Familie Piel / Dalhoff aus Kellinghausen, Altenrüthen -, Sehr Junge

Hallo Frank,

Ich stelle keineswegs in Abrede, dass das Heiratsalter zur fraglichen Zeit an den fraglichen Orten so gewesen ist - dazu habe ich einfach die entsprechenden statistischen Angaben nicht.
Aber ich bemängelte hier die Begründungen, die hier dafür angegeben wurden - und das tu ich noch immer.

Ein Argument war beispielsweise: "So frühe Heiraten waren für den Hof schädlich. Es waren zu viele Menschen zu ernähren."
Du sagst nun, dass die jungen Leute sich öfter als Knechte und Mägde auf anderen Höfen verdingt hätten. Doch was ändert das denn? Worin besteht der Unterschied, wenn ein Knecht und eine Magd auf einem anderen Hof verheiratet sind oder nicht? Und in welcher Weise stellt das eine Belastung für die Familien dar, aus der sie kommen?
So wie die Argumentation momentan ist, könnte man auch behaupten, dass bei einem Fussballspiel die eine Mannschaft deshalb gewonnen hätte, weil der Schiedsrichter blaue Socken trug. Logisch betrachtet stehen beide Dinge in keinem sachlichen Zusammenhang - und taugen daher als Begründung nicht.
Bitte stelle also dar, worin bei verheirateten Kindern, die nicht im Hause leben, die Mehrbelastung für ihren Herkunftshof besteht.

"Unzulässig ist auch die biologische Geschlechtsreife mit der "sozialen" Geschlechtsreife zu vermischen."
Sorry, aber das hab ich keineswegs getan - im Gegenteil habe ich bemängelt, dass bei der Argumentation
"auf Grund des allgemein schlechteren Ernährungszustandes und vielleicht auch anderer Faktoren waren in früheren Jahrhunderten die jungen Mädchen selten vor dem 16. oder 17. Lebensjahr geschlechtsreif. Schwangerschaften von 14-jährigen waren also auch aus biologischen Gründen eher ungewöhnlich."
... genau dies getan wird, was Du mir hier unterstellst. Die Mädchen damals wurden nicht deshalb seltener schwanger, weil sie biologisch dazu nicht in der Lage waren, sondern weil die Gesellschaft ihnen ein anderes Vorbild gab, anhand dessen sie unter normalen Umständen gar nicht in die Lage kamen, wodurch sie hätten schwanger werden können.
Anders ausgedrückt: wenn sie gar nicht auf die Idee kamen, Sex zu haben, wurden sie natürlich nicht schwanger, da das nunmal die entscheidende Grundvoraussetzung dafür ist - daraus jedoch eine biologische Spätentwicklung abzuleiten, ist eine logisch Unsinnigkeit erster Güte - und genau das hatte ich bemängelt.

"Ebenfalls nicht nachvollziehbar ist Deine These, dass man früher besser eine Schwangerschaft einer jungen Tochter vertuschen konnte. Wie soll dies bitte sehr geschehen sein, wenn man einer starken sozialen Kontrolle der Nachbarn und Dorfbewohner ausgesetzt war? Ist die schwangere Tochter - Deiner Meinung nach - etwa neun Monate eingesperrt worden im Haus? Doch wohl sicher nicht. Es herrschte darüber hinaus die Kirchgangpflicht am Sonntag,. Da wäre den Frauen des Dorfes schnell aufgefallen, dass ein Mädchen schwanger war. Dann vergisst du, dass es im katholischen Altenrüthen - und darum ging es in der Anfrage - die Pflicht zur Beichte gab. Eine gläubige Katholikin hätte auf jeden Fall ihre außersexuelle Beziehung und ihre Schwangerschaft gebeichtet.. Darüber hinaus; was meinst Du mit "behördlicherseits"? Die "Standesbehörde" war damals der örtliche Pfarrer, und der kannte seine Pfarrkinder."
Ich behaupte keineswegs, dass das damals überall einfach war - dennoch war es möglich.
Die Kinder hatten keine Schulpflicht. wurden behördlich bei weitem nicht so lückenlos registriert wie das heute der Fall ist. Die Hebammen hatten nicht die Pflicht, ihre Beobachtungen weiterzuerzählen. Natürlich konnte es passieren, dass sowas raus kam, aber davon auszugehen, dass nur auf Grund der gesellschaftlichen Situation soetwas nicht möglich gewesen ware, ist blauäugig. Ebensogut könnte man behaupten, dass es unter solchen Umständen keine Verbrechen gegeben haben könnte, keinen Ehebruch und ähnliche Dinge - also die sprichwörtliche heile Welt. Sorry, aber das gab es in keiner Gesellschaft bisher. Man konnte Kinder auf abgelegene Höfe schicken - und da die Leute damals zwar weniger wissend waren als wir heute, so waren sie dennoch keineswegs dämlich und mit ein wenig Erfindungsgeist lässt sich sowas prima vertuschen

Heute haben wir allgemeine Schulpflicht - und dazu gehört auch Sport - wo man im Allgemeinen weit besser erkennen kann, dass ein Mädchen schwanger ist, als dies einem Pfarrer möglich gewesen wäre (es sei denn Du wolltest den damals dort agierenden Pfarrern unterstellen, dass sie ihre Schäfchen regelmäßig bei der Beichte entkleidet hätten). Und selbst in der heutigen Zeit kommt es denoch vor, dass trotz all dem Schwangerschaften bei den jungen Müttern nicht bemerkt werden (in einigen Fällen sogar bis hin zur Geburt). Bitte erläutere mir, wie ein Pfarrer im 17ten Jahrhundert etwas bemerkt haben soll, was einem Sportlehrer im 21ten Jahrhundert nicht auffällt. Ich halte wenig davon, diesen Pfarrern hellseherische Fähigkeiten zuzuschreiben - und im Gegenzug dazu Sportlehrern pauschal jede kommunikative Kompetenz abzusprechen.
Die Leute logen damals ebenso, wie es die Leute heutzutage auch tun - manche mit weniger, andere dagegen mit mehr Erfolg. Und die Gesellschaft war damals auch keineswegs ideal oder perfekt - ebensowenig wie unsere heutige - sie war nur eben anders. Daraus ableiten zu wollen, dass das, was nicht sein durfte, auch nicht sein konnte, ist abwegig. Heute jedoch haben wir eine Vielzahl von Untersuchungsmöglichkeiten, die Schwangerschaften bei Verdacht in der überwiegenden Anzahl der Fälle sehr einfach diagnostizieren können - Möglichkeiten, die den Leuten damals nicht zur Verfügung standen. Ob die Lügengeschichte der Familie geglaubt wurde oder nicht, hing somit allein von der Fähigkeit der Lügner ab - und konnte nicht durch objektive Beweismethoden aufgedeckt werden. Und DAS macht den sachlichen Unterschied aus, der besagt, dass es heute weit schwerer ist, das Kind einer Tochter als das eigene Kind auszugeben - und auch dem Pfarrer gegenüber anzugeben - als damals.

Zuletzt noch:
"Du vergisst auch, dass ein Hof als Wirtschaftseinheit für jedes heiratende Kind eine Mitgift zu stellen hatte, was ebenfalls eine nicht geringe Belastung des Hofes und seiner Bauernfamilie darstellte. In Gebieten mit Realteilung passt deine These schon gar nicht, da JEDES Kind ein Erbteil des Hofbesitzes erhielt."
Das vergesse ich keineswegs - und wie Du sagst, hat jedes Kind Anspruch auf ein Erbteil. Soweit ich weiss, wird aber dieser Anteil zum Zeitpunkt bestimmt, da dieses Erbteil eingefordert wird. Also hat ein Hof NUR DANN einen Vorteil bei einer späten Heirat, wenn er geplant mißbewirtschaftet wird, denn nur dann ist dieser Anteil später kleiner als früher. Normalerweise wird jedoch auf Gewinn abgezielt - der Hof wird im Lauf der Zeit mehr wert - eine späte Heirat bedeutet demnach einen in Summe größeren Anteil. Verheiratet man die Kinder jedoch jung, dann ist der Anteil in Summe geringer - und die übrigen, die auf dem Hof bleiben, haben mehr für sich, weil sie den danach erwirtschafteten Zugewinn nicht mehr teilen müssen. Wenn Du mir einen Fehler in dieser wirtschaftlichen Betrachtung nachweisen kannst, dann lass hören - ich lerne immer gern was dazu.

Ich danke Dir für die Literaturangaben. Wird ne Weile dauern, aber ich werd mich sicher damit befassen.
Allerdings wird mir "Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie 1800-2000" zu diesem Thema nicht viel bringen, da ea ja um die Zeit um 16xx geht.

Mit freundlichem Gruß,

Andreas Schwarz

Zu Andreas Beitrag zwei Bemerkungen:
Es ist bekannt, dass der Beginn der Geschlechtsreife von M�dchen, d.h. der Zeitpunkt ersten Menstruation, sich selbst in den letzten Jahrzehnten sehr verschoben hat. Das lag in meiner Generation (ich bin 64) so um die 14 Jahre, in der meiner Mutter um die 15. Jetzt sind es nicht so selten 11j�hrige, die bereits eine Monatsblutung haben. Vor 100 Jahren d�rfte der Durchschnitt der M�dchen bei der Menarche im Alter �ber 15 gelegen haben, wobei es nat�rlich immer schon stake Abweichungen in beide Richtungen gegeben hat.
�ber die Ursachen dieser �nderungen, dazu geh�rt ja auch, dass uns unsere Kinder �ber den Kopf wachsen, ist man sich wohl noch nicht einig, aber die ver�nderten Lebensbedingungen spielen vermutlich eine Rolle. �brigens vermeidet der menschliche K�rper Schwangerschaften unter schlechten Bedingungen, hungernde Frauen haben dann meist gar keine Periode mehr.

"Also hat ein Hof NUR DANN einen Vorteil bei einer sp�ten Heirat, wenn er geplant mi�bewirtschaftet wird, denn nur dann ist dieser Anteil sp�ter kleiner als fr�her. Normalerweise wird jedoch auf Gewinn abgezielt - der Hof wird im Lauf der Zeit mehr wert - eine sp�te Heirat bedeutet demnach einen in Summe gr��eren Anteil. Verheiratet man die Kinder jedoch jung, dann ist der Anteil in Summe geringer - und die �brigen, die auf dem Hof bleiben, haben mehr f�r sich, weil sie den danach erwirtschafteten Zugewinn nicht mehr teilen m�ssen. "

Ich wei� nicht, wie dazu die Lage in der angesprochenen Gegend war. Bei uns im M�nsterland waren ja die meisten H�fe eigenh�rig und mussten bei jedem Besitzerwechsel neu "gewonnen" werden, sprich, es war eine Zahlung f�llig, dazu kam der "Versterb". Mein Bruder (Peter Ilisch, Historiker f�r Landesgeschichte) hat mir dazu gesagt, dass es deshalb von Seiten der Bauern gar keinen Anreiz gab, einen h�heren Gewinn zu erwirtschaften. Dies setzte erst ein, als die H�fe den Bauern ab dem 19.Jahrhundert selbst geh�rten.

"Worin besteht der Unterschied, wenn ein Knecht und eine Magd auf einem anderen Hof verheiratet sind oder nicht?"
Knechte und M�gde waren normalerweise nicht verheiratet. Wenn sie heirateten, konnten sie eventuell als Tagel�hner weiter auf dem Hof arbeiten, vielleicht ein zum Hof geh�riges Heuerlingshaus oder einen Kotten beziehen. Ein besonderer Anreiz f�r eine fr�hzeitige Ehe war das nicht.
Viele Gr��e
Rotraud

Hallo Andreas,

da Du sehr auf Deine Thesen beharrst, ohne im Übrigen dafür die von uns geforderten Belege selbst zu erbringen, empfehle ich Dir die von mir genannte Literatur. Das Gros der Bücher beschäftigt sich auch mit dem von uns behandelten Zeitraum, ich denke, dass wir DANN - wenn nötig- die Diskussion wieder aufgreifen können. Dann könnte sie aber im Gegensatz zu jetzt von Dir auf der Basis der gängigen Forschungsergebnisse namhafter Wissenschaftler geführt werden und Du bräuchtest bei Deinen Ergebnissen weniger unhistorische Vermutungen aufzustellen. Wenn Du den Historikern dann auch keinen Glauben schenken magst, kannst Du ja Deine Thesen - hoffentlich mit Quellen belegt- in einem Buch publizieren und der Forschung zum Begutachten vorlegen.

Nichts für ungut, viele neue Erkenntnisse und Freude mit der Lektüre.

Gruß

Frank Stupp

Liebe Liste,

um wieder auf die ursprüngliche Frage zurück zu kommen, die sich durch einen Blick ins Altenrüthener Kirchenbuch mittlerweile gelöst hat.

Anna Piel war 1682 verheiratet und taucht mit Anton Piel 1674 als Patin bzw . Pate auf. In der Kath. Kirche konnte man mit mindestens 12 Jahren eine Patenschaft übernehmen, dann wären Anna und Anton frühesten bzw spätestens 1662 geboren und Anna wäre bei der Heirat mindestens 19/20Jahre alt gewesen, was ja auch schon recht früh für eine Bauerntochter war, aber immerhin noch weit von 14 Jahren entfernt.

Gruß

Frank Stupp