Seite 9 Heimatgruppe Ostpreußen in Stalingrad, mit Foto
Wir Ostpreußen hatten im Lager 5110/47 in Stalingrad eine prächtige Heimatgruppe, sagten die beiden ostpreußischen Freunde Erich Kendelbacher aus Klein-Pruschitten im Kreis Gumbinnen und Heinz Striewski aus Nasteiken im Kreis Osterode in Ostpreußen, als sie jetzt mit einem Heimkehrertransport in Friedland eintrafen. Es waren etwa zehn bis zwölf Ostpreußen, die in diesem Lager, wie Pech und Schwefel, zusammenhielten und die Freud und Leid miteinander teilten.
Als einer dieser ostpreußischen Heimatgruppe aus Stalingrad, der bereits vor zwei Jahren entlassen worden war, jetzt im Rundfunk die Namen seiner beiden Kameraden von damals hörte, eilte er auf dem schnellsten Wege nach Friedland, um sie herzlich willkommen zu heißen. Es war Fritz Scheller, der seinen Kameraden Kendelbacher und Striewski sofort seine Hilfe anbot.
Nur auf Umwegen konnten die beiden ostpreußischen Heimkehrer mit ihren Angehörigen in Verbindung treten. Die Eltern von Heinz Striewski leben heute noch in ihrer ostpreußischen Heimat. Eine direkte Briefverbindung nach dorthin war unmöglich, denn Kriegsgefangenenpost wurde nicht nach Ostpreußen zugestellt. Aber glücklicherweise lebt eine Schwester von heinz Striewski seit langer Zeit in Westdeutschland, in Bochum, und so konnte Heinz Striewski indirekt mit seinen Eltern Nachricht austauschen. Sie gingen von Stalingrad nach Bochum und von dort nach dem polnisch besetzten Ostpreußen. Es dauerte zwar immer viele Monate, manchmal Jahre, bis eine Frage beantwortet werden konnte, aber die Verbindung blieb doch wenigstens aufrechterhalten.
Nicht ganz so groß war der Umweg, den die Nachrihten von Erich Kendelbacher aus Stalingrad zu seiner Frau, die in der sowjetischen Zone eine Unterkunft gefunden hatte, machen mussten. Hier war Stuttgart als Zwischenstation eingeschaltet. Isolde R., eine Bekannte in Stuttgart-Feuerbach, schickte Erich Kendelbacher Pakete nach Russland und verstand sich mit seiner Frau in der Sowjetzone recht gut. Deshalb liefen hier in Stuttgart die Fden zusammen, deshalb hat sich Erich Kendelbacher auch nach Stuttgart entlassen lassen.
Auch als vor zwei Jahren die deutschen Kriegsgefangenen in den sowjetischen Lagern ziemlich durcheinandergewirbelt wurden, blieben mehrere Kameraden der ostpreußischen Heimatgruppe doch noch zusammen. So fanden sich in Swerdlowsk Erich Kendelbacher, Heinz Striewski, Helmut Görge und Erwin Lau zusammen. Die beiden ersten sind bereits in Friedland eingetroffen, mit der Ankunft von Helmut Görge und Erwin Lau wird in Kürze gerechnet.
Sehr schwer hat es vor allem Erwin Lau gehabt, der von seinem ostpreußischen Kameraden besonders unterstützt wurde. Denn Erwin Lau hat nie wieder etwas von seinen Angehörigen gehört. Zwanzig Karten hat er manchmal in einem Jahr geschrieben, niemals ist eine zurückgekommen, niemals aber auch hat Erwin Lau eine Antwort von seinen Lieben erhalten. Und das war das schlimmste für ihn. Doch wenn er jetzt in Deutschland steht, dann soll sich noch einmal die in Stalingrad geschlossene und so gut bewährte ostpreußische Kameradschaft beweisen. Das haben ihm seine Kameraden hinter Stacheldraht versprochen, und dazu erwarten sie auch die Unterstützung ihrer ostpreußischen Landsleute in Westdeutschland.
Foto: Zwei Kameraden der Heimatgruppe Ostpreußen sind jetzt in Friedland eingetroffen: Erich Kendelbacher (links) und Heinz Striewski (rechts)
Seite 9 Dreimal in Gefangenschaft. Foto
Ein besonders schweres und eigenartiges Schicksal hat der jetzt 39 Jahre alte Gerhard Müller aus Ortelsburg in Ostpreußen hinter sich. Er war zweimal, ja eigentlich dreimal in sowjetrussischer Gefangenschaft. Das erste Mal wurde er 1949 aus der Kriegsgefangenschaft im Kaukasus nach Berlin entlassen. Anfang 1952 wurde er in Ostberlin verhaftet und wegen Spionage und Konterrevolution zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Im Workutagebiet arbeitete er im Kohlenschacht, bis er 1953 amnestiert wurde und mit einem Transport nach Deutschland fahren konnte. Als Heimkehrer sah er seine ostpreußische Heimat wieder, aber in Tapiau wurde er auf Grund einer Denunziation aus dem Transport herausgeholt und in Königsberg in ein Gefängnis gebracht. Als der Zug mit seinen Kameraden in Richtung Westen abgegangen war, musste er wieder nach Osten fahren. Er kam nach Potma. Zwei Jahre musste er dort noch schwer arbeiten, bis er jetzt zum dritten Mal nach Deutschland und endlich in die Freiheit fahren konnte. Bei seinen Eltern in Karlsruhe will Gerhard Müller von den schweren Strapazen ausruhen.
Seite 9 Die Stärke landsmannschaftlicher Treue.
General Thomaschki erfuhr sie in der Gefangenschaft. Foto. General Thomaschki wird von seiner Gattin (ganz rechts im Bild), seinen beiden Söhnen und seiner Tochter in Friedland empfangen.
Der Postbote brachte in diesen Tagen Stöße von Briefen in das Haus Hamburg, Mittelweg 40, in dem der aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrte General der Artillerie Siegfried Paul Thomaschki jetzt bei seiner Familie wohnt. Auch Päckchen trafen ein, und ein in der Hansestadt lebender ostpreußischer Konditormeister, der vor etwa fünfundzwanzig Jahren als Kanonier in der Batterie des Artillerieregiments 1 in Königsberg, deren Chef der General damals war, gedient hat, eine prächtige große Torte.
Diese Beweise treuer Anhänglichkeit werden verständlich, wenn man mit dem Zurückgekehrten spricht. Sein mannhaftes, offenes Wesen zeigt auch gewinnende Güte und menschlichen Takt. Er, dessen Laufbahn bis zum Kommandierenden General ohne Kommandierung zum Generalstab erfolgte, war ein Führer nach dem Herzen der Truppe. Auch in der Gefangenschaft fühlte er sich für die Soldaten verantwortlich, und versuchte alle Möglichkeiten, ihr hartes Los zu bessern. Mutig trat er menschenschindern entgegen, und er hatte auch Erfolg damit. Dass jetzt die Generale zuerst vor den Soldaten entlassen wurden, geschah gegen unseren Willen. Wir haben dagegen protestiert; aber die Russen ordneten die Reihenfolge an, erklärt er.
Siegfried Paul Thomaschki entstammt einer alteingesessenen ostpreußischen Familie masurischer Herkunft. Er wurde 1894 in Miswalde, Kreis Mohrungen, geboren, wo sein Vater, der einige Jahre darauf an die Burgkirche in Königsberg berufen wurde, Pfarrer war. Nach dem auf dem Friedrichskollegium 1913 bestandenen Abitur trat er in das Feldartillerie-Regiment 52 ein. Im Weltkrieg wurde er viermal verwundet. In die Reichswehr übernommen stand er bis 1938 in Ostpreußen in Garnison; zuletzt als Abteilungskommandeur im Artillerie-Regiment 11 in Lötzen. Er erinnert sich gerne der Fahrten mit dem Segelclub Masovia, dessen Mitglied er war. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges befehligte General Thomaschki, der früh mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet wurde, das X. (Hamburger) Armeekorps, und er leitete die Abwehrkämpfe des rechten Flügels, der sich mit hervorragender Tapferkeit schlagenden Kurlandarmee im Raum von Libau. Mit seinen Soldaten, die eine erstaunliche Disziplin bewahrten, ging er den bitteren Weg in die Gefangenschaft.
Ohne Grund, ohne Zeugenvernehmung und ohne ein ihm verkündetes Gerichtsurteil wurde er mit 25 Jahren Arbeitsbesserungslager bestraft. Als er in eisiger Kälte bei schweren, rücksichtslos angetriebenen Arbeiten in einem Steinbruch und in einem Zementlager in Workuta vor Hunger zusammenbrach, wurde er, dem Tode nach nach Brianka im Donezgebiet transportiert. Hier zeigte sich in das starke Gemeinschaftsempfinden der Ostpreußen im hellsten Licht. Kriegsgefangene, die bereits für ihre Arbeit entlohnt wurden, die ihn gar nicht kannten, brachten ihm, nur auf die Kunde hin, dass ein Landsmann in Lebensgefahr sei, wertvolle Lebensmittel, die sie selbst für Geld kaufen mussten. Diesen Männern und spter den Paketen meiner Frau und lieber Kameraden verdanke ich mein Leben, bekennt der Zurückgekehrte.
Zwei Jahre war er im Generalslager Woikowo. Die Insassen verfolgten am Rundfunk die Verhandlungen in Moskau: Wir waren in Sorge, dass dem Kanzler, der übrigens durch seine feste Haltung den Russen hohe Achtung eingeflößt hat, zum Nachteil für das deutsche Volk um den Preis unserer Freilassung Zugeständnisse machen würde. Das wollten wir nicht. Russische Offiziere bemühten sich nach dem Kanzlerbesuch, die Stimmung bei den Gefangenen zu heben. Die Gefangenen erhielten Zivilanzüge, und es wurde ihnen sogar ein Fest gegeben. Aber wer kann zehn Jahre der Demütigung, der völligen Missachtung menschlicher Würde, die harte Fronarbeit, das Hungern und die ausgestandenen seelischen Qualen vergessen? Die Gefangenen setzten es noch durch, dass die Russen die schriftliche Zusicherung gaben, in Zukunft die Gräber der verstorbenen Kameraden zu pflegen.
Es kam der ersehnte Tag der Heimreise nach Deutschland. Verschüchtert und stumm, gesenkten Hauptes, sichtlich in Angst vor einem Gespräch, das von den Spitzeln belauscht werden könnte, verhielten sich die Deutschen in der sowjetisch besetzten Zone. Die Rückkehrenden schenkten ihnen ihre Lebensmittel.
Über die große Freude, meine Frau und meine Kinder in Friedland wiederzusehen, brauche ich wohl nichts zu sagen, meint der Heimkehrer, und ein inniger Blick geht zu den Seinen, aber ein Gefühl des Stolzes regte sich auch, als mir dort die Elchschaufel im Rockaufschlag angesteckt wurde. Sie ist mir das Zeichen der Ostpreußen, aber sie war auch das Zeichen, meiner alten 11. Division.
Foto: Sie können wieder lachen, zum erstenmal nach vielen Jahren. Endlich sind sie in der Freiheit, endlich sind sie wieder in der Heimat. In den Arbeitslagern des Workuta-Gebietes haben diese Frauen und Mädchen jahrelang schwer schuften müssen. Ein freudiger, begeisterter Empfang wurde auch diesen Heimkehrerinnen bei ihrer Ankunft im Lager Friedland bereitet.
Seite 10 Generalvikar Dr. Marquardt heimgekehrt
Unter den aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft Entlassenen befindet sich auch der frühere Generalvikar des Ermlandes, Dr. Marquardt.
Seite 10 Niemals sagt Erika, Mutter. Das tragische Schicksal der vierzehnjährigen Erika Kahnert aus Tharau
Der Mensch bleibt auch in seinem aufrichtigsten Streben nach Weisheit und Einsicht, Ordnung und Recht, auch in seinen bestgemeinten Handlungen der Möglichkeit von Irrtümern und Fehlentscheidungen unterworfen. Im Hinblick auf das Schicksal eines ostpreußischen Kindes, der in Tharau geborenen und jetzt vierzehnjährigen Erika Kahnert, wird diese Wahrheit wieder einmal tragische Wirklichkeit. Wahrhaft verwirrend und schwankend zwischen Glück und Leid erscheinen uns die menschlichen Erwägungen, die ihr Los zehn Jahre lang bestimmten. Einem Gerichtsurteil blieb es vorbehalten das Kind der sehnsüchtig bangenden mutter zuzuführen. Doch selbst bei aller Rechtlichkeit, die aus dem Urteil spricht, blieb noch die Frage offen, ob es dem Kind zum Glück ausschlägt.
Im Krankenhaus von Frauenburg
Als Dreijährige wurde Erika aus ihrem Elternhaus in Tharau wegen einer am rechtn Fußgelenk aufgetretenen Knocentuberkulose nach Frauenburg ins Krankenhaus gebracht. Das war 1944. In den letzten Januartagen des folgenden Jahres erkannte die Mutter, dass sie sich auf die Flucht begeben musste; das Geschick ihrer anderen vier Kinder, um das sie besorgt war, zwang sie zu dieser Entscheidung. Doch sträubte sich ihr Mutterherz, das Kleinste zurückzulassen. Sie fühlte instinktiv, dass ihr niemand die letzte und echte Verantwortung für Erika abnehmen konnte. Ihr dringendes Verlangen nach Herausgabe des Kindes aus dem Frauenburger Krankenhaus stieß jedoch auf den Widerstand der Ärzte. Es hieß, das Kind sei noch nicht wiederhergestellt und müsse deshalb unter ärztlicher Pflege und Aufsicht bleiben. Schließlich blieb der Mutter unter dem Druck der Ereignisse keine Wahl, sie musste den Weg auf die Flucht ohne das Mädchen antreten, um der kleinen Geschwister willen.
Was man der Mutter nicht zugestehen wollte, wurde ein paar Wochen später bittere Notwendigkeit. Mit einem Flüchtlingstransport gelangte Erika über See nach Dänemark. Wohl hatte sie den Vorteil, dass sie dort in ein Krankenhaus gebracht wurde, doch Ärzte und Schwestern, der pflegerischen Verantwortung enthoben, zerstreuten sich, und zurück blieb ein hilfloses Wesen, dem nichts weiter als die Kenntnis seines Vornamens geblieben war. Kein vertrautes Gesicht neigte sich über sie, und die Worte in fremder Sprache hatten nichts Tröstliches an sich.
Eine Pflegemutter, die zu arm war
Eines Tages wurde Erika Kahnert, die plötzlich aus unerfindlichen Gründen Erika Donat genannt wurde, über die Grenze nach Deutschland gebracht und fand Unterkommen in der Orthopädischen Abteilung des Krankenhauses von Eddelak in Holstein. Da die Krankheit inzwischen behoben war, suchte man ihr eine Pflegemutter. Es meldete sich eine Wittwe aus Recklinghausen, die bereit war, die kleine Fünfjährige bei sich aufzunehmen. Sie gab dem Kind, was sie zu geben hatte, sehr viel Liebe. Die Frau, die ihr Leben als Zeitungsausträgerin fristete, war aber zu arm, um mehr als das Allernotwendigste auf den Tisch zu bringen. Vielleicht geschah es aus dieser Erkenntnis heraus, dass sie durch eine Meldung beim Internationalen Roten Kreuz versucht hat, Erikas Mutter ausfindig zu machen. Doch die Bemühungen mussten vergeblich sein. Eine Erika Donat wurde von niemand vermisst.
Inzwischen erkrankte die Pflegemutter, und die kleine Erika musste für beider Lebensunterhalt arbeiten. Sie war nun schon schulpflichtig. Jeden Morgen, ehe sie zur Schule ging, um fünf Uhr, da andere Kinder noch friedlich schlummern, musste sie die Zeitungen austragen. Der unhaltbare Zustand wurde erst dann offenbar, als den Lehrern die Übermüdung der kleinen Schülerin auffiel und sie den Gründen nachforschten. Und da kam Erika in ein Recklinghauser Kinderheim.
Ein echtes Heim
Ein Kinderheim ist kein Zuhause, und nach dem Willen des Jugendamtes sollte Erika ein Zuhause haben. Sie fand es bei einem kinderlosen Ehepaar in Holzwickede bei Unna. Da wollte es scheinen, dass die leidvolle Wanderung des kindes ein Ende haben sollte. Es war ein warmes, ein gepflegtes, ein echtes Heim, das die beiden Eheleute Erika anboten, so wie es ein Kind sich nur wünschen kann. Nicht nur, dass sie es liebevoll und zärtlich in ihre Obhut nahmen, sie verwöhnten es geradezu. Ihre Wohlhabenheit gab ihnen die Mittel. Sie besaßen ein eigenes Haus, einen Garten dazu; Erika hatte ihr eigenes Zimmer. Die nunmehr Zehnjährige erblühte sichtlich. Ihre Wünsche wurden erfüllt. Das Leben in den Städten ringsum lernte sie von der angenehmsten Seite kennen. Die beiden Menschen betrachteten das Kind bereits als ihr eigenes; sie wollten es adoptieren. Damit wäre Erikas Zukunft gesichert gewesen. Sie ist ein hübsches, gesundes und aufgeschlossenes, geistig regsames Kind geworden, an dem auch die Lehrer ihre Freude haben.
Das Glück wurde gestört
Im Lauenburgischen wohnt ein Ehepaar, Herr und Frau Bohnert. Sie suchten seit Jahren ihr Kind, das Erika hieß. Da erfuhren sie von der Existenz einer Erika, die Donat genannt wurde und in Wirklichkeit Kahnert hieß. Sie sahen ihr Bild und stellten den Aufenthaltsort fest, fuhren eiligst nach Holzwickede und verlangten von den Pflegeeltern die Herausgabe des Mädchens, das sie als das ihrige betrachteten. Das Glück wurde unsanft gestört.
Es entbrannte ein heftiger Kampf, in dem Erika erschrocken und scheu zum Mittelpunkt wurde. Wir haben schon einmal ein Kind aufgezogen, das uns wieder genommen wurde, sagten die Pflegeeltern, Erika geben wir unter keinen Umständen her!
Da schaltete sich die Behörde in Unna ein. Es wurden Blutproben genommen, von Erika, von Herrn und Frau Bohnert. Die Untersuchung stellte eindeutig fest, dass Erika niemals ihr Kind sein konnte. Die drei Menschen in Holzwickede waren glücklich und schlossen sich nur noch enger zusammen. Unglücklich waren die Eheleute Bohnert, die heute noch nach ihrer Erika suchen.
Beim Suchdienst Hamburg
Es ist nicht zu bezweifeln, dass alle jene Menschen, die Erikas Wohl in Händen hielten, sich ernsthaft zu ihrem Besten bemühten. Da war zuerst das Jugendamt in Recklinghausen, dann die Jugenbehörde in Unna-Kamen, der die Pflichten der Vormundschaft oblagen. Das Kind war gesund und auch sonst in keiner Weise gefährdet, es hatte eine vorzügliche Pflegestelle und wahrscheinlich eine glückliche Zukunft.
Anscheinend aber ist dabei niemand auf den Gedanken gekommen, dass ein Mutter ihr Kind suchen könnte, und dass es zweckmäßig sein würde, den Suchdienst in Hamburg von Erikas Existenz und ihren früheren und jetzigen Lebensumständen zu benachrichtigen.
Schon seit dem Jahr 1947 lag beim Suchdienst Hamburg eine Suchakte unter dem Namen Erika Kahnert. Ruhelos suchte die Mutter ihr jüngstes Kind. Einmal erschien sie selbst und brachte die Bilder ihrer anderen kinder mit. Ein anderes Mal schickte sie ihren Sohn Kunibert, der sollte fragen, ob man noch immer nichts über Erikas Schicksal erfahren hatte. Mutter bangt schon so lange nach Erika, erklärte der Junge. Und darüber vergingen die Jahre.
Die Ähnlichkeit mit dem Bruder
Im Sommer 1953, ein Jahr nach dem Erscheinen des Jungen in den Räumen des Suchdienstes, wo er im Auftrag der Mutter vergebens nach seinem Schwesterchen fragte, schickte das Internationale Rote Kreuz ein Aktenpaket an den Suchdienst, lauter Fälle, die sich bisher nicht aufklären ließen. Dabei war auch das Aktenstück einer Erika Donat. Das Bild einer kleinen Sechsjährigen klebte darauf.
Bei Anblick des Bildes stutzte die Sachbearbeiterin in Hamburg. Dieses Gesicht glaubte sie bestimmt schon einmal gesehen zu haben. Nach einigem Besinnen wusste sie es: So hatten die Augen jenes Jungen sie angeschaut, der sich Kunibert Kahnert nannte und in der Nähe von Preetz wohnte.
Der Faden, der sich hier abgerollt hatte, wurde zurückverfolgt, und er führte schließlich zu Erika Donat in Holzwickede. Und wieder begann nun ein langes, heftiges Ringen. Wieder weigerten sich die Pflegeeltern, das Kind herauszugeben. Sie beriefen sich dabei auf den noch nicht vergessenen Einbruch des Ehepaares Bohnert in ihr friedvolles Beieinandersein. Sie wiesen auf die neuen seelischen Erschütterungen hin, die Erika unweigerlich erleiden würde. Und selbst Erika stellte sich auf die Seite der Pflegeeltern, von denen sie nicht lassen wollte, weil sie sie liebte und von ihnen innig geliebt wurde.
Die wirkliche Mutter
Den Beweisen, die der Suchdienst Hamburg vorlegte, Alter und Geburtsort, Krankheit und Krankenhausaufenthalt, nicht zuletzt die auffallende Ähnlichkeit mit den Geschwistern, konnte sich auch das zuständige Jugendamt in Unna nicht verschließen, und selbst die Pflegeeltern mussten einsehen, dass es sich dieses Mal um die Ansprüche der echten Mutter handelte. Aber die Pflegeeltern führten ins Treffen, dass man dem Kind selbst unter diesen Umständen keine seelischen Belastungen mehr zumuten dürfe, und das Jugendamt schloss sich diesen zwingenden Argumenten bedingt an. Es wurde sogar die Möglichkeit erwogen, man sollte behördlicherseits den Fall ruhen lassen und die Akten darüber schließen. Erika Donat sollte in Holzwickede und Erika Kahnert verschollen bleiben.
Der Suchdienst Hamburg aber konnte sich diesen Folgerungen aus den sichtlichen Schwierigkeiten nicht anschließen, von dem Grundsatz geleitet, dass jedes Kind zur leiblichen Mutter gehört und es ihr unter allen Umständen zugeführt werden muss.
Das Urteil
Frau Kahnert sah ihr Kind in dem Raum des Landgerichts Dortmund zum erstenmal wieder, wo über Erikas Schicksal verhandelt wurde. Aber das Mädchen war sich nicht in die ausgestreckten Arme der wirklichen Mutter, sondern schmiegte sich fest an die andere Frau, aus deren Händen sie mehr als vier Jahre lang so viel Gutes empfangen hatte, vor dem alles andere nichts zu sein schien.
Doch an dem Ausgang des Prozesses war nicht zu zweifeln. Im Juni 1955 wurde das Urteil verkündet: Die Witwe Frau Kahnert ist die leibliche Mutter der am 21. Mai geborenen Erika Kahnert!
Seit einigen Wochen lebt Erika in der sehr kargen Behausung, die ihrer Mutter und den Geschwistern zur Wohnung dient, die in einem grauen Barackenbau liegt. Da ist kein Garten, kein eigenes Zimmer, da fehlen all die schönen Dinge und Annehmlichkeiten.
Soll man sich darüber wundern, dass Erika nicht glücklich ist? Niemals spricht sie den Namen, Mutter, aus. Dunkel und ungewiss ist, was aus der Vierzehnjährigen werden soll. Die Mutter hat ihr nicht viel mehr zu bieten als ihre Mutterliebe.
Doch in jeder leiblichen Mutter wohnen auch Hoffnung und Glauben. Am 21. Mai nächsten Jahres wird Erika zum erstenmal in ihrem Leben richtigen Geburtstag feiern. Dann, mein die Mutter, wird das Eis der Fremdheit gebrochen sein. Und eines Tages soll die Tochter erkennen, dass ein echtes Mutterherz durch nichts auf der Welt zu ersetzten ist.
Seite 11 Auf dem Hof seiner Vorfahren. Fotos.
Ein ostpreußischer Junge erlebt ihn im Salzburgischen. Von Jobst Sinhuber
Mehrere Jungen aus meiner Klasse hatten sich für die Sommerferien etwas Besonderes vorgenommen: eine große Radtour, Zelten und ähnliches. Den größten Plan aber hatte ich wohl: ich sollte nach Salzburg! Die Salzburger Landesregierung hatte zwanzig Kinder Salzburger Herkunft für einen vierwöchigen freien Ferienaufenthalt eingeladen. Zu diesen Glücklichen gehörte ich, und es erschien mir zuerst ganz unwahrscheinlich, zumal alles ziemlich plötzlich kam. Innerhalb einer Woche musste ich reisefertig sein, auch mit einem Paß versehen. Die Reisegeldfrage, bei 75 Prozent Ermäßigung nicht zuviel, konnte ich sogar selbst lösen. Ich hatte Gelegenheit gehabt, mir etwas Geld zu verdienen. Eine zünftige Windjacke wollte ich haben; die fiel nun weg, und die alte hat’s auch noch prima getan.
An einem herrlichen Sommermorgen ging’s los aus dem nördlichsten Deutschland und vom Ostseestrand nach dem Süden und den Bergen. Zuerst bis Hannover. Dort trafen wir uns: sieben Jungen und dreizehn Mädchen aus allen Ecken Deutschlands. Dann nahmen uns zwei Damen unter ihre Fittiche, was sicher nicht immer ganz leicht gewesen ist. Zu oft wollten wir nicht gern unterschlüpfen; trodem hoffe ich, dass wir ihnen nicht zuviel Kummer bereitet haben.
Zum erstenmal Alpenriesen!
Der 11 Juli wurde ein heißer Reisetag, doch es gab genug Abwechslung. Wir lernten uns alle kennen und hörten viel voneinander. Draußen wechselten immer neue Landschaften mit Städtebildern, oft ganz anders als bei uns oben in dem Land zwischen zwei Meeren. Als wir schon über München hinaus waren, begann es zu dämmern. Dazu schlechte Sicht, so dass wir die Berge mehr ahnten als sahen. Mit einer Stunde Verspätung, also um Mitternacht, fuhren wir in Salzburg ein. Ein Bus hatte treu und brav gewartet; er fuhr uns zum evangelischen Schülerheim. Wir waren wohl müde, aber doch zu gespannt, um nicht am nächsten Morgen früh wach zu sein und zu sehen, in welch schönem Fleckchen Erde wir gelandet waren. Die Stadt selbst sollten wir zum Abschluss unseres Aufenthaltes kennenlernen. Schon am Nachmittag wurden wir alle in einem Lastauto verstaut; es ging hinauf in die Berge, unserem Endziel entgegen.
Das war also das Gebirge, und alles, was ich mir über die Berge an Großem und Schönem vorgestellt hatte, war zu wenig gewesen. Nach drei Stunden Fahrt nahm uns der Gasthof Mitterlengau in der Gemeinde Saalbach für drei Wochen auf. Er liegt in 1200 Meter Höhe. Man hat von dort aus eine sehr weite Sicht ins Tal und zu den schneebedeckten Bergen. Ferien und Zusammensein heißt aber auch, sich einfügen in die Gemeinschaft, Ordnung halten und aufgeschlossen sein. Von Salzburg waren noch Jungen und Pfarrer Florey mit uns gekommen. Er leitete die Ferienzeit; schnell hatten wir uns aneinander gewöhnt und uns in alles gefunden. Wir wohnten in Gruppen, unterteilt in Zimmer, denen jeder Stubenälteste einen Namen gegeben hatte wie Piratenloch, Folterkammer, usw.
Im Zimmer Ostpreußen
Unser Zimmer wurde schlicht Ostpreußen genannt. Es gab Führungspunkte, und ich glaube, Ostpreußen hat diesmal nicht schlecht abgeschnitten. Ob das nur bei mir so war, jedenfalls interessierte mich auch sehr der Speisezettel, hatte man mir zu Hause doch schon von meinen sehr geliebten Mehlspeisen erzählt. Es gab sie dann auch wirklich jeden zweiten Tag, und auch sonst konnte man prima und reichlich futtern. Man sieht’s mir heute noch an! Zu Hause angekommen schmeckte eine Portion Bratkartoffeln, so gut wie Mutti sie nur machen kann, nach Ostpreußenart mit Speck und Zwiebeln knusprig gebraten, aber auch wieder sehr gut.
Nicht jeder hat aber das Glück, die Majestät der Berge im Gewitter kennenzulernen. Selbst unser Wirt meinte, die Blitze und der Donner, die wir erlebten, wären nicht von Pappe. Eine Nacht wird mir unvergesslich bleiben, als das Gewitter direkt in unseren Bergen stand. Wunderbare Blitze zuckten in allen Himmelsrichtungen, dunkel grollende Donner lösten einander ab. Durch den Widerhall schien es, als stürzten die Berge zusammen und überrollten uns, als wollten die düster und schwer hängenden Wolken uns einhüllen und erdrücken. Es war unheimlich und doch gigantisch schön.
Der Sinhub-Hof der Väter
In all dem Erleben stand mir noch etwas Besonderes bevor, und immer wieder musste ich daran denken. Ich wollte den Hof sehen, aus dem unsere Vorfahren einst ausgewandert sind. Zu Hause war mit meinen Eltern alles schon besprochen. Ich, in Werfen in Ostpreußen geboren, wusste, dass ein Großonkel, der sehr eifrig um die Familiengeschichte bemüht war, den Hof im Salzburger Werfen schon gesucht und gefunden hatte. Es traf sich gut, dass Bekannte meiner Eltern, auch eine ostpreußische Landwirtsfamilie, nach der Vertreibung nach Maishofen verschlagen wurden, also ganz in unserer Nähe wohnten. Und eines Tages hieß es, morgen werde ich mit ihm den Sinhub-Hof aufsuchen. Ich kam mir ganz abenteuerlustig vor und war sehr, sehr gespannt.
Es begann auch mit einem Abenteuer. Wir saßen im Zug nach Werfen. Dort angekommen, erfuhren wir, dass der Hof zu Pfarrwerfen gehöre, in entgegengesetzter Richtung. Wir mussten zurück. Doch bald brachte uns ein Bähnle auch nach Pfarrwerfen. Es war Mittagszeit. Erstaunlich schnell erfragten wir uns den Weg. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es wohl vor 230 Jahren hier ausgesehen hatte, als unsere Urväter den Weg ins Ungewisse antraten. Die Salzach rauschte damals genau so wie heute, die Berge waren groß und stumm wie heute. Ob die Höfe sehr viel anders ausgesehen haben? Aber Bahnschienen und elektrische Maste gabs damals noch nicht. Wenn ich plötzlich einer der Urahnen auf uns zugeschritten käme, nach unserem Begehr fragte und, warum wir damals davonzogen? Vielleicht hätte er auch gesagt: und nun seid Ihr wieder auf Wanderschaft, seid heimatlos. Es war, als hätte die Zeit seither stillgestanden.
Ein großer Augenblick
Es kam kein Mensch, aber ein Hund sprang uns entgegen, zuerst laut kläffend, dann wurde er zutraulich, als könnte er uns verstehen und wollte uns Mut machen. Wir gingen auf das Haus zu, und da war es für mich ein großer Augenblick, als ich obern über der Haustür auf einem nicht großen, alten Schild lese: Sinhub-Hof. So waren wir wirklich in dem Haus, in dem meine Vorfahren gelebt, das sie vor mehr als zwei Jahrhunderten verlassen hatten! Schon trat uns eine Frau entgegen und gleich hörten wir zu unserer Enttäuschung, dass der Bauer und jetzige Besitzer erst am Abend heimkäme. Auf unsere Frage wurde die Frau dann etwas freundlicher, und wir konnten doch einiges Wichtige erfahren. Es ist noch der gleiche letzte Besitzer, den wir aus der Chronik schon kannten. Er ist nicht verheiratet, wer würde wohl mal den Hof übernehmen?
Der Hof war früher größer; das Land erstreckte sich bis zum Kreuzberg hin. Als dann die Bahnlinie gebaut wurde, musste ein Teil Land abgegeben werden. Heut bildet die Salzach die Grenze. Es gehören zwanzig Joch (zehn Hektar) Land dazu, keine Alm und kein Wald. An Tieren sind ein Pferd, acht Kühe und elf Schweine dort. Am Haus liegt ein Garten mit Obstbäumen und Blumen. Der Boden soll gut sein; er war mit Roggen, Hafer und Weizen bebaut. Das Haus wurde jetzt durch einen kleinen Anbau vergrößert. Sonst aber schien es, als würde das Häuschen, vor langer Zeit aus wetterfesten, harten Bergbäumen und Steinen erbaut, noch viele Jahre so stehen können.
Als wir wieder davon gingen, war mir eigenartig zu Mute. Ich kam mir ganz groß und wichtig vor, als ich nun auf dem Grund und Boden meiner Urväter gestanden hatte. Sie haben hier viel Leid und Kämpfe erlebt, bis sie sich zu dem Schritt der Auswanderung durchrangen, weil sie Gott und ihrer inneren Stimme mehr gehorchten als den Menschen. Es war ein unvergessliches Erlebnis, Freude und Mahnung zugleich, und von diesem allem würde ich zu Hause berichten können.
Foto: Der Sinhubhof. Das Bild rechts zeigt den Sinhubhof, zu dem die Wegbäume führen. Auf der Aufnahme links ist das Stall- und Scheunengebäude noch gesondert zu sehen.
Wir werden es nie vergessen!
Von Mitterlengau machten wir dann noch viele Wanderungen. Einmal auch zu den Schneeriesen. Wie haben sie uns immer gelockt, und nun waren wir nach drei Stunden Bergsteigen in zweitausend Meter Höhe und hielten richtigen Schnee in den Händen. Zu gern wären wir zum Gipfel rauf, von dort konnte man nach Tirol sehen. Vielleicht war es aber für so wilde Stürmer, wie wir es waren, zu gewagt. Wenn der Höhepunkt der Ferien überschritten ist, beginnen die Tage zu rasen; man möchte noch so vieles mitnehmen und festhalten, doch zu schnell ist der letzte Tag da.
Aber uns stand ja noch Salzburg bevor. Es soll eine der schönsten Städte der Welt sein. Das will ich auch gern glauben. Leider war das Wetter da nicht gut. Die weltbekannten Festspiele hatten inzwischen schon begonnen; wir sollten Jedermann auf dem Domplatz sehen. Doch die Aufführung verregnete uns. Wir waren dann zu einem Konzert im Mozarteum. An einem Tag waren wir auf dem nahen Kapuzinerberg; von dort hat man einen herrlichen Blick über die Stadt, die ganz von den Türmen und Kuppeln ihrer dreißig Kirchen beherrscht wird. Es sind große Baudenkmäler mit vielen, vielen Kunstschätzen, deren Wert wir sicher noch nicht immer ermessen konnten. Ganz verwandelt wirkt die Stadt am Abend, wenn, besonders zur Zeit der Festspiele, die schönsten Gebäude angestrahlt werden. Wie verzaubert ist man selbst.
Zum Abschluss wurden wir auch einmal vom Landehauptmann empfangen. Er sprach sehr freundlich mit uns, und wir müssen ihm und dem Lande Salzburg sehr dankbar sein für die schönen Ferienwochen. Unser Blick konnte sich weiten in einer ganz anderen Landschaft der Berge, unser Wissen und Sinn sich bereichern in einer so kunstreichen und herrlich gelegenen Stadt. Wir werden diese Zeit in unserem ganzen Leben nicht vergessen. Für mich bedeutete es noch ein besonderes Erlebnis, dass ich auf dem Sinhub-Hof in Werfen sein durfte. Ich glaube und hoffe, dass ich noch einmal Werfen in Ostpreußen wiedersehen werde, die Erde, die mich geboren. Was wird das erst für ein Erlebnis werden!
Foto: Jobst Sinhuber in der Heimat seiner Vorfahren. Hinter der Salzach, vor dem Tennergebirge, ist der Ort Pfarrwerden zu sehen.