Bittgesuch der ev. Schlesier, hier Wüstewaltersdorf

Liebe Listenmitglieder,

erst k�rzlich hatte wir hier �ber die kuriose Situation gesprochen, da�
es in Schlesien zwar kath. Pfarreien gab, aber keine Katholiken.

Derowegen es sich begr�ndet, da� heut der schlesische Ahnenforscher sein
Vorfahr in den kath. KB zu suchen habet :wink:

Nachfolgender kurzer Text beschreibt diese Situation nochmal sehr sch�n
f�r die Gm. W�stwaltersdorf:

"An Ihre K�nigl. Majest�t in Preu�en ... Grundherrschaft und Untertanen
und Einwohner der G�ter W�sten-Waltersdorf, Schweidnitzischen
F�rstentums, bitten alleruntert�nigst gehorsamst um allergn�digste
Wiederverleihung ihr vor 87 Jahren verlorenen evangelischen Kirche und
Schule aus angef�hrten erheblichen und begr�ndeten Ursachen ... Eurer
K�nig. Maj. und Kurf�rstl. Durchlaucht unterwinden wir uns in
allertiefster Untert�nigkeit fu�f�lligst vorzustellen, da� wir im Jahre
1654 am Sonntag Reminiscere unserer evang. Kirche und Schule zu
W�sten-Waltersdorf beraubet und jene dem katholischen, schon au�er
dieser mit 4 Kirchen versehenen, Pfarrer zu Tannhausen zugeschlagen
worden, dagegen wir �rmste evang. Glaubensgenossen von selbiger Zeit an
unserem Gottesdienste mit unaussprechlicher Beschwerlichkeit in einer
Weite von 3 Meilen durch die raschesten Gebirge nachzugehen gen�tigt
wurden. Nachdem jedoch unsere aus 5 Dorfschaften bestehenden G�ter
W�sten-Waltersdorf mehr als 300 Familien in sich fassen, unter welchen
allen nicht mehr als ein einziger r�m.katholischer, dennoch aber auch
mit einem evang. Eheweibe versehener Einwohner sich befindet und
derowegen genannter kath. Pfarrer gemeiniglich in 2 Jahren nur einmal
in der uns entzogenen Kirche seinen Gottesdienst zu verrichten pflegt,
da inmittelst dieselbe zu unserer unaussprechlichen Kr�nkung w�ste
stehen mu�, wenn wir unsere neugeborenen Kinder gar �fters 8-14 Tage
ungetaufet liegen, unsere Kranken ohne geh�rige Vorbereitung versterben
lassen und unsere eigene Andacht gar oft schmerzlichst verschieben und
verabs�umen m�ssen, weil der Weg bis zur n�chsten, 3 Meilen von uns
entfernten Schweidnitzischen Kirche durch die hohen Gebirge zu Fu�e
nicht f�glich, von dem Weibsvolke aber fast garnicht zu passieren, die
erforderlichen Fuhren �fters garnicht, �berhaupt aber nicht anders als
mit unertr�glichen Kosten zu erlangen, die Gebirge auch bei
Winterszeiten derma�en verschneiet sind, da� jede Dorfschaft zu den
andern nicht ohne die �usserste Beschwerlichkeit mit Schaufeln sich
durcharbeiten mu�, zu geschweigen, da� bei einem so weiten
beschwerlichen und h�chst kostbaren Kirchwege unsrer Arbeit und Nahrung
viel vers�umen, da wir entweder bei sp�ter Nacht oder auch wohl gar des
andern Tages erst wieder zur�cke gelangen k�nnen. So ergehet bei so
triftigen Bewegungsursachen an Eure K�nigl. Maj. unser
alleruntert�nigst-gehorsamst-flehentliche Bitte, Sie geruheten
allergn�digst diese uns vormals entzogene Kirche und Schule in
allerh�chsten K�nig. Gnaden uns wieder einzur�umen. Und wie wir in
mehrerer Erw�gung unsrer obgedachten zahlreichen Familien die n�tige
Unterhaltung eines evang. Pfarrers und Schulmelsters auch gar f�glich
zu bestreiten im Stande sind, da au�er den 2 entfernten Schweidnitz- und
Silberberger evang. Kirchen in unserm Bezirke keine andre vorhanden und
daher noch andre benachbarte Dorfschaften sich bei uns einfinden, so
getr�sten wir uns auch von Eurer K�nig. Maj. weitgepriesenen Huld und
Klemenz ... einer allerh�chsten Erh�hung . . . Es folgen die
Unterschriften des Grundherren Heinrich Wilhelm von Zedlitz und der
Gemeindevertreter G. Seiler, F. Niger, G. Krohmer (oder Krehmer).
Breslau, den 6. Nov. 1741."

Aus: Hultsch, G., Friedrich der Gro�e und die schlesischen Protestanten,
  in: Jahrbuch f�r schlesische Kirchengeschichte 58 (1979), S. 92f. Der
Text selbst stammt eigentlich aus: Schaefer, Reinhold, Bittgesuche
evangelischer Schlesier an Fr. d. Gr., G�rlitz 1941, S.38/39.

Mit freundlichem Gru�
Klaus Liwowsky

Lieber Klaus Liwowsky, liebe Schlesier,
auf die Bittgesuche der Wüstewaltersdorfer vom 6. November 1741 ließ der
König, Friedrich der Große, schon am 27.November 1741, also nach 3 Wochen,
antworten. Wir finden den Bericht darüber in den Kirchenbüchern des neuen
evangelischen Pastors, Jeremias Scholz:
"Es war der 27. November des damaligen laufenden 1741-ten Jahres, an welchen
ein allergnädigstes königliches Recript zur Concession eines Bethauses in
Wüstewaltersdorf war ausgefertigt worden.
Der Inhalt bestand kurz darin: Es möchte ein solches an einem bequemen Orte
aufgerichtet und der evangelische Gottesdienst nebst allen Ministeralien
darinnen verrichtet werden, doch ohne Nachteil der katholischen Parochi."

Der Alte Fritz ist seinem Spruch, jeder solle nach seiner Facon selig
werden, also auch hier treu geblieben.
Nach einem hölzernen Provisorium wurde der imposante Steinbau dann am 4.
August 1751 geweiht.
Pastor Jeremias Scholz und seine Nachfolger würden sich natürlich im Grabe
herumdrehen, wenn sie erführen, daß ihre schöne große Kirche heute
katholisch ist.
Was uns alle freut ist, daß sie überhaupt noch steht und in einem guten
Zustand ist. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß die heute in alle
Welt verstreuten ehemaligen Wüstewaltersdorfer mit ansehnlichen Geldbeträgen
dazu beigetragen haben.
Grüße aus Leipzig
Wolfgang Leistritz *1938 in Wüstewaltersdorf

Text von Klaus Liwowsky findet Ihr unten

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auf die Bittgesuche der W�stewaltersdorfer vom 6. November 1741 lie� der
K�nig, Friedrich der Gro�e, schon am 27.November 1741, also nach 3 Wochen,
antworten.

Hallo Wolfgang,

das ist so nicht ganz richtig. Die W�stewaltersdorfer wollten ja die zu
Unrecht entzogene Kirche wieder selbst nutzen, die von ihnen 1548
errichtet worden war. Das wurde ihnen mit Schreiben vom 20. Nov. 1741
untersagt. Danach gab es ein erneutes Gesuch der Gemeinde, nun auf
Errichtung eines *neuen* Gotteshauses. Dazu wurde dann die Genehmigung
erteilt. Erster Advent 1741 noch unter freiem Himmel fand der erste ev.
Gd. statt, 1748-1751 Bau des Bethauses u. 1753 war der Turm vollendet.

Friedrich hat demnach alle diese Bittgesuche auf R�ckgabe der Kirchen
und vor allem ja auch den riesigen Widmuten immer *abgelehnt*. 1765 gab
es in Mittel- und Niederschlesien noch 165 katholische Kirchen ohne
einen einzigen Katholiken und 85 weitere nur mit 1-4 Gl�ubigen.
Friedrich wollte sie lieber verfallen lassen als erneut konfessionelle
Streitigkeiten hervorzuheben.

Er nannte sich zwar selbst sp�ter den Papst der Lutheraner, doch zu
diesem fr�hen Zeitpunkt war er vor allem Kriegsherr. Aus strategischen
Gr�nden galt daher der oft falsch zitierte Spruch 'jeder solle nach
seiner Facon selig werden' im Bezug auf die Glaubensfreiheit zun�chst
nur sehr eingeschr�nkt.

Mit freundlichem Gru�
Klaus Liwowsky

Hallo Klaus,
Deine Antwort hat mich noch einmal in die ausführlichen Schilderungen von
Pastor Jeremias Scholz sehen lassen. Es scheint nicht so ganz lückenlos von
ihm dargelegt worden zu sein. Immerhin schreibt er aber, daß, bevor die
Gemeindevertreter das Gesuch vom 6.11.1741 in Breslau vorlegten, noch
folgendes geschah:

Solche insgeheim gefaßte Resolution wurde darauf den oben genannten vier
Gemeinden redlich und treulich communicieret mit dem freundlichen Befragen,
ob es allerseits vier Gemeinden Meinung und Wille sei, ein Bethaus zu haben,
solches
a u f z u b a u e n und unterhalten zu helfen? Worauf ein einstimmig und
freudiges Ja-Wort erfolgte.

Auch im "Jubelbüchlein" von Magister Feige von 1792 findet man eindeutig,
daß schon im Antrag vom 6.11.1741 das "Aufbauen" eines Bethauses das Ziel
war. Ein Schreiben vom 20.11.1741 ist bei beiden Pastoren nicht erwähnt!

Die Gemeindevertreter sprachen übrigens für die Gemeinden Wüstewaltersdorf,
Neugericht, Toschendorf und Grund

Grüße aus Leipzig
Wolfgang Leistritz *1938 im Eulengebirge

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[mailto:niederschlesien-l-bounces@genealogy.net] Im Auftrag von Klaus
Liwowsky

Hallo Wolfgang,

dieses erste Bittgesuch ist w�rtlich abgedruckt, wo es hei�t:
"So ergehet bei so triftigen Bewegungsursachen an Eure K�nigl. Maj.
unser alleruntert�nigst-gehorsamst-flehentliche Bitte, Sie geruheten
allergn�digst diese uns vormals entzogene Kirche und Schule in
allerh�chsten K�nig. Gnaden uns wieder einzur�umen."

Das sollte hier nachzulesen sein:
Schaefer, Reinhold, Bittgesuche evangelischer Schlesier an Fr. d. Gr.,
G�rlitz 1941, S.38/39
Ich selbst hatte nur den Artikel aus dem Jahrbuch vorliegen.

Das ist aber vielleicht auch alles nicht so wichtig. Ich wollte nur
klarstellen, da� Friedrich zu Anfang der Besetzung Schlesiens gar nicht
in der Lage war, den Evangelischen zu ihrem Recht zu verhelfen. Die
Habsburger warteten doch nur auf einen solchen Fehler. Sie h�tten
sofort die anderen katholischen F�rsten wieder in eine Art Liga gegen
Friedrich vereinigen k�nnen. Das Riskio konnte er nicht eingehen.

So kam es also zu den sog. Beth�usern, die durfte man nicht mal Kirche
nennen - das war verboten. Und das alles an Orten, wo ja die alten ev.
und nat�rlich auch massiv gebauten Kirchen noch vorhanden waren. Die
Beth�user bestanden meist nur aus einfachem Fachwerk. Schlie�lich mu�ten
die Evangelischen noch bis zum 30.4.1765, erst dann wurde der sog.
Parochialnexus aufgehoben, die leerstehenden Kirchen und ungenutzen
Pfarrh�user der Katholiken mit Beitr�gen und Arbeitseins�tzen unterhalten.

Das war schon eine verr�ckte Zeit damals in Schlesien....

Mit freundlichem Gru�
Klaus Liwowsky