Seite 8 Familienanzeigen
Kersten Max. Jürgen und Ute haben ihr Brüderchen bekommen. In dankbarer Freude: Ursula Will, geb. Ziegler und Alexander Will. Farm Papkuil P.O. Pietersburg Tvl. South Africa, den 20. September 1955. Früher: Böttchersdorf, Kreis Bartenstein, Ostpreußen
Martin. In dankbarer Freude zeigen wir die Geburt unseres zweiten Jungen an. Marta Hakelberg, geb. Pekol und Fritz Hakelberg, Landesoberbaurat. Bochum, den 22. September 1955, Uhlandstraße 85, früher: Ebenrode
Am 10. Oktober 1955 feierten wir unsere Silberhochzeit und grüßen Verwandte und Bekannte. Müllermeister Ewald Schimkus und Frau Käthe, geb. Stoellger. Achtfelde bei Schillen, Ostpreußen. Jetzt: Augsburg 12, Rößlestraße 31
Am 22. Oktober 1955 begeht unsere liebe Mutter, Johanna Paries, Hebamme a. D., Hohenbruch, Kreis Labiau, jetzt Berlin N 65, Sanibarstraße 19, ihren 83. Geburtstag. Es gratulieren herzlichst, ihre Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder
Ihre Silberhochzeit feiern am 15. Oktober 1955, Friseurmeister Arthur Schulz und Frau Lucie, geb. Goyne, Allenstein, Richtstraße 31. Jetzt: Wolfsburg, Heinrich-Heine-Straße 23. Herzlichste Glückwünsche von den Söhnen: Werner und Ulrich
Ihre Vermählung geben bekannt. Dieter Rabe, Lehrer und Edith Rabe, geb. Schönberg, Lehrerin. Ebendorf, Kreis Ortelsburg, Ostpreußen. Jetzt: Wiesmoor-Hinrichsfehn, Kreis Aurich
Ihre Vermählung geben bekannt. Fritz Cub, Eiserfeld, Sieg, Freiheitsstraße 2, früher: Dreimühlen, Kreis Lyck und Margarethe Cub, geb. Stiekel, Wilhelmshaven, Fulfsweg 8. Langeoog, 24, September 1955
Die Verlobung meiner dritten Tochter, Renata mit Herrn Heinrich von Oppen, gebe ich hiermit bekannt. Hans-Werner von Negenborn-Loyden, zurzeit Hamburg, Groß-Flottbek, Elbchaussee 217
Meine Verlobung mit Fäulein Renata von Negenborn, der dritten Tochter des Herrn von Negenborn-Loyden und seiner verstorbenen Gemahlin, Freda, geb. Gräfin von Schwerin, gebe ich hiermit bekannt. Heinrich von Oppen. Cali-Columbien, Apardato Aereo 1700. 9. September 1955
Die Verlobung unserer Tochter, Dietlind mind Herrn Hermann Staats, geben wir bekannt. Stadtschulrat a. D. Dr. Richard Ulrich und Frau Gertrud, geb. Thimm, Hamburg-Fuhlsbüttel, Woermannsweg 10. Früher: Königsberg Pr., Wallring 4
Hiermit zeige ich meine Verlobung mit Fräulein Dietlind Ulrich an. Hermann Staats. Lippstadt, Westfalen, Cappelstraße 30. 15. Oktober 1955
Ihre Vermählunt geben bekannt. Christian Stickel und Frau Gisela, geb. Ochs. Früher: Westpreußen und Königsberg Pr., Hermannallee 7. Jetzt: 118 Lorne Str. Ottawa Ont., Canada. 24. September 1955
Am 18. Oktober 1955 feiern wir unsere Silberhochzeit. Franz Schwarz und Frau Else, geb. Bonaus. Königsberg-Ponarth, Karschauer Straße 36a. Jetzt: Wuppertal-Elberfeld, Felsnburger Straße 9
Allen Freunden, Nachbarn und Bekannten geben wir unsere Wiedervereinigung bekannt. Ich bin nach zehn Jahren Gefangenschaft aus der Sowjetunion heimgekehrt. Paul u. M. Romanowski. Bierbann, Ringstraße 75 bei Lüdenscheid
Zum Gedenken. Wir gedenken in Liebe und Dankbarkeit zum zehnten Todestag unserer lieben Mutter, Frau Berta Fischer, geb. Paetsch, sowie unseres lieben Bruders, Uffz. Oskar Fischer, gefallen in Russland. In stiller Trauer: Erna Fischer, Berlin-Charlottenburg 5, Windscheidstraße 6. Charlotte Szotowski, sowj. bes. Zone. Früher: Gr.-Stürlack und Königsberg Pr.
Gott nahm am 24. September 1955, im 69. Lebensjahre, unsere Tante Liesel, Fräulein Elisabeth Hüser, aus unserer Mitte zu sich. Sie war uns in Freud und Leid, durch 15 Jahre hindurch, Freundin und Vorbid in ihrer fürsorglichen Selbstlosigkeit. Familie Freiherr von der Goltz Mertensdorf. (14a) Sindelfingen, Hinterweiler Straße 22
In Liebe gedenken wir unserer so guten Muttel, Frau Anna Fröhlich, geb. Walatkat, aus Königsberg Pr., Hohenzollernstraße 4, die unser Herrgott am 22. September 1955, im 87. Lebensjahre, zu sich nahm. Ihr Leben war reinste Liebe und Güte. Gertrud Lemke, geb. Fröhlich. Kurt Fröhlich und Frau. Paul Fröhlich und Frau. Eutin-Neudorf, Beuthiner Weg 8. Die Beisetzung fand am 26. September 1955 in Eutin statt
Nach schwerem Leiden entschlief am 20. August 1955 in Ilfeld, meine liebe Mutter, Frau Hedwig Asmussen, geb. Böhlke, im 62. Lebensjahre. Im Namen aller, Heinz Asmussen. Hamburg 33, Langenfort 8. Früher: Osterode, Ostpeußen, Blücherstraße 3
Seite 9 Die Entschädigung. Mit Fotos.
Jeder der jetzt entlassenen Gefangenen erhält 6000 DM.
Die jetzt aus der Sowjetunion zurückkehrenden letzten Kriegsgefangenen werden sofort, nachdem sie einen Antrag gestellt haben, ihre Spätheimkehrerentschädigung erhalten. Damit dies nicht auf Kosten früherer Heimkehrer, die noch auf ihr Geld warten, geschieht, hat Bundesfinanzminister Schffer einen Vorgriff auf die im nächsten Haushaltsjahr eingesetzten 318 Millionen DM zugestimmt. Der Bundesvertriebenenminister schätzt, dass jeder der jetzt in die Bundesrepublik Entlassene, rund 8000 Kriegsgefangene einen Anspruch auf durschnittlich 6000 DM hat. Es werden also insgesamt 48 Millionen DM ausgezahlt werden.
Bundesminister Oberländer verwahrte sich gegen Meldungen, wonach die deutsche Delegation während der Moskauer Verhandlungen den Russen keine Listen über die zurückgehaltenen Zivilgefangenen übergeben konnte, weil dem Suchdienst des Roten Kreuzes nicht genügend Fälle zur Verfügung gestellt worden seien. Die Delegation hatte Listen aller vermutlich noch am Leben befindlichen Kriegsgefangenen und Zivilverschleppten, versicherte der Minister. Diese Listen sind deshalb in Moskau nicht übergeben worden, weil sie auf Grund der jetzt erfolgenden Entlassungsaktion ergänzt oder berichtigt werden sollen. Dann wird mit den Einzelverhandlungen über alle Personen begonnen werden, von denen feststeht, dass sie am Leben sind. Noch ist offen, ob das über das Rote Kreuz oder auf diplomatischem Wege geschehen soll.
Seite 9 Die Angehörigen warten
Wie immer, wenn Gefangene aus der Sowjetunion heimkehrten, fanden sich auh diesmal Hunderte von Angehörigen ein, die, unser Bild rechts oben zeigt es, mit Bildern und Transparenten in den Hnden auf die Heimkehrer warten, um von ihnen etwas über ihre Vermissten zu erfahren oder, welch ein unfassbares Glück wäre das, den Vermissten gar unter den Heimkehrern zu finden. Unter den Tausenden von Menschen, die sich zum Empfang des ersten großen Heimkehrertransportes am letzten Sonntag im Lager Friedland eingefunden hatten, waren auch viele Ostpreußen, die auf Angehörige warteten, so wie, Bild links oben, die Familie Szostock, die aus Lötzen stammt; es waren die Mutter und ihre Tochter (Mitte Bild, Tochter mit Hut) und dahinter, halb verdeckt, der Sohn.
Seite 9 Heimgekehrte Ostpreußen
Strahlende Freude spricht aus den beiden Aufnahmen, die wir in der zweiten Reihe zeigen. Das Bild links: Aus Steinfeld, Kreis Johannisburg, stammt der 36jährige Heimkehrer Siegfried Brosow, der im Lager Friedland von seinem Bruder Johannes und dessen beiden Töchtern Helgard (links) und Karin (rechts) aus Salzgitter-Lebenstedt abgeholt wird. Siegfried Brosow, der zuletzt in Heldenfelde, Kreis Lyck, wohnte, ist inzwischen nach München zu seiner Frau gefahren. Das Bild rechts: Zwei Ostpreußen haben sich in der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion gefunden und viele Jahre Freud und Leid miteinander geteilt. Jetzt sind sie zusammen zurückgekehrt. Es sind der 45jährige Walter Bolowski, der aus Königsberg stammt (links) er fährt zu seiner Tochter nach Mannheim, Rheinau, und Heinrich Bannasch, 34 Jahre alt, aus Niedersee, Kreis Sensburg (rechts) Der Vater von heinrich Bannasch ist seinerzeit ermordet worden; seine Mutter lebt in Mitteldeutschland.
Seite 9 In Fürstenwalde
Insgesamt 1338 Heimkehrer aus der Sowjetunion waren nach einer Mitteilung des Deutschen Roten Kreuzes seit dem Beginn der gegenwärtigen Entlassungsaktion bis Montag in Deutschland eingetroffen. Von den Heimkehrern wurden etwa 1030 in die Bundesrepublik, 138 nach Westberlin und etwa 170 in die Sowjetzone entlassen. Inzwischen treffen laufend weitere große Transporte ein.
Obwohl unsere ostpreußischen Landsleute in Friedland in den Listen nicht nach ihren Geburts- und Wohnorten in Ostpreußen geführt werden, sondern nach den Orten in der Bundesrepublik, nach denen sie entlassen werden, haben wir bisher immer die Listen der ostpreußischen Heimkehrer veröffentlichen können. Wir hoffen, dass uns das auch dieses Mal möglich sein wird; nur kann in dieser Nummer infolge der Tausende von Heimkehrern und der damit verbundenen großen und überstürzten Arbeit im Lager Friedland eine Liste leider noch nicht gebracht werden.
Die 118 Heimkehrer, die am Montag aus Fürstenwalde in Friedland eintrafen, hatten den Sowjetzonenbehörden gegenüber ihren Wunsch durchgesetzt, ebenfalls in die Bundesrepublik entlassen zu werden. Diese Heimkehrer berichteten, dass sich SED-Funktionäre alle Mühe gegeben hätten, sie in der Zone zu halten. Von den 600 Mann, die am Sonnabend in Fürstenwalde eintrafen, seien jedoch nur etwa 240 in der Sowjetzone geblieben. Behörden und Volkspolizei seien offenkundig bemüht, weitere Zwischenfälle im Zusammenhang mit den Heimkehrertransporten zu vermeiden. Die Drohung mit Protestdemonstrationen hat nach Aussagen der Heimkehrer den Überredungsversuchen ein Ende bereitet.
Die ehemaligen Generale von Bercken und Riß und der ehemalige Oberleutnant Rentschl erzählten, dass man sie von Fürstenwalde für kurze Zeit nach Bad Sarow-Güstrow in ein komfortables Hotel gebracht habe, wo eine aus Volkspolizeioffizieren und Regierungsvertretern besthende Kommission sie umzustimmen versuchte. Als dieser Versuch scheiterte, habe man ihre in der Sowjetzone wohnenden Ehefrauen herbeigeholt. Erst nachdem sich auch dieses Wiedersehen und eine halbe Stunde Bedenkzeit danach als nutzlos erwiesen, wurde den drei ehemaligen Offizieren die Weiterfahrt erlaubt.
Ein Haus für heimatlose Heimkehrer will das Bundesland Bremen zur Verfügung stellen. Gleichzeitig wird dafür gesorgt, dass Bremer Familien heimatlose Heimkehrer aufnehmen.
Die Freilassung aller deutschen Kriegsverurteilten im Westen forderte der FDP-Bundestagsabgeordnete Mende im Rundfunf.
Seite 9 Frau Dr. Hildegard Haslinger. Die erste Frau, welche die Paracelsus-Medaille erhielt. Mit Foto.
Frau Dr, Hildegard Haslinger, der, wir berichteten darüber in unserer letzten Ausgabe, auf dem 58. Deutschen Ärztetag in Baden-Baden am 2. Oktober 1955 die Paracelsus-Medaille verliehen wurde, ist am 19. März 1898 zu Osterode am Harz als Tochter des damaligen Regierungsassessors und späteren Geheimen und Oberregierungsrates Dr. Kurt Feeder geboren worden. Sie besuchte die höheren Lehranstalten in Hildesheim, Münster und Königsberg; seit 1918 war sie in Königsberg beheimatet. Nach dem Abschluss ihres medizinischen Studiums, an das sich eine Volontärassistenz an der Medizinischen Klinik (Geheimrat Matthes) anschloss, wurde sie 1923 zum Dr. med. promoviert. Im gleichen Jahre vermählte sie sich mit dem in Königsberg sehr geachteten Kaufmann Konsul Oswald Haslinger.
Beseelt von dem Gedanken, den Mitmenschen zu helfen, stellte Frau Dr. Haslinger ihr Wissen und Können in den Dienst des Deutschen Roten Kreuzes. Ihr wurde 1930 die wichtige Stellung als Leiterin der Freiwilligen (weiblichen) Hilfskräfte in der Provinz Ostpreußen anvertraut. 1935 wurde ihr diese Aufgabe entzogen; Frau Dr. Haslinger war nicht Mitglied der NSDAP. Im gleichen Jahre starb ihr Lebensgefährte.
Bei Ausbruch des Krieges 1939 wurde Frau Dr. Haslinger Stationsärztin bei der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Königsberg, die Professor Böttner leitete, und zugleich Leiterin einer Luftschutzrettungsstelle. Im Auftrage der Ärztekammer führte sie 1943 unf 1944 Vertretungen durch.
Januar 1945 verblieb sie als praktische Ärztin freiwillig mit ihrer damals 15jährigen Tochter in Königsberg. Dort hatte sie drei Jahre unter sowjetischer Herrschaft, die Leitung eines Ambulatoriums für die deutsche Bevölkerung. Im April 1948 wurde sie aus Königsberg über das Kriegsgefangenen-Entlassungslager Leipzig entlassen. Nachdem sie im Sommer 1948 noch in der Konservenfabrik Bockenem am Harz gearbeitet hatte, konnte sie sich endlich im Dezember 1950 als Kassenärztin in Hannover niederlassen.
1931 wurde Frau Dr. Haslinger des Verdienstkreuzes des Deutschen Roten Kreuzes II. Klasse und vor einem Jahr das Steckkreuz des Bundesverdienstkreuz verliehen. Jetzt wurde sie als erste Ärztin überhaupt mit der Paracelsus-Medaille geehrt.
Seite 10 Hochzeit machen ist wunderschön
Als Brautführer bei einer Bauernhochzeit in Masuren. Von Landwirtschaftsrat i. R. Dr. Thorun
Es war im Herbst vor gut fünfzig Jahren. Die Körnerernte war in die Scheunen gebracht, der zweite Schnitt Rotklee lag zum Teil noch draußen in Kebsen, denn die Erfindung der Reuter war noch nicht verbreitet, und die Wildenten von den Seen fielen des Abends in die Haferstoppeln ein.
Ich war Wirtschaftslehrling auf einem kleineren Gut im Kreise Lötzen. Von unseren anhänglichen Gutsarbeitern, die meist masurisch sprachen, wurde ich mit, Herr Inspektor, tituliert. Diese Anrede kam mir zwar nich zu, aber sie war damals allgemein üblich, und so musste ich sie auch hinnehmen.
Das Gut lag am Rande eines ansehnlichen Dorfes mit mehreren Bauernhöfen. Es war von einem Kranz kleineren Seen umgeben, auf denen Taucher und Enten ihre Schwimm- und Tauchkünste, zeigten. Mitten in der Ortschaft befand sich der Dorfkrug, der mit einem Materialgeschäft verbunden war, in dem es die gängigste Ware vom Hering bis zur Stiefelwichse gab. Krugwirt R. hatte außerdem noch einen kleineren landwirtschaftlichen Betrieb, ohne den sein Unternehmen nicht lebensfähig gewesen wäre.
Braune Trakehner vor der Hochzeitskutsche
R. war in jüngeren jahren auf ostpreußischen Gütern Inspektor gewesen, und er erzählte seinen Gästen recht viel und gern aus dieser Zeit. Was davon Dichtung und was Wahrheit war, ließ sich schwer ergründen. Wenn ich mal in den Krug kam, um eine Flasche Bier zu trinken, so fühlte er sich unbedingt verpflichtet, ebenfalls eine Flasche, natürlich auf meine Rechnung, zu leeren.
R. rüstete seiner Tochter eine Hochzeit aus, die mit großem Aufwand gefeiert werden sollte. Schon mehrere Wochen vor diesem Ereignis erschien die Braut bei meinem Chef und lud ihn, seine Frau und auch mich zu der Hochzeit ein. Sie bemerkte hierbei, dass für mich schon eine Brautdame bestimmt sei, eine Gutsbesitzertochter aus der Nachbarschaft. Herzlich gern sagte ich zu. Ich hatte zwar schon eine städtische Hochzeit mitgemacht, aber noch nicht eine Bauernhochzeit in Masuren.
Der große Tag brach an. Die Gäste versammelten sich in dem geräumigen Saal des Hochzeitshauses. Auf dem Hof stauten sich die Fuhrwerke, wo sie der Reihe nach geordnet wurden. Die Wagen waren von den Teilnehmern an der Hochzeit gestellt worden; die Hochzeitskutsche für das Brautpaar kam von unserem Gut. Zwei edle, braune Ostpreußen mit Namen, Janusch, und, Mikosch, trabten vor der Kutsche, und auf dem Bock thronte unser tüchtiger Kutscher Sulimma voller Stolz darüber, dass er das Brautpaar fahren durfte und in der sicheren Erwartung eines guten Trinkgeldes.
Die Herbsttage pflegen in Masuren sonnig, aber schon ziemlich kühl zu sein, und dieser Tag machte keine Ausnahme. Der Hochzeitsvater bot seinen Gästen bei der Ankunft einen Willkommenstrunk an. Sie konnten wählen zwischen, Weißen, oder Likören wie Kirsch, Bergamotte, Prünelle, die damals sehr in Mode gekommen waren. Die Größe der Gläser ließ nichts zu wünschen übrig, und sie mag auch dazu geführt haben, dass sehr schnell eine fröhliche Stimmung aufkam.
Räder sprangen von den Wagen.
Es war ein stattlicher Zug, der wohlgeordnet nach Lötzen aufbrach. In der acht Kilometer entfernten Kreisstadt stand die Kirche, in der die Trauung erfolgen sollte; die Fahrt beanspruchte eine Stunde. Hinter der Hochzeitskutsche fuhren die Brautführer mit ihren Brautdamen, die farbenprächtige Kleider trugen, dahinter kam das ehrwürdige Alter im, Bratenrock, oder in schwarzen Kleidern.
In Lötzen erwartete uns eine schaulustige Menge; eine große Bauernhochzeit lohnte schon das Anstehen vor dem Kirchenportal.
Nach der Trauung ging es schnurstracks nach Hause; voran rollte wieder die Kutsche mit dem Brautpaar, dem die übrigen Wagen folgten. Ich lernte nun etwas für mich völlig Neues kennen. Offenbar war es damals bei Bauernhochzeiten in Masuren üblich, nach der Kirche im schnellsten Tempo nach Hause zu jagen. Es wurde nicht im Trab, sondern im Galopp über die Straße gebraust. Unser Wagen überholte so manchen anderen, der auf dem Pflaster, invalide, geworden war. Wagenräder, Speichen und andere Teile zierten die Strecke; Gäste, deren Fahrzeuge Schlagseite hatten, standen an der Straße und winkten; sie wurden von anderen Gefährten mitgenommen. Die Kutscher mussten zusehen, wie sie mit ihren dreirädrigen Invaliden nach Hause kamen. Solche Ausfälle beeinträchtigten die fröhliche Hochzeitsstimmung nicht im Geringsten. Wir atmeten aber dennoch auf, als wir mit heilem Wagen vor dem Hochzeitshaus hielten.
Wie bei einer Modenschau
Im großen Saale war die Tafel zum Hochzeitsmahle festlich gedeckt. Uns erwarteten Leckerbissen in einer Fülle, wie ich sie bei späteren Hochzeitsfeiern in vornehmen Hotels oder in Königsberger Logen nie mehr gesehen habe. Geschlachtet waren ein Rind, zwei fette Schweine, mehrere Kälver, dazu Gänse, Enten und Hühner in Mengen. Es war also reichlich Vorsorge für die Mägen der Gäste getroffen worden, wobei allerdings auch zu berücksichtigen ist, dass viele Kutscher und häusliche Helferinnen satt gemacht werden mussten.
Man saß fast vier Stunden zu Tisch. Ein Gericht nach dem anderen wurde von hübschen Mädchen aufgetragen, und zu jedem Gericht gab es frischgekochte, weißfleischige Kartoffeln. Das Bier floß nach Belieben. Als endlich nach einer schwungvollen Rede des Dorflehrers auf das junge Paar die Tafelrunde aufgehoben wurde, freuten sich die jüngeren Gäste; sie wollten tanzen. Eine Kapelle von fünf Musikern schmetterte kräftig die Takte in den Saal.
Eine Besonderheit möchte ich nicht unerwähnt lassen: Nach einer Weile zogen sich die jungen Mädchen aus dem Saal zurück und wechselten ihre Kleider. Dieses geschah noch oft in den nächsten Stunden. Bald kreuzte eine Tänzerin in blau, bald in rot, grün, weiß oder gelb auf. Die Siegerin in diesem Wettstreit der lieben Eitelkeit war eine Bauerntochter, die es bis auch acht verschiedene Kleider gebracht haben soll. Dieser Umkleidebrauch in Masuren war eine Art Vorläufer der heute so beliebten Modeschauen. Die Schneiderinnen in Stadt und Land hatten jedenfalls reichlich zu tun gehabt, und die Stoffbänder brauchten sich auch nicht zu beklagen.
Die Tänze wechselten. Neben Polka und Walzer, die geschlossenen und auch offen getanzt wurden, gingen die Paare beim Rheinländer auseinander und vereinigten sich wieder, sie stampften die Kreuz-Polka und drehten sich bei der Tirolienne. Die Fenster des Saales waren ständig von einer schaulustigen Menge, von Frauen, Mädchen und Burschen belagert, die sich den Zauber einer großen Hochzeit nicht entgehen lassen wollten. So etwas gab es ja nicht alle Tage zu sehen!
Die weiblichen Gäste im gemessenen Alter beobachteten aufmerksam die tanzenden Paare und musterten die Kleider der Tänzerinnen. Die älteren Herren zogen sich nach Erledigung ihrer Pflichttänze in die Nebenräume zurück, wo sich bald Skatrunden auftaten. Ich sehe sie alle noch heute vor mir, jene wettergebräunte Gestalten der masurischen Bauern, den Ortsgendarm, einen altgedienten Unteroffizier, mit schon grauem Backenbart und etwas rötlicher Nase, der seine Stiche genau zählte. Ich höre noch das stete Klopfen der Knöchel auf den Tischen und auch die guten Ratschläge der herumstehenden, Wanzen. Aus dem Saal tönen gedämpft Musikfetzen herüber, sonst aber herrscht eine peinliche Stille, und man spürt fast das angestrengte Überlegen eines Schlachtplanes vor dem Ausspielen. Zwischendurch wird eine Runde Schnaps und Bier gereicht. Hochzeitsstimmung strahlt überall, und sie hält beim Tanz, bei der Unterhaltung und bei den Skattischen an. Wer hart arbeitet, feiert die Feste, wie sie fallen. Sogar im Sommer, der doch in Ostpreußen sehr kurz ist, und in dem die Feldarbeiten drängen.
Seite 10 Schnell wie ein Brummkreisel
Dr. Thorun berichtet, dass in Masuren bei einer Bauernhochzeit nach der Rückkehr aus der Kirche ein Wagenrennen anhob. Diese Sitte war aber nicht nur auf Masuren beschränkt. Der verstorbene Heimatforscher Fritz Radtke berichtet aus dem Kreis Gumbinnen: Unter allen Familienfesten stand die Hochzeit an erster Stelle. Bei einer Bauernhochzeit spielte das Zuheiraten eine große Rolle. Der, Friesvoader, war eine gewichtige Person. Schon einige Wochen vor der Hochzeit brachte entweder der Bauernsohn oder der Großknecht die geschriebenen Einladungen, meist hoch zu Roß, ins Haus. War der Großknecht der Einlader, so wurde ihm ein Geldstück in die hand gedrückt, und so mancher knicker holte dann mit zitternder Hand seinen, Halben Gulden, hervor, um ja nicht von den Leuten, beredt, zu werden. Die Pferde, die an die Hochzeitswagen gespannt werden sollten, erhielten schon einige Wochen vor dem Fest eine bessere Futterration, so dass sie am Hochzeitstage vor Übermut ausschlugen, wobei es nicht selten zu kleinen Unglücksfällen kam. Auf der Fahrt zur Kirche wurde früher aus dem Wagen Fladen in die Zuschauermenge geworfen. Auf der Rückfahrt wurden Wettfahrten veranstaltet, wobei es vorkam, dass Pferde verletzt und Wagen beschädigt wurden.
Auf dem Hochzeitshof wurden die Gäste von Musikanten mit dem Hochzeitsmarsch begrüßt. Mehrere Generationen hindurch versah eine Familie die edle Kunst der Musikausübung. Auf den großen Bauernhochzeiten verdienten die Musikanten nebenbei manchen Taler beim, Obschmiete. Ließen sich doch die jungen Bauern nur zu gerne ihren Lieblingstanz aufspielen. Vorher warfen sie ein Geldstück, meisten einen Taler, auf den Musikantentisch, um dann mit ihrer Herzensauserkorenen allein den Tanz von Anfang bis Ende, durchzuschoweln.
Viel Spaß machte auch in vorgerückter Stnde der sogenannte, Schächtentanz. Man verstand darunter das Zusammenschlagen der blankgewichsten Stiefelschäfte. Nur geübten Tänzern gelang es dabei, im Takt zu bleiben. Für ihre Gewandtheit ernteten sie auch viel Beifall, während die hierbei Versagenden schadenfroh ausgelacht wurden.
Auf keiener Hochzeit fehlte auch der sogenannte, Konnsoledanz. Im rhythmischen Takt drehten sich dabei die Paare, immer schneller werdend, wie ein Brummkreisel auf der Stelle, bis sie erschöpft niedersanken. Dem Takt der Musik folgend, klatschten die Zuschauer dabei in die Hände und sangen:
Konnsol, Konnsol, Konnsoledanz,
de Mudder plöckt de ohle Gans,
de Voader nemmt dem Stewelknecht
un haut Mudder de Lädder torecht.
Dass bei solchen Hochzeitsschmäusen auch reichlich gegessen und getrunken wurde, war selbstverständlich. Viel Spaß bereitete es, einen als geizig verschrienen Hochzeitsvater trocken zu legen; das heißt ihm alle Vorräte bis auf den letzten Rest auszutrinken. Zum Ärger des Gastgebers wurde über einen solchen Vorfall dann noch lange im Dorfe gesprochen.