
nur eine kapellenähnliche Gedenksäule für die Gefallenen des ersten
Weltkrieges. Gab es früher hier eine Kirche? Die Cammerauer meinten, wenn
ich eine Kirche suche würde, wäre die nächste in Nieder Bögendorf.
Die Kurie in Schweidnitz (Stanislaus und Wenzel Kirche) hat angeblich auch
keine Unterlagen und weiß auch nicht zu welcher katholischen Kirche die
Schönbrunner bis 1945 gehörten. Kann das sein? Ich weiß leider nicht, wie
viele katholische Kirchen Schweidnitz seinerzeit hatte und zu welcher Kirche
genau die Schönbrunner gehörten. Weißt Du da etwas darüber?
In der Friedenskirche, auf der Suche nach Einträgen meiner evangelischen
Verwandten, die vor und ebenso Jahre nach dem 2. Weltkrieg dort getauft
worden waren, bekam ich die Auskunft, dass diese Einträge auch irgendwo ganz
anders verwahrt würden.
Mit meinem bisschen Polnisch bin ich schnell an den Verständigungsgrenzen
angelangt. Von den ganz jungen Polen sprechen etliche wenigstens etwas
Englisch aber deutsch so gut wie niemand. Ich hatte sogar das Pech, dass
eine von mir engagierte staatlich anerkannte Dolmetscherin, in der Absicht
etwas ganz besonders gut machen zu wollen, mein Anliegen falsch weiter
gegeben hat.
Die Standesämter seinerzeit waren ja meistens auf einem Bauernhof. Weißt Du
vielleicht welcher Hof und welcher Standesbeamte nach 1900 in Cammerau tätig
war? Auch an solchen Infos bin ich sehr interessiert.
Weißt Du, lieber Claus, wenn tatsächlich die Standesamtsbücher und die
Kirchenbücher beim Einmarsch der Russen von diesen oder von den scheidenden
Deutschen (wozu?) oder später von den rachsüchtigen Polen vernichtet worden
sind und ich deshalb weder in Schweidnitz noch im Breslauer Archiv etwas
finden kann, ist das eine Tatsache an der nicht zu rütteln ist.
Wenn ich aber meine Familienmitglieder nicht finden kann, weil jemand aus
Zeitmangel oder Verweigerung oder weil er die Einträge nicht lesen kann und
deswegen behauptet, es gäbe sie nicht, macht mich das gleichzeitig
ungehalten und hilflos. An einem anderen heute polnischen Ort bekam ich bei
persönlichem Erscheinen erst die gewünschten Auskünfte, als ich versicherte,
keine Besitzansprüche an irgendwelchen Liegenschaften zu haben, sondern dass
ich wirklich nur aus familiärem Interesse gekommen war.
Für jede Auskunft, die Du vielleicht für mich hast, wäre ich Dir sehr
dankbar.
Mit herzlichen Grüßen
Helga Henn
-------Originalmeldung-------