Boehm/Beam/Beem Research

Hallo Namensvetter,
gerade habe ich den von dir neu ins Netz gestellten Beitrag gelesen und muss
leider erstmalig widersprechen (besser: widerschreiben).

Ich schicke diesen Widerspruch ausnahmsweise auch über die Liste, weil sein
Thema auch Schlesien berührt und vielleicht den einen oder die andere
interessiert - falls nicht: wegklicken!

Der Autor Jacob L Beam schrieb den (von dir offenbar etwas umgestalteten)
Beitrag 1919, also zur Zeit eines allseits hochbrandenden Nationalismus. Und
im Banne dieses Nationalismus, von dem er sich offensichtlich die
tschechische Variante zueigen gemacht hat, beging er - ob bewusst oder
unbewusst, sei dahingestellt - einige Geschichtsfälschungen. Die Wichtigste
ist die, dass "Böhme" gleichzusetzen sei mit "Tscheche". Er ignoriert einfach
die Tatsache, dass 1919 etwa ein Drittel der Staatsangehörigen der neuen
Tschechoslowakischen Republik aus ethnischen (um Gottes Willen nicht
rassischen - da macht er einen aus heutiger Sicht unentschuldbaren Fehler)
Deutschen bestand. Und diese Deutschen und ihre Vorfahren bezeichneten sich
allesamt als Böhmen, nicht aber als Tschechen. Sie bewohnten vor allem die
nordöstlichen, nordwestlichen und südwestlichen Randgebiete Böhmens, die
nördlichen Randgebiete Mährens und der Slowakei sowie viele Städte im Inneren
des Landes und einige große und kleinere isolierte Gebiete im Inneren, die
später einigermaßen korrekt als "Sprachinseln" (nicht etwa als "Rasseinseln"
oder "Deutschtumsinseln") bezeichnet wurden. Sie waren keinesfalls
Kolonialherren, wie das oftmals behauptet wurde, sondern seit dem frühen 13.
Jahrhundert von den Premysilden ins Land gerufene Bauern und Handwerker,
Bergleute und Künstler, Baumeister und Kleriker. Ihr Landesausbau verlief
vielleicht nicht ganz so systematisch wie der schlesische, hatte aber
durchaus vergleichbare Ergebnisse. Ins Land gerufene Deutsche gründeten auch
die meisten Städte Böhmens - auch wenn sie tschechische Namen trugen. Diese
erhielten von den Premyslidenkönigen meist Magdeburger oder, so sie
Bergbaustädte waren, Freiberger Recht.

Prag bestand schon im Mittelalter aus drei solchen Städten: der Kleinseite
unter der Burg, der Altstadt und der Neustadt. Alle drei waren deutsch. Das
änderte sich erst mit der hussitischen Bewegung. Diese Städte versuchten
natürlich - wie vergleichbare in Deutschland auch - ihre Monopolstellung
gegenüber dem feudal geprägten Umland zu wahren, vor allem, indem sie eine
Zuwanderung und Konkurrenz aus diesem unterbanden. Typisch für solche Schutz-
und Trutz-Bündnisse auf Gegenseitigkeit war der Städtebund der Hanse. Doch
hatte diese Abgrenzung keine vordergründig fremdenfeindliche Ursache sondern
war in erster Linie auf eine Minimierung des feudalen Einflusses und
"Hineinregierens" bedacht.

Wenn die böhmischen Premysliden bewusst und in großem Umfang Deutsche ins
Land holten, dann nicht etwa, weil sie Landesverräter oder deutsch
unterwandert, sondern weil sie an einer möglichst schnellen Erhöhung ihres
Steuer- und Abgabenaufkommens interessiert waren. Und wenn es Animositäten
zwischen dem Kaiser und (seit 1335 deutschen) König einerseits und dem
böhmischen Adel andererseits gab, dann allein deshalb, weil jeder Monarch
darauf bedacht sein musste, die Macht des Adels zu minimieren, um die Abgaben
zentral verwalten und die Verwaltung zentral gestalten zu können. Das war
übrigens überall im Römisch-Deutschen Reich so. Besonders der deutsche Kaiser
Karl IV. (wenn er und sein Erbsohn den tschechischen Taufnamen Wenzel
[Vaclav] trugen, dann war das kein Zeichen für ihre ethnische Zugehörigkeit
sondern entsprach nur dem politischen Kalkül ihrer Väter) versuchte, die
Macht des deutschen städtischen Bürgertums durch erweiterte
Aufstiegsmöglichkeiten für das tschechische Bürgertum zu begrenzen.

Die beiden böhmischen Staatsräte Martinic und Slavata, die am 23. Mai 1618
aus einem Fenster der Prager Burg geworfen wurde, waren kaiser- und
papsttreue Tschechen. Die böhmischen Protestanten, die sich gegen Papst und
Kaiser stellten, waren in ihrer überwiegenden Merzahl Deutsche. Die
böhmischen Exulanten in der Folge des Dreißigjährigen Krieges waren
ebendeshalb vorwiegend Deutsche - im Unterschied übrigens zu den Böhmen, die
nach 1335, dem Erwerb Schlesiens durch den deutschen König Johann von Böhmen,
nach Schlesien kamen. Der war noch ein Unbekannter, sprach nicht die Sprache
des tschechischen niederen Adels (der höhere sprach so deutsch, wie der
höhere deutsche ein Jahrhundert später französisch sprach), man begegnete ihm
mit Misstrauen, weil ihm der Ruf vorherwehte, er wolle diesen Adel
entmachten. Also machte er Zugeständnisse, indem er ihm (ziemlich schlau
übrigens) einerseits neue Pfründe in Schlesien verschaffte, ihn aber dafür
zum Dienstadel (bloßen Burggrafen) degradierte. Ähnlich handelten sein Sohn
Karl IV. und sein Enkel Wenzel. Deshalb ist die hussitische Bewegung zwar aus
dem infolge der Politik Johanns, Karls und Wenzels neu entstandenen
tschechischen städtischen Bürgertum entstanden, sie erhielt ihre Kraft zur
territorialen Expansion aber erst dadurch, dass sie ein Bündnis mit dem
vorwiegend leer ausgegangenen, wenn nicht sogar entmachteten niederen
(tschechischen) Adel einging, der sich durch die hussitischen Feldzüge v.a.
Land und Leibeigene versprach. Das wiederum brach die revolutionäre Kraft des
Hussitentums (verwüstete, geplünderte Landstriche und verbrannte Städte
motivieren höchstens die Plünderer, nicht aber die Geplünderten).

Wenn die böhmischen Städte nach der Hussitenzeit nur noch einen Bruchteil
ihrer vorherigen deutschen Bürger hatten, dann vor allem, weil die - wie alle
BÜRGERlichen - dem Gewinn hinterher gewandert sind: in Böhmen gab es
vorläufig nichts mehr zu gewinnen. Mit Nationalismus hatte das nur in
allerersten Anfängen zu tun.

Der hussitische König Georg v.Podiebrad war drauf und dran, ein Bündnis mit
der norddeutschen Hanse gegen den Kaiser einzugehen. Der protestantische
Gegenkönig v.Böhmen, der sogenannte "Winterkönig" von 1621 war der deutsche
Kurfürst Friedrich V. v.d.Pfalz und die am 21. Juni 1621 auf dem Prager
Altstädter Ring hingerichteten Aufständischen waren in ihrer Mehrzahl
deutsche Adlige. Der böhmische Magnat Wallenstein [eigentlich Wenzel Eusebius
Gf. v.Waldstein, Hz. v.Mecklenburg u. Sagan] war drauf und dran, ein Bündnis
mit den Protestanten und Kg. Gustav Adolf v.Schweden gegen den Kaiser
einzugehen, weshalb er in dessen Auftrag ermordet wurde. Angeblich war ihm
von den böhmischen Ständen die Krone des Königs von Böhmen angeboten worden.
So durcheinander ging es!

Kurzum: es war nicht ganz so einfach und schwarzweiß, wie es sich Jacob L
Beam vorgestellt hat. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass Völker, die um
ihre Selbstbestimmung kämpfen, häufig dabei übersteigerten Mythen folgen und
auch krasse Polarisierungen brauchen. Solange sie nicht so groß und
prädomonant sind wie das deutsche, ist das nicht weiter gefährlich. Nur
sollte man heute, wo diese Selbstbestimmung erlangt und eigentlich schon
wieder überholt ist, doch lieber wieder zur Wissenschaftlichkeit zurückkehren.

Grüße aus Hilden,
Günther Böhm

GHBoehm@aol.com wrote:

Der Autor Jacob L Beam schrieb den (von dir offenbar etwas umgestalteten)
Beitrag 1919, also zur Zeit eines allseits hochbrandenden Nationalismus. Und
im Banne dieses Nationalismus, von dem er sich offensichtlich die
tschechische Variante zueigen gemacht hat, beging er - ob bewusst oder
unbewusst, sei dahingestellt - einige Geschichtsf�lschungen.
Kurzum: es war nicht ganz so einfach und schwarzwei�, wie es sich Jacob L
Beam vorgestellt hat.

Hallo Namesvetter,
Du hast vollkommen recht und sprichst mir aus der Seele. Nur, dieser Beitrag von
Jacob L.Beam gilt im amerikanischen Internet als Grundlage fuer die etwas
unwissenschaftliche B�hmforschung. Ich versuche durch meine Anmerkungen etwas Wind
aus den Segeln zu nehmen. Was koennen wir noch tun?

1. Gegendarstellung
2. Neuer Beitrag
3. Beam-Artikel ignorieren

Ich wuerde mich fuer 1.) entscheiden. Allerdings waere ein neuer Artikel sehr
wertvoll. Koenntest Du denn bitte einen kurzen Beitrag in englisch speziell fuer
amerikanische Forscher verfassen? Du weisst, in USA liebt man 'sound bites'.
Fuer eine Veroeffentlichung im Internet wuerde ich schon sorgen.

Herzliche Gruesse aus Upstate New York,
Guenter

Hallo Namensvetter,

Die b�hmischen Protestanten, die sich gegen Papst und Kaiser
stellten, waren in ihrer �berwiegenden Merzahl Deutsche. Die
b�hmischen Exulanten in der Folge des Drei�igj�hrigen Krieges
waren ebendeshalb vorwiegend Deutsche - im Unterschied �brigens
zu den B�hmen, die nach 1335, dem Erwerb Schlesiens durch den
deutschen K�nig Johann von B�hmen, nach Schlesien kamen.

Gr��e aus Hilden,
G�nther B�hm
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Liebe Herren B�hm,

noch eine Erg�nzung hierzu. Johann, K�nig von B�hmen, war eigentlich
Johann von Luxemburg, 1296-1346, genannt der Blinde, Sohn Kaiser
Heinrichs VII., der die Tochter Wenzels III. heiratete, wurde 1310
von den St�nden zum K�nig und Erben des Przemyslidenreiches gew�hlt.
Er begr�ndete die Herrschaft der Luxemburger im Osten, war Partei-
g�nger Ludwigs des Bayern und beteiligte sich am Sieg �ber Friedrich
des Sch�nen bei M�hldorf (1322) und erhielt daf�r von Ludwig das
Egerland. Er gewann in den K�mpfen mit Polen 1327-1331 Schlesien.
Kaiser Karl IV., 1316-1378, aus dem Hause Luxemburg, war der Sohn
K�nig Johanns von B�hmen, machte Prag zur st�ndigen kaiserlichen
Residenz (1348 Gr�ndung der nach ihm benannten Karls-Universit�t,
der ersten in Deutschland) und machte B�hmen zum bestverwalteten
Land seiner Zeit. Wenzel IV., 1361-1419, war dessen Sohn, seit
1378 deutscher K�nig, wurde 1400 wegen seiner Unt�tigkeit abgesetzt,
bieb aber bis zu seinem Tode K�nig von B�hmen.
Der Sarg Johanns von Luxemburg wurde nach dem Krieg nach Luxemburg
�berf�hrt und befindet sich in der Krypta der Kathedrale (F�rsten-
gruft).

Ganz herzliche Gr��e aus Luxemburg

Gerd M�llenheim