Hallo Ralf Stamporek,
Deine Fragen sind so interessant wie berechtigt.
Jedoch wzei Hinweise und Korrekturen vorab.
1. Die KB (kath.) des Bistums Hildesheim sind seit Juni 2017 online gestellt.
Und zwar vollständig. Jedenfalls vollständig in Bezug auf einzuhaltende Schutzfristen.
Wie kommst Du zu der Einschätzung, dass die KB seit vorgestern bei matricula eingestellt
seien und überdies die KB nicht vollständig erfasst wurden?
2. Einige Bemerkungen zum Aufwand. Im Bestand des Bistums Hildesheim
liegen 3.850 KB vor. Unter Berücksichtigung der archivischen Schutzfristen
von maximal 120 Jahren wurden 1.216 KB auf der Plattform Matricula eingestellt.
Digitalisiert wurden allein in diesem Bistum insgesamt 3.850 KB (!) mit Hunderten KB-Seiten,
die Seite für Seite eingescannt und digitalisiert werden mussten. Ein nicht hoch genug
zu würdigender Aufwand.
Allein aus diesem Terr. des Bistums Hildesheim liegen heute mehr als 140.000 Images (digitalisierte Doppelseiten) vor, noch dazu zu mehr als 90 farbig!
Vergleichbar ist die gegebene Situation in anderen kath. Bistümern (z.B. Dresden-Meißen.
Archion ist faktisch eine GmbH, also ein Unternehmen. Interessant wäre ein Auszug aus dem Handelsregister,
um Einzelheiten zum Geschäftszweck zu erfahren.
Hinter Archion steht seit 2013 die Kirchenbuchprotal GmbH bzw. wird von dieser Gesellschaft betrieben.
Es handelt sich um ein Gemeinschaftsunternehmen der Evangelischen Kirche in Deutschland und urspr. von elf evangelischen Landeskirchen. Seit 2016 beteiligen sich drei weitere ev. Landeskirchen. Offizieller Start war 2015.
Beteiligt sind heute folgende Landeskirchen: Evangelische Landeskirche Anhalts, Evangelische Landeskirche in Baden, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland, Evangelische Kirche der Pfalz, Evangelische Kirche von Westfalen, Evangelische Landeskirche in Württemberg, seit 2016
die Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig, die Lippische Landeskirche und die Evangelische Kirche im Rheinland und jetzt auch die Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
Es wird behauptet, Geschäftszweck sei die Bereitstellung digitalisierter kirchlicher Amtshandlungsregister.
Da es sich um eine GmbH handelt muss das in Abrede gestellt werden.
Wir erleben hier letztlich einen weiteren Schritt hin zu vollständigen Kommerzialisierung der
Genealogie. Wobei sich die Frage stellt, ob es Alternativen gäbe.
Nun, die katholische Kirche macht es vor.
Andererseits ist der immense Aufwand und sind die damit verbundenden Kosten zu berücksichtigen.
Und die Situation in der evangelischen Kirche bzw. den einzelnen Landeskirchen ist im Ganzem
gesehen als dramatisch zu kennzeichnen. Sowohl was den Mitgliederschwund als auch die finanzielle
Situation anbelangt. Im Grunde sind wir Zeitzeugen einer in Untergang begriffenen Konfession.
Das ist keine These sondern Tatsache. Die innerhalb der inzwischen vollständig dem Zeitgeist
ergebenden Kirche allerdings bestritten wird. Solange solch unselige Figuren wie Bedford-Strom oder Käsmann
(um nur diese zu nennen) dominieren und tonangebend sind (und dafür von der ebenfalls zeitgeistgesteuerten Medienbande gefeiert werden) wird sich diese Tendenz sogar eher noch verstärken.
Dass Archion existiert begrüßen Genealogen selbstverständlich. Aber auch hier ist grundsätzliche
Kritik anzumerken. Denn wie bereits bei den in der Vergangenheit durchgeführten Verfilmungen
bleiben die in den Pfarrämtern bzw. kirchlichen Archiven überlieferten Quellen wie beispielsweise
Namensregister zu den Amtshandlungsregistern, Seelenregister, Kirchenrechnungen, Pfarrlehnbücher usw.
leider unberücksichtigt.
Und leider berücksichtigen viele der heute aktiven Genealogen diese Quellen oft nicht mehr, sei es, dass ihnen diese unbekannt sind oder einfach nur deshalb, weil nur noch digital zugängliche Quellen berücksichtigt werden.
Und in der Regel haben wir heute kaum noch eine Möglichkeit, in die örtlichen PfÄ zu kommen und die "Schätze", die dort zum Teil vorhanden sind, zu heben. Zumal die überwiegende Zahl der PfÄ
heute gar nicht mehr besetzt sind. Im übrigen auch dies eine Bestätigung meiner These einer im Abgang
und im Untergang befindlichen Konfession.
Matricula ist wie Archion ein webportal und durchaus nicht auf kath. KB beschränkt, vielmehr
staaten-, gebiets- und konfessionsübergreifend.
Betrieben wird es von ICARUS, der International Centre for Archival Research.
Diese Institution ist gemeinnützig (!!!) und ein gemeinschaftlicher Zusammenschluss von 160 Archiven und wissenschaftlichen Instituten aus 30 europäischen Ländern, Kanada und den USA.
Die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) hätte sich hier also durchaus beteiligen können (und sollen).
Statt dessen wurde die Kirchenbuchprotal GmbH gegründet und die Digitalisierung benutzt, um perspektivisch
Geld zu verdienen.
D.h. die Ev. Kirche als Institution benutzt die KB (zu denen uns kein Zugang nehr gewährt wird!)
um Kohle zu machen (um es einmal so grass auszudrücken). Und die aktiven Genealogen beteilige sich leider
an diesem "Spiel".
Anzumerken wäre im gegebenen Zusmammenhang, dass sich die örtlichen Amtshandlungsregister auch keineswegs
im Besitz und Eigentum der einzelnen Landeskirchen befinden sondern Eigentum der Kirchengemeinden sind.
Aber alle tun so, als ob es sich genau anders herum verhalten würde, dass die KB quasi Eigentum der
Institution Kirche seien. Die Kirchenleitungen der Landeskirchen verfügten allgenein bereits nach den Verfilmungen, dass Laiengenealogen der Zugang zu den Original-KB zu verwehren sei.
Eines dieser an einen Ortspfarrer gerichteten Anschreiben habe ich selbst in Augenschein nehemn können!
Unter Berücksichtigung der Prämisse, dass KB allgemeines Kulturgut darstelen betrachte ich dieses
Gebaren der Ev. Kirche als Anmaßung um nicht zu sagen als frech. Diese meine Auffassung und allgemeine
Kritik am inneren Zustand der ev. Kirche wird von ehem. Pfarrern, von Nachkommen eb. Pfarrer und
anderen, darunter kirchlich Aktiven geteilt, von denen manche, obwohl christlich gläubig, sich bereits
zum Kirchenaustritt entschlossen haben. Und diese Entwicklung schreitet fort.
Auf Deine Frage musste ich so ausführlich antworten, weil die eigtl. Problematik erstens tieferliegend
und das Gesamtproblem komplexer ist.
Viele Grüße aus Ostfalen, Thomas Engelhardt (Ilsede)