Bericht aus dem Gebiet Kaliningrad / Königsberg

Liebe Forscherfreunde,

mein Cousin, Pfarrer Thomas Passauer, war vom 27.7. - 18.8.2009 als Vertretung des Probstes des Gebietes Kaliningrad / Königsberg i. Pr. wieder tätig. Seinen Bericht, der die derzeitige Situation in der alten Heimat beschreibt, möchte ich nicht vorenthalten.

Mit freundlichen Grüßen
Hartmut Passauer

Hier der Bericht:

Thomas Passauer
für unseren Freundeskreis zur Zeit Propstei Kaliningrad im August 2009

Liebe Freunde und Förderer unserer Arbeit in unseren Kaliningrader Gemeinden!

Es ist zu einer guten Gewohnheit geworden, aus der Zeit meines Vertretungsdienstes in der Propstei Kaliningrad einen Bericht zu schreiben. Einmal, um Eindrücke, Erlebnisse und Entwicklungen zu schildern, die mir hier begegnet sind. Zum anderen, um den vielen Menschen, die den so umfangreichen Dienst unseres Freundeskreises in diesem Gebiet über viele Jahre treu unterstützen, mittragen und immer wieder gerne fördern, ein „handfestes“ Zeichen unseres großen Dankes und der Verbundenheit zu geben. Nie komme ich, nie kommen wir aus dem Freundeskreis bei unseren vielen Reisen mit leeren Händen her. Immer warten Aufgaben und Projekte in unseren Partnergemeinden, oder auch einzelne, dringliche humanitäre Situationen darauf, daß wir mithelfen können bei der Finanzierung. Dieses alles ginge nicht, wenn wir nicht die vielen treuen Spender und Freunde um uns hätten. Für sie gibt es diesen Bericht, sie möchte ich informieren.
Mein Dank kommt aus vollem Herzen.
Die Aufgaben meines jährlichen Dienstes im Sommer in der Propstei sind ja weithin bekannt. So will ich die Schwerpunkte in diesem Jahr etwas anders setzen.

Es hat eine neue Zeit angefangen in der Propstei, einerseits. Der neue Propst Jochen Löber, seit 01.09.2008 im Dienst, setzt natürlich andere Akzente. Er hat ganz sicher eine andere Art, als sein Vorgänger, seinen Dienst hier mit großem Einsatz zu versehen, sich den Herausforderungen zu stellen und neue Impulse zu geben.
Andererseits geht die Arbeit mit ihm kontinuierlich weiter. Das ist ganz wichtig. Neue Schwerpunkte sind nötig, aber auch Kontinuität muß mit Nachdruck erhalten bleiben. Das ist für ihn eine spannende Aufgabe. Gerne vertrete ich auch ihn. Ich finde überall die Menschen vor, die ich schon seit vielen Jahre kenne. Gemeinsam machen wir unseren Dienst gerne weiter, mit dem „neuen Bruder Chef“.

Mit einem besonderen Fest begann mein diesjähriger Aufenthalt in der Propstei. Die Auferstehungskirche hatte ihr erstes großes Jubiläum. Im April 1999 wurde sie eingeweiht. Und so feierten wir mit vielen Gästen aus nah und fern vom 24. - 26. Juli
das 10 jährige Jubiläum. Zum Beginn konnten wir am Freitagabend ein großes Konzert im Dom erleben, dafür wirklich ein besonderer Ort. Beinahe 700 Jahre war der majestätische Dom auf der Insel am Pregel der kirchliche Mittelpunkt dieser Stadt.
Nun feiern wir 10 Jahre - was sind da 10 Jahre? - das neue kirchliche Zentrum der Auferstehungskirche auf dem ehemaligen Luisenfriedhof. Nach traurigen und sehr trostlosen Jahren nach dem Krieg in dieser Stadt ist dieses ein hoffnungsvoller Neuanfang zur Ehre Gottes durch das Lob der Gemeinde. So war das Konzert im Dom mit zwei Kirchenchören aus der Region, mit einem großen herrlichen Posaunenchor aus Deutschland und mit Klängen der neuen Domorgel eine Brücke aus Raum und Zeit unserer Vorfahren über unsere Gegenwart in eine Hoffnung für die Zukunft.
Am Samstag gab es im Haus zunächst die Feierstunde mit vielen Grußworten, in Erinnerung an die Anfänge und mit großem Dank und den Hinweisen auf die Verbundenheit mit so vielen Freunden und Partnern. Im Anschluß trafen wir uns im prachtvollen Blumen-Garten der Kirche zu einem bunten und geselligen Nachmittag der Begegnungen, bei strahlendem Sonnenschein. Hier wurde ein Gedenkstein enthüllt:
„Zur Erinnerung an die Menschen, die hier lebten, die von hier in die Ewigkeit Gottes gingen und deren Leiber hier auf dem ehemaligen Luisenfriedhof beerdigt wurden.
Jesus sagt: ich lebe und ihr sollt auch leben! Joh. 14,19.
Kaliningrad im Juli 2009. Der Kirchenvorstand“.
Der Jubiläumssonntag hatte dann zwei Höhepunkte in der Kirche: den Festgottesdienst am Vormittag mit vielen Gästen, mit Kirchenchor und Posaunenchor, in dem Propst Löber die Predigt hielt. Im Hl. Abendmahl waren wir alle eine große Gemeinschaft!
Am Nachmittag der andere Höhepunkt: ein schwungvolles, heiteres Konzert mit dem Kaliningrader Symphonieorchester unter der Leitung von Arkadij Feldman. Mit Musik von L.v. Beethoven begann es, mit beschwingten Klängen von J. Strauß bis Frank Sinatra endete es. Die ganze Familie Osterwald, sie leben jetzt in Hamburg, wurde an diesen Tagen von vielen Menschen hier sehr, sehr herzlich begrüßt und aufgenommen.

Nun hat uns der Alltag fest im Griff. Drei Wochen, 27.07. - 18.08., dauert meine Vertretungszeit. Und erneut kann ich die ganze Breite und bunte Vielfalt des Lebens mit den Menschen in den Gemeinden, in der Propstei und in diesem Land erleben.

Aus dieser Vielfalt kann ich nur weniges auswählen.
Ein netter kath. Pater aus Berlin besuchte mich. Er hatte ein besonderes Anliegen. Sein Großvater mütterlicherseits war der Architekt und Baumeister der
ev. Kirche im ehemaligen Königsberger Stadtteil Rosenau, gebaut etwa 1916 – 1926. Dort wollte er erstmals einen Besuch machen, sich die Kirche ansehen.
Er hatte auch alte Fotografien mit.
Frau Olga Tscherkassowa, die Mitarbeiterin im Büro des Propstes und Dolmetscherin auch für alle meine Gottesdienste und Gespräche, hatte für uns einen Termin beim orth. Priester dieser Kirche, Otjez Wadim, vereinbart. Gleich nach der Wende baute die orth. Gemeinde diese als Industrielager völlig verwahrloste Kirche wieder auf, sie wird seitdem von ihr genutzt. Und so saßen wir ganz interessiert, freundlich und herzlich beieinander, der orth. Priester, der kath. Pater und der ev. Pfarrer, im Gespräch vereint über die Geschichte dieses Kirchengebäudes und über die Entwicklung unserer drei christlichen Kirchen in der Stadt nach der Perestroika. Es war für mich eine sehr eindrucksvolle Begegnung, Ökumene in ganz kleinen Schritten. Wir wurden selbstverständlich spontan zu einem kräftigen gemeinsamen Mittagessen – am Tag der Hl. Margarita - herzlichst eingeladen, mit orthodoxen Tischgesängen.....

Ein anderes Erlebnis. Neben dem Gemeindeaufbau in dieser Stadt gibt es ja unendlich viele andere Initiativen aus Deutschland, den Menschen zu helfen, Projekte umzusetzen oder die Wirtschaft in Gang zu bringen.
So gibt es z.B. das Projekt eines Kinderdorfes, ähnlich wie die SOS – Kinderdörfer, initiiert und getragen von der Salem–Bruderschaft, Salem International GmbH aus Höchheim.
Es ist bewundernswert, was Menschen persönlich einsetzen, um anderen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, um inmitten der Wüstenei dieses Landes eine solche grüne Oase des Lebens aufzubauen, die dazu noch ökologische Probleme und Aufgaben berücksichtigen will, z.B. eine Pflanzen-Kläranlage zu errichten. In diesem kleinen Areal fand ein „Öko – Lager“ statt mit Jugendlichen aus Deutschland und Russland, eine Initiative der „Deutschen Bundesstiftung Umwelt“ DBU. Ich habe es besucht, Kontakte geknüpft und dabei interessante neue Erfahrungen gemacht.
Eine andere Besuchsgruppe erzählte mir, daß sie gerade 120 Zentner Kartoffeln in der Nähe von Slawsk/Heinrichswalde gekauft hat, um damit die diakonischen Zentren der Propstei für den Winter zu versorgen. Das hilft doppelt: der Landwirtschaft und dem Dienst am Menschen.
Damit bin ich bei einem wichtigen Thema. Sicher hat das Gebiet hier insgesamt, mit dem Schwerpunkt in Kaliningrad, in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erfahren.
Das ist vielen Menschen zugute gekommen. Besucher, die in den neunziger Jahren hier waren und jetzt wieder kommen, erkennen die Stadt nicht wieder.
Aber nun ist dieses Gebiet auch von der Wirtschaftskrise schwer gezeichnet. Erhebliche Probleme sind entstanden, Betriebe mußten schließen, viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, die Kaufkraft ist wesentlich gesunken. Der offizielle Wechselkurs stand 2008 noch 1,- Euro zu 35,- Rubel, heute 1,- Euro zu 44,50 Rubel! Um diese 25 % sind die Löhne und Renten nicht gestiegen, dafür aber viele Preise. Die Menschen müssen noch viel mehr mit ihrem wenigen Geld rechnen. Die eigene Versorgung durch einen Garten nimmt zu, wo es möglich ist.
Hinzu kommt, daß die soziale Versorgung bedürftiger Menschen durch die Behörden absolut unzureichend abgesichert ist. Das ist schwer zu verstehen. Freie Träger für soziale Dienste gibt es nicht, weil sie nicht finanziert werden. Unsere diakonischen Aktivitäten hier erleben das sehr schmerzlich. Und der Staat schafft es nicht. Ein Beispiel:
Ich habe ein Gemeindeglied besucht. Eine Frau, 53 J., querschnittsgelähmt seit 13 Jahren, sie sitzt im Rollstuhl, dieser ist für sie von Bruno aus unserem Freundeskreis hierher gebracht. Mit ihrem Mann wohnt sie in einer engen Kleinst-Wohnung im 5. Stock eines ehemaligen Studentenwohnheimes, das Haus hat keinen Fahrstuhl! Allein von ihrem Mann wird sie versorgt mit allem, was dazu gehört, bis zur Hygiene. Dieser arbeitet aber in seinem Betrieb 6 Tage in der Woche täglich 12 Stunden, damit er etwas mehr Geld verdient. Die Wohnung hat keinen Balkon. Ich weiß nicht, wann diese Frau überhaupt das letzte Mal unter freiem Himmel war, es sind gewiß viele, viele Jahre. Wie sie miteinander zurecht kommen, interessiert keine offizielle Behörde. Einen Transportdienst für Behinderte gibt es nicht, der Sozialdienst besucht sie nicht. Wenn ich es nicht gesehen hätte, ich würde es nicht glauben... Dieses Gebiet wird noch lange Zeit brauchen, um seine vielfältigen sozialen Nöt
e zu bewältigen.
Auf der anderen Seite: wenn ich bei diesem herrlichen Sommerwetter durch den nahe gelegenen Volkspark an der Luisenkirche gehe, sitzen regelmäßig viele Djeduschkas, Großväter, überall auf den Parkbänken und spielen mit Hingabe Schach, umringt von stillen Beobachtern. Und die Babuschkas, Großmütter, machen sich schick, sammeln sich in einer Gruppe um drei Bänke, ein Mann spielt Zieharmonika und alle Frauen singen stundenlang voller Hingabe ihre russischen Volkslieder. Ein sehr gemütlicher Anblick, sie bleiben nicht alleine zuhause.

Von unseren Partnergemeinden will ich berichten.
In Bolschaja Poljana/Paterswalde haben in den Sommerferien wieder die Kinder-Bibel-Freizeiten der Propstei stattgefunden. Der Standard wird von Jahr zu Jahr etwas besser, trotzdem bleibt vieles noch zu tun. Einige Gemeindeglieder helfen tatkräftig bei der Durchführung und verdienen sich damit ein kleines Zubrot. Alexander Maibach ist weiter ein sehr gefragter und viel beanspruchter Helfer in der Propstei. Zur Zeit bildet er sich in St. Petersburg 14 Tage theologisch weiter für seinen Predigtdienst in den Gemeinden. Jetzt im Hochsommer sind die Besucherzahlen in den Gottesdiensten überall sehr gering, das tägliche Leben zu bewältigen ist oft wichtiger.
Für die Gemeinde in Turgenjewo/Gr. Legitten ist ja Alexander Maibach der zuständige Pastor. Das gefällt allen sehr gut. Im Sommer werden die Gottesdienste sehr gerne in der alten Ordenskirche gefeiert. Der Förderverein von Frau Prof. Dr. Pulver läßt diese Kirche zur Zeit außen sanieren, viele Pfeiler, Giebelspitzen und Dachverzierungen werden gründlich in Ordnung gebracht. Die Kirche erhält einen völlig neuen Anblick, sicher vielen Besuchern zur Freude. Jetzt muß aber noch der Gemeinderaum für die Nutzung im Winter dringend saniert werden.

Auf dem Grundstück der Gemeinde Bolschakowo/Kreuzingen ist viel passiert. Davon habe ich schon berichtet. Unser Freundeskreis hat dort erhebliche Mittel investiert. Das Pfarrerehepaar Michelis pflegt mit sehr viel Liebe und Sorgfalt Haus und Garten.
Der Platz im Gottesdienstraum reicht oft gerade so aus, um alle Besucher aufzunehmen.
Eine Gruppe von fünf Gemeindegliedern und Pastor Michelis war ja Anfang Juli zu einem Partnerbesuch in unserer Gemeinde Mahlsdorf in Berlin. Die gemeinsamen Tage waren von vielen Begegnungen und intensivem Austausch geprägt. Ich danke meiner Gemeinde herzlich für die so freundliche Aufnahme.

Und zuletzt werbe ich für ein besonderes Projekt unseres Freundeskreises.
Seit Jahren schon warten die Gemeinden der Propstei und in Russland auf ihr
neues russisches Gesangbuch. Was wir jetzt an Liederbüchern hier benutzen, konnte nur eine Übergangslösung sein. Lange war das umfangreiche neue Gesangbuch mit russischen Liedertexten, darunter dann einige Texte in deutsch, angekündigt. Nun ist es endlich erschienen. Ein Exemplar liegt hier in meinem Büro beim Propst auf dem Tisch.
Na und, frage ich, wann kommen die Exemplare für die Gemeinden? Antwort: Pastor, sie kommen nicht, wir brauchen 800 Stück, wir können sie aber nicht bestellen, wir haben dafür kein Geld! Das ist die traurige Antwort.
Also, was tue ich? Ich berate mich schnell telefonisch mit Winfried Gayko und Uwe Markward und wir beschließen gemeinsam: wir sammeln für diese Gesangbücher und unser Freundeskreis übernimmt die Kosten - insgesamt 2 750, - Euro - zur Verteilung in allen Gemeinden! Ich denke, alle Leser dieses Rundbriefes werden damit einverstanden sein und sicher ganz gewiß eine Spende, ihren Beitrag dafür an uns überweisen. So können in Zukunft dann endlich alle Gemeinden der Propstei in den Gottesdiensten ihre Lieder einheitlich in russischer Sprache singen. Ich finde, das ist ein wunderbares Geschenk unseres Freundeskreises. Bitte machen Sie mit, helfen Sie zum Lob Gottes!
Die Angaben stehen unten.
Dieser Bericht begann mit einem Dank und endet wieder mit einer herzlichen Bitte. Ich weiß, wir können uns auf unsere Freunde und Förderer verlassen, sie bleiben uns treu. Und wir berichten aktuell, wie die Mittel verwendet werden.

Etwas ganz Privates zum Schluß. Meine liebe Jutta erträgt meine langen Abwesenheiten immer wieder mit viel Geduld und Verständnis, danke, sonst ginge das nicht. Unsere zweite Tochter Sabine (43 J.) war mit mir im Oktober 2008 hier. Jetzt konnte ich mit unserer ältesten Tochter Ute (46 J.) und ihrem Mann Uwe hierher reisen. Beide Töchter wollten einmal sehen, wo der Vater sich so gerne und oft „herumtreibt“. Es freut einen Vater sehr, wenn sich die Kinder für seine Herkunft und sein Engagement heute in diesem Land interessieren. Es waren jeweils sehr lebendige, wichtige und eindrucksvolle Tage.

Herzlich grüße ich alle Leser von allen lieben Menschen aus der Propstei.
Der Monatsspruch vom Juli drückt aus, worum es in unserem Dienst und Glauben geht: (Phil. 3,1) Freut euch in dem Herrn! mit Loben und Danken, mit Singen und Beten, mit Reden und Tun, mit Geben und Helfen, mit Begleiten und Unterstützen, mit Besuchen und Vertretungen...

Ganz viele gute Wünsche, Ihr und Euer Thomas Passauer

Spenden für den Freundeskreis bitte an:
Kontoinhaber: Uwe Markward für Freundeskreis
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neue Kontonr.: 150 299 4823