Hallo,
jetzt möchte ich mich doch einmal einmischen, wenn bejammert wird, dass die
Groß-
eltern nicht befragt wurden.
Ich selbst war bei Kriegsende 10 Jahre alt, wir flohen aus Schlesien in das
Sudetenland, gin-gen nach
Kriegsende zurück nach Neisse, wo wir zu Hause waren (den größten Teil des
Weges
mussten wir zu Fuß bewältigen). Die Großeltern (um die 65 Jahre alt) zogen
weiter nach
Ohlau, wo sie eine hübsche Villa besaßen.
Es war ein schwieriges Jahr - ohne poln. Geld und Nahrung. Ich muss jedoch
sagen, dass
diese Zeit für mich keineswegs zu einem Trauma führte. Es war halt so, z.T.
auch Abenteuer.
Für meine Mutter war es sicherlich schlimm, 4 Kinder zu versorgen; das
älteste war 13 und
sehr fürsorglich. Ich habe die Erinnerungen daran aufgeschrieben für meine
Enkel.
Ich möchte hier jedoch über das Schicksal meiner Großeltern berichten. Schon
der erste
Weltkrieg hatte sie hart getroffen. Die Großmutter aus Reichenbach/Eule
(Werner) und der
Großvater aus Schweidnitz (Blaschke) waren um 1910 nach Ostafrika gezogen.
Der Groß-
vater war in Daressalam Schutztruppenbeamter, nebenbei wurde er wohlhabend
als Sattler-
meister, der Schwarze beschäftigte. Dort wurde auch 1911 meine Mutter
geboren.
1919 wiesen die Engländer die Deutschen aus; die meisten verloren ihr Hab und
Gut. Meine
Großmutter hatte Kleidung mit bezogenen Goldstücken als Knöpfe genäht, so
dass die
Familie nicht unvermögend in der Heimat ankam. Später setzten sie sich in
Ohlau zur Ruhe.
Der Großvater starb Anfang Dezember 1945, die Großmutter Ende Dezember. Es
war ein
harter Winter, ihre Villa wurde vom Chefarzt des Ohlauer Hospitals bewohnt
(wie ich erfuhr,
bis um 1995 - mit allen Möbeln der Enteigneten).
Wir wissen bis heute nicht, woran die Großeltern starben, wahrscheinlich sind
sie in einer
Notwohnung verhungert und erfroren. Es ist auch möglich, dass der Großvater
beim "Organisieren" erschlagen wurde.
Diese Menschen hatten unter zwei Kriegen zu leiden, ich finde deren Schicksal
noch
schlimmer als das meine. Leider sind die meisten dieser Flüchtlingskinder um
eine gute Ausbildung
gekommen, doch hatten viele in den Wirtschaftswunderjahren noch ihre Chance -
wie auch
ich.
Mein Großvater war ein kluger und tüchtiger Mann, doch wer hat eine Chance,
wenn Kriege
alles zerstören?
Eine schöne Woche wünscht
Anita Rogge geb. BAUM (diese Linie aus dem Trachenbergischen und Brieg)