Trotz all der vielen Worte zu diesem Thema fehlt es meiner Meinung nach an
den wirklich schwierigen Fragen.
Fred Rump schreibt enttaeuscht und veraergert, dass die jungen Deutschen von
heute die Geschichte der Vertreibung und des Unrechts, dass viele Deutsche
erlitten, nicht kennen, und sie ihnen wohl bewusst vorenthalten wird.
Gleichzeitig zeigt er auf, dass holocaust survivors, also hauptsaechlich
juedische Menschen, mit ihrem Thema immer noch voll in der oeffentlichen
Meinung praesent sind. Fuer Fred Rump ist dies ein Problem. Warum? Wenn
beide Themen, deutsche Vertreibung und holocaust sozusagen als
ausbalancierte Gewichte auf einer geschichtlichen Waagschale dargeboten
wuerden, waere dies besser? Warum?
Geht es den wirklilich nur um die geschichtliche Wahrheit? Churchill und
andere (auch Hitler anlaesslich des Tuerkischen Genozids an den Armeniern)
haben festgestellt, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird.
Geschichtsschreibung ohne Verzerrung durch das Eigeninteresse ist
unmoeglich; Geschichtsschreibung unter Offenlegung eines soergfaeltig
sezierten Katalogs der persoenlichen, politischen, wirtschaftlichen,
philosophischen, und religioesen Beweggruende ist moeglich.
Mit jeder Aussage, die wir machen, wird das Universum der unendlich violen
anderen Aussagen, die wir auch gemacht haetten koennen, ausgeschlossen, oder
zumindest auf einen anderen Zeitpunkt verschoben.
Wir sollten uns erinnern, dass diese ganze Diskussion von Zauners Treuhand
Idee ausgeloest wurde, die ganz ohne Zweifel spezifische Motivationen und
Ziele hat, und nichts mit abstrakter/intellektueller/akademischer
geschichtlicher Wahrheitsfindung zu tun hat
Wenn also jemand es fuer wichtig haelt, dass die Geschichte der deutschen
Vertreibung in der oeffentlichen Meinung der Welt denselben Standort
einnehmen soll wie etwa die 2000 Jahre der Judenverfolgung, die
Juden(Kommunisten-Zigeuner-Homosexuelle)verfolgung der Nazis, der
welterobernde rassistische Wahnsinn des tausendjaehrigen Reiches, der
Genozid an den Armeniern, die Sklaverei in den britischen Kolonien und ihren
Nachfolgestaatenn- den USA, die Ausrottung der Ureinwohner in den
amerikanischen Kontinenten durch die Europaeer, die Ausrottung der
Ureinwohner Australiens, der Mord an Millionen von Russen durch Stalins
Regime, das Apartheidunrechtregime in Suedafrika, die Unterdrueckung des
afrikanischen Kontinents durch die Europaeer, das Leiden und Sterben von
Millionen in den religioesen Kriegen Europas, die Ausbeutung Indiens durch
die Europaer-Briten, das gezielte Toeten von Zivilisten durch die Amerikaner
und Briten in Hiroshima, Nagasaki, Hamburg, Dresden...dann stellt sich die
Frage, was denn mit dem Katalogeintrag Deutsche Vertreibung
praktisch/politisch erreicht werden soll?
Eine Relativierung des Boesen? Nicht nur wir waren schlimm, andere waren
und sind es auch? Ein
Wiederaufbau eines "gesunden" Nationalstolzes, in einem Geschichtsbild in
dem wir nicht als die einzigen Uebeltaeter dastehen?
Ein Abbau der Arroganz der Siegermaechte, der Engel, die nichts Boeses tun
koennen?
Wenn jetzt also Textbuecher in der ganzen Welt den Schuelern von all den
obigen Dingen erzaehlen, und die Vertreibungsgeschichte ebenfalls, welche
positiven Konsequenzen haette dies fuer die Schueler, fuer die Welt, fuer
die Deutschen? Wuerde man die Deutschen lieber haben, und Mitleid
fuehlen;oh, wie koennen wir es ihnen wieder gut machen;na ja, mit dem Hitler
haben sie sich das ja alles selbst eingebrockt;oh, wir wussten gar nicht wie
boesartig uns eigenen Regierungen waren, wir sollten uns schaemen. Welche
negativen und positiven Konsequenzen werden beabsichtigt, und welche wuerden
tatsaechlich folgen?
Ist es schade, dass viele Deutsche "ihr" Unrecht und"ihren" Opferstatus
vergessen haben, oder dass er ihnen vorenthalten wurde?
Da die meisten Leute sich nur gerne an das erinnern, was fuer sie positiv
ist, sehe ich eher eine Gefahr, dass der Naziwahnsinn vergessen wird, da er
keine guten Erinnerungen bringt. Das waere ein viel groesserer Schaden, als
der Verlust der Erinnerung an die Nachkriegsleiden der deutschen
Bevoelkerung. Die Welt weiss, das Deutschland und Europa durch den
Marshallplan aufgebaut und in zivililisiertere Bahnen geleitet wurde. Wie
ich mit meinem Hinweis auf die Feinstaaatenklausel bereits sagte, hat sich
die Welt einen moralischen Persilschein hinsichtlich der Behandlung
Deutschlands nach dem dem 2. Weltkrieg ausgestellt.
Die Verdraengung der Schuld fuer das tausendjaehrige Reich und den Krieg,
laesst eine Wiederkehr zu, wofuer ja die Neonazis weltweit den besten Beweis
dastellen. Die Verdraengung der Vertreibungsgeschichte aus der Psyche der
Deutschen zeigt fuer mich auf keine problematischen zukuenftige Verhalten
der Deutschen, die den inneren oder aeusseren Frieden stoeren koennten.
Leztendlich verbleibt man bei der ganz primitiven Einsicht, dass ein Volk,
dass den zweiten Weltkrieg zu verantworten hat, nicht im Nachhinein
Nachsicht erwarten kann, vor allen Dingen wenn es eben nicht wie nach dem
ersten Krieg durch einen Versailler Vertrag drangsaliert wurde, sondern
statt dessen mit Geld und anderer Hilfe der Sieger aus dem selbstgebuddelten
Loch wieder rauskrabbeln konnte. Mehr war da nicht zu holen. Fuer das, was
wir kriegten, solltern wir dankbar sein. Primitiv, ja, aber auch
realistisch.
Etwas anderes politisch verkaufen zu wollen, waere "to cut off your nose to
spite your face" oder "to throw out the baby with the bathwater". Traeumen
tun wir alle gerne, doch sollten die Traeume nicht to Wirklichkeiten
vergiften.
Knut