Hallo liebe Listenmitglieder,
hier eine Ostergeschichte passend fuer die Niederschlesien-Mailingliste.
Erlebte Osterzeit
Von Hannelore Patzelt-Hannig
Wenn die maechtige Schneedecke weg war, die der Winter ueber das Riesengebirge gebreitet hatte, dann begann daheim die Osterzeit. Vielseitig waren die Sitten und Braeuche zu diesem christlichen Fest. Fuer alle die dort geboren waren, waren sie eine Selbstverstaendlichkeit. Wer aber all diese Gewohnheiten nicht kannte, war aber ziemlich erstaunt ueber ihre Vielfaeltigkeit.
In einem idyllischen Dorf des Riesengebirges war einmal ein junges Maedchen aus einer voellig anderen Gegend Deutschlands zu Besuch. Sie lebte hier auf einem groesseren Bauernhof auf Erholung. Doch zu dieser Erholung war noch etwas hinzugekommen. Naemlich eine tiefe Liebe zum Sohn der Bauersleute. Die beiden jungen Menschen waren einander sehr zugetan, dass das Maedel kurzer Hand beschloss, auch zu den Feiertagen nicht nach Hause zurueckzukehren, sondern Ostern auch hier im Riesengebirge zu verbringen.
So erlebte sie mit, was sich alles hier tat zu dem Auferstehungsfest des Herrn. Da war zunaechst am Palmsonntag zunaechst einmal die Palmenweihe. Die Kinder kamen mit Palmenkaetzchenzweigen in die Kirche. Diese Zweige waren mit ledernen Peitschenschnueren zusammengebunden. Mit diesen Palmenzweigen traten die Kinder vor dem Altar. Der Pfarrer weihte die Palmen und so auch die Peitschenschnuere mit. Nach dem Gottesdienst nahm dann jeder sein geweihtes Buendel mit Heim.
"Was geschieht weiter mit den Palmenzweigen?" so fragte das fremde Maedel gespannt ihrem Begleiter, den jungen Bauernsohn, waehrend sie langsam nebeneinander herschreitend aus der Kirche traten.
"Das wirst du Ostern sehen!"
Sie sollte alles nach der Reihe erleben. Richtig erleben. Er, wie jeder andere hier genoss ja selbst Jahr fuer Jahr erneut aus tiefsten Herzen die Geschehnisse der Zeit. Auch das ab Gruendonnerstag die Kirchenglocken stumm blieben und zu Laeutzeiten "geklappert" wurde, war dem jungen Maedchen neu. Dieses Klappern vollzogen die Ministranten beziehungsweise die Kinder des Ortes. Sie hielten ein kleines Brett mit einem Griff in der Hand, auf dem zwei hin- und herfallende Kloeppel befestigt waren. Dieses Brett wurde von den Kindern rhythmisch geschuettelt. So vollzog sich das oesterliche Klappern. Das junge Maedchen bemerkte es mit Erstaunen zum ersten Male in der Fruehe des Gruendonnerstags.
Und eine weitere Tradition war es, dass es Fruehstueckstisch Weissbrot mit Honig gab.
Auch als die Baeuerin an diesem Tag die Huehner fuetterte, geriet der Gast in Erstaunen. Ein Fassband wurde auf dem Hof gelegt. Und innerhalb des Eisenringes wurde das Huehnerfutter im Kreis verstreut. Das sollte bewirken, dass die Huehner die Eier nicht weglegten, sondern zum Legen in ihre Nester gingen.
Die Kinder besuchten an diesem Tag die Taufpaten. Sie erhielten von diesen einen geflochtenen Hefekranz, mit dem sie dann beglueckt von dannen zogen. Das war noch ein Gaumenschmaus.
Mit dem Abend dieses Tages begann das Fasten. Zur Abendmahlzeit am Gruendonnerstag gab es den ersten Kuebelsauer. Kuebelsauer und Brot war nun bis Ostern zu jeder Hauptmahlzeit an der Tagesordnung.
Als das junge Maedchen sich am Karfreitag aus ihrem Bett erhob, bemerkte sie sonderbare Geraeusche. Auf dem Hof wurden die Butterfaesser und Viehbottiche an diesen Morgen sauber geschrubbt. Auch dieses gehoerte zur oesterlichen Tradition. Und auf dem Nachbarhof hockten die Kinder an einem vorbei fliessenden Bach. Sie benetzten sich die Gesichter dreimal mit dem Wasser dieses Quells und kehrten dann wieder in das Haus zurueck.
Auch dieses musste ein alter Brauch sein, denn noch an keinen anderen Morgen hatte sie die Kinder dort beobachtet. Unwillkuerlich erhob sich dem Gast die Frage, was diejenigen taten, an deren Hoefe kein Bach vorbeifloss. Doch diese Frage blieb nicht lange offen. Fast im selben Moment trat die Baeuerin in die Stube in die Stube, kam auf sie zu, besprengte ihr Gesicht dreimal mit Wasser, dass sie im Gefaess mitgebracht hatte und ging dann wieder ohne ein Wort zu sagen. Das fremde Maedchen war erstaunt. Es fand hierfuer keine Erklaerung. Doch es war sehr erfreut darueber, voll und ganz in die Gebraeuche des Hauses mit einbezogen zu werden. Deshalb ragte sie auch spaeter nicht nach den Sinn der Sitte. Mit der ganzen Familie zusammen wurde an diesem Tag zu Kirche gegangen. Aber nicht nur zur Dorfkirche; drei verschiedene Kirchen wurden besucht. Am Karfreitag sollte nach alten Brauch jeder Glaeubige drei heilige Graeber besuchen. Und das wurde strikt eingehalten. Die meisten Glaeubigen gingen an diesen ersten Tag auch zur Beichte und zur Kommunion. Aber zu alle dem schwiegen die Glocken. Erst am Ostersamstag laeuteten sie wieder. Das war wie eine Verheissung - eine Befreiung - eine Erloesung!
Zuvor jedoch - am Morgen dieses Tages - wurde vor der Kirche ein Feuer gemacht. Dazu brachte jeder der Glaeubigen einige Scheite mit. Auf diese Art wurde symbolisch der Judas verbrannt. Das geschah unter der Mitwirkung des Pfarrers bei kirchlichem Zeremoniell. Spaeter nahm dann jeder seine bekohlte Scheite wieder mit nach Hause. Und schon am spaeten Nachmittag dieses Tages war die Auferstehungsfeier. Dazu ging jeder in die Kirche, der irgendwie konnte. Die Auferstehung, das ist fuer Glaeubige Herzen wie eine Befreiung der Seele.
Auch der Ostersonntag war voller Tradition. Am Morgen zog die Dorfkapelle musizierend durch den Ort. Die Bauernjungen machten den Osterritt. Das heisst, sie umritten ihre jeweiligen Felder. An allen vier Ecken des Feldes mit der Wintersaat steckten die Bauern am Ostersonntag geweihte Palmenzweige mit einem Kreuzchen aus dem verkohltern Scheiten der "Judas-Verbrennung". Und in den Haeusern wurden in jedem Raum eine Palme gelegt, gleichgueltig ob es sich dabei um einen Stall, Stube, Kueche, Keller handelte.
Dem jungen fremden Maedchen entging nichts von alledem, was sich an alten Traditionen zeigte. Sie fand es schoen. Und sie liebte auch diese Gegend. Sie war durchaus bereit, sich fuer ein Leben in diesem Lande zu entscheiden. Und als der junge Mann sie am Abend dieses Tages fragte, ob sie bereue, hiergeblieben zu sein, da antwortete das junge Maedchen: "Ich wuesste nicht, wo es zu Ostern schoener und wuerdiger zugehen koennte, als hier."
Darauf waren die Gastgeber natuerlich alle gleichermassen stolz. Und nun weihte man das junge Maedchen in die zu erwartende Schmackosterei ein. Die Baeuerin empfahl ihrem Gast, sich in dieser Nacht nicht auszuziehen; denn die jungen Burschen, die in der Osternacht geschlossen alle jungen Maedchen des Dorfes aus ihren Betten schmackostern, fanden mit Sicherheit auch eine Moeglichkeit auch in ihre Stube zu gelangen. Genauso geschah es.
Sie standen auf einmal im Raum, hoben die Bettdecke auf und schmackostern mit einer Weidenrute das Maedchen aus dem Bett. Anschliessend wurde dann bei der Baeuerin unten kraeftig getafelt und manches Glas Osterschnaps geleert. Die Schmackosterei zog sich stets bis in dem naechsten Ostermorgen hinein. Dieser Tag nun, der Ostermontag, war der eigentliche Osterfeiertag. An diesem Tag kam der Osterhase. Und die kleinen Jungen durften nun auch schmackostern gehen. Ihnen ging es dabei um kleinere und groessere Gaben, waehrend die jungen Burschen ihre naechtliche Schmackosterei in erster Linie des Spasses wegen betrieben.
Na ja, und an dem Ostermontag war dann auch wieder Tanz. Um erstenmal nach der Passionszeit. Das junge Maedchen und der Bauernsohn tanzten an diesem Abend oft zusammen. Sie machten auch keinen Hehl daraus, dass sie sich ehrlich zugetan waren. Und im laufenden Abend entwickelten sich mehr entscheidende Gespraeche zwischen beiden. Das junge Maedchen war die Tochter aus einer hoeheren Beamtenfamilie. Der junge Bauernsohn hatte zwar auch die Buergerschule besucht, war dann aber auf dem elterlichen Hof geblieben. So waren da einige aeusserliche Unterschiede, die nicht zu uebersehen waren.
"Ob deine Eltern mich moegen ?", erkundigte sich das junge Maedchen.
"Dafuer gibt es einen grundlegenden Beweis! Meine Mutter besprengte dich mit Osterwasser, wie ich hoerte?! Das tut eine Mutter in der Regel nur mit ihren Kindern!"
Das junge Maedchen war tief beeindruckt.
"Deine Eltern machen mir mehr Sorgen!", sagte nach einer Weile der junge Mann.
Das junge Maedchen wusste, wie sehr Recht er hatte.
"Jetzt muss ich erst einmal nach Hause zurueck!", wich sie einer klaren Antwort aus. "Ja, ich weiss!"
Sie liessen das Thema damit bewenden und tanzten noch einen letzten Tanz.
So endete fuer das junge Maedchen die Ostern im Riesengebirge. Es war ihr letzter Besuch in der Heimat ihres spaeteren Mannes. Der Krieg kam und liess alles anders kommen, als die jungen Leute damals gedacht hatten.
Schoene Gruesse
Reinhard Koperlik