Ausstellung "Fremdes Zuhause" in Molfsee

Liebe Listenmitglieder,

neulich hatte jemand die Ausstellung "Fremdes Zuhause" in Molfsee bei Kiel empfohlen. Unseren letzten "Heimaturlaub" in Nordfriesland haben wir genutzt, um zu Ehren unseres kürzlich verstorbenen Vaters, der aus Launau, Kreis Heilsberg stammte, diese Ausstellung zu besuchen.

Es war hochinteressant, und ich kann die Empfehlung nur weitergeben. Man kann auch das Buch zur Ausstellung kaufen inklusive DVD, es ist sehr gut gemacht. Besonders gerührt haben mich die Habseligkeiten, mit denen die Flüchtlinge in Norddeutschland angekommen sind, und die Erinnerungen an Ostpreußen. Sogar Hausschlüssel haben die Flüchtlinge mitgebracht; sie wollten wohl die Russen aussperren. In Panik und der Aufregung tut man wohl schon mal merkwürdige Dinge.

Die Ausstellung war interessant und schön, es hat mich sehr berührt. Wer Gelegenheit hat, dorthin zu gehen, sollte es unbedingt tun. Das Freilichtmuseum ist allerdings auch an sich interessant, man kann alte Bauernhäuser, eine Apotheke, eine Schule usw. besuchen. Einige Stunden muss man einkalkulieren.

Viele Grüße

Susanne (Nitsch) aus Solingen

Sogar Hausschl�ssel haben die Fl�chtlinge mitgebracht; sie wollten wohl die Russen aussperren. In Panik und der Aufregung tut man wohl schon mal merkw�rdige Dinge.

Na so ganz merkw�rdig finde ich das nicht. Ich gehe eher davon aus, da� man glaubte fr�her oder sp�ter r�ckkehren zu k�nnen.

Gru�,
Klaus (Isele)

Sogar Hausschl�ssel haben die Fl�chtlinge mitgebracht; sie wollten wohl die Russen aussperren. In Panik und der Aufregung tut man wohl schon mal merkw�rdige Dinge. .......

Hallo,
gar nicht so merkw�rdig. Im 1. Weltkrieg wurde z.B. Marggrabowa (sp�ter: Treuburg) im Herbst 1914 evakuiert und dann auch von den Russen besetzt. Meine Gro0mutter BELUSA kam bei Verwandten in der Lausitz bzw. in Berlin unter. Sie ist erst im Fr�hsommer 1915 nach Masuren zur�ckgekehrt. Nat�rlich hatte sie die Hausschl�ssel mitgenommen und ging davon aus, in nicht zu ferner Zeit zur�ckkehren zu k�nnen.
1944. Nat�rlich haben meine Gro�mutter und auch meine Mutter die Wohnungsschl�ssel mitgenommen. Man erinnerte sich ja noch an den 1. Weltkrieg und die gl�ckliche Wende.
Viele Gr��e,
Uwe (K�ster)

Liebe Susanne u.a. Listenmitglieder / Mitforscher,

bzgl. "Ausstellung 'Fremdes Zuhause' in Molfsee

... Sogar Hausschlüssel haben die Flüchtlinge mitgebracht; sie wollten wohl die Russen aussperren. In Panik und der Aufregung tut man wohl schon mal merkwürdige Dinge.

Nein, da war keine Panik - nicht bei denen, die noch den Hausschlüssel
mitnehmen konnten. Da war der Wunsch, die Hoffnung und der Glaube,
zurückkehren zu können - und die Liebe zur Heimat, zum geschaffenen
und bearbeiteten Boden, erbauten Geschäft, Haus, und zurück zu Freunden,
Verwandten und Bekannten zu kommen; Sie eines Tages wieder zu sehen.
Der Schlüssel war kein "Hausschlüssel", sondern ein Symbol der Hoffnung -
wie der Anker bei Seeleuten.

Und die Russen, die es mal so und mal so gab - wie die Deutschen u.a.
Mitmenschen, traten Türen ein, die brauch(t)en keine "Hausschlüssel" so
wie viele Menschen heutzutage immer noch nicht...
Eine offene Tür kann nie eingeschlagen oder eingetreten werden.

Ich weiß, was Du sagen wolltest und danke Dir für den Beitrag zur
Ausstellung. Hoffe, mir den Katalog bestellen zu können.

Mit lieben Gute-Nacht-Grüßen --- Gisela

Gisela Sanders schrieb:

bzgl. "Ausstellung 'Fremdes Zuhause' in Molfsee

Hallo zusammen,

wer die Ausstellung nicht pers�nlich besuchen kann, den Begleitband/Ausstellungskatalog (Gebundene Ausgabe bei Wachholtz/Neum�nster - ISBN-13: 978-3529028007) gib's �brigens auch �ber "amazon.de" inkl. DVD mit einem Film von Kay Gerdes ("Die Jahre danach") - es sind offensichtlich noch 3 Exemplare auf Lager, danach muss nachbestellt werden.
Gru� aus dem Remstal bei Stuttgart

Matthias (E. Theiner)

" Besonders ger�hrt haben mich die Habseligkeiten, mit denen die Fl�chtlinge
in Norddeutschland angekommen sind, und die Erinnerungen an Ostpreu�en.
Sogar Hausschl�ssel haben die Fl�chtlinge mitgebracht; sie wollten wohl d i
e R u s s e n a u s s p e r r e n. In Panik und der Aufregung tut man wohl
schon mal merkw�rdige Dinge."

Ich erinnere noch genau als Kleinkind mit Mutter, Bruder, Oma und Gro�tante
am 27.01.1945, einem kalten Wintertag, unser Haus in K�nigsberg-Juditten
verlassen zu haben. Nat�rlich wurde abgeschlossen und der Schl�ssel
mitgenommen. Das war eine ganz normale Handlung, wie sie beim Verlassen des
Hauses auch sonst �blich war. Dar�ber hinaus lebten die Fl�chtenden
nat�rlich nicht in einer Albtraumwelt der Merkw�rdigkeiten. Wie ich sp�ter
erfuhr, war ihnen nicht nur gegenw�rtig, dass die mit Sicherheit �ber kurz
oder lang eintreffenden Russen die T�rschl�sser zerschie�en oder die T�ren
auftreten w�rden; Berichte aus von der Roten Armee �berrannten und sp�ter
wieder kurzfristig zur�ck eroberten Gebieten verbreiteten sich schnell.
Sondern man hatte auch von Pl�nderungen verlassener Wohnungen und H�user
durch Deutsche schon vor der Besetzung geh�rt.

Man sollte auch die symbolische Bedeutung des Hausschl�ssels nicht
vergessen. Mit dem Abschlie�en von Haus oder Wohnung dr�ckte man auch aus,
dass man einem Eindringen durch Fremde nicht zustimmen, dies vielmehr als
Hausfriedensbruch betrachten wollte.

Wer sich zur Flucht entschlossen hatte (nicht alle Zur�ckgebliebenen hatten
"es nicht mehr geschafft", manche waren auch bewusst zu Hause geblieben!),
hatte in der Regel nicht mit einer unmittelbaren R�ckkehrm�glichkeit
gerechnet. Doch war unter den Heimatvertriebenen "im Westen" zun�chst
durchaus die Ansicht verbreitet, dass man eines nicht zu fernen Tages wieder
w�rde nach Hause zur�ckkehren k�nnen. Warum sonst h�tten viele schon vor der
Flucht "das gute Porzellan", das Silberbesteck und �hnliche Wertgegenst�nde
im Garten vergraben sollen, wenn es nicht den Glauben an eine R�ckkehr
gegeben h�tte? Mir ist bekannt, dass in den F�nfzigerjahren definitive Pl�ne
f�r einen (auch administrativen) Neuanfang in der Heimat gemacht wurden.

--Rolf-Peter

PS: Vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal nach dem Krieg unser Haus in
K�nigsberg wieder aufsuchen k�nnen. Und tats�chlich: Die wahrscheinlich beim
Einr�cken der Roten Armee zerst�rte Haust�r dieses Zweifamilienhauses fehlte
immer noch! Auch die urspr�nglichen Eingangst�ren zu den beiden Wohnungen
existierten nicht mehr. Sie waren durch "typisch" russische schallisolierte
T�ren ersetzt worden - mit der Isolation nach au�en!

Hallo "listige" Mitforscher/Innen,

habe heute den bestellten Begleitband (Hrsg.v. Hermann Heidrich u. Ilka E. Hillenstedt) zur Ausstellung "Fremdes Zuhause" erhalten. Die Anschaffung f�r Euro 19,80 lohnt sich wirklich wegen der reichhaltigen Bild- und Textinformationen sowie der enthaltenen DVD "Die Jahre danach" (ISBN: 978-3-529-02800-7 / Wachholtz, Neum�nster, 2009, 256 Seiten). Hier das Inhaltsverzeichnis des Buches:

- "Meine goldene Jugendzeit endete mit neun Jahren" - Fl�chlingskinder in Schleswig-Holstein
- Die schlechte Zeit und die guten Erinnerungen - Fl�chtlinge in Dithmarschen nach dem 2. WK
- Leben im Lager
- "Eine Wohnung, die man mit gutem Gewissen wenigstens eine Reihe von Jahren jedem Deutschen zumuten kann" - Die Nissenh�tten im Husumer Birkenweg
- Wohnungsbau in den 1950er Jahren
- Not der Nachkriegszeit - ... am Beispiel Stormarns
- Ein Experiment und die Folgen - ... Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie ... Trappenkamp
- Die Sprache wirkt wie ein Fingerabdruck
- Die Integration der Fl�chtlinge und Heimatvertriebenen in der Landwirtschaft
- Pommerscher Kaviar und Holsteinische Ananas - Nachkriegsern�hrung ...
- "Wir waren Fl�chtlinge, aber die Mehrheit" - Zum Strukturwandel in der Ostseefischerei nach dem 2.WK
- Brandenburg und die R�genwalder Teewurst
- Fl�chtlingsbetriebe - ... am Beispiel des Pharmaunternehmens Pohl-Boskamp in Hohenlockstedt
- Die ostpreu�ische Trakehner Pferdezucht in Schleswig-Holstein
- Die Integration der Fl�chtlinge in die evangelischen Gemeinden nach 1945
- Die Ansveruswallfahrt bei Ratzeburg
- Zur musealen Aneignung verlorener Heimat in ostdeutschen Heimatstuben

Vielleicht ist es eine Anregung f�r alle, die diese Zeit selbst erfahren haben, und f�r die Nachkommen, die sich �ber eine Zeit informieren wollen, die inzwischen mehr als 50 Jahre zur�ckliegt (habe selbst mit dem Vertrieb des Buches nichts zu tun !).

Herzliche Gr��e aus dem Remstal bei Stuttgart

Matthias (E. Theiner)

Guten Morgen Matthias,
da Du ja leider in der famint-Liste <http://www.LinkHitList.com/cgi/LHL_D.exe?G2L&LinkNo=1655377&ListNo=66618&gt; nicht teilnimmst, w�rde ich gern Deinen Hinweis hier einsetzen. Bitte teile mir Deine Zustimmung mit. Hast Du die Bestellung beim Verlag oder bei der Ausstellung vorgenommen? Wieviel Versandkosten kommen noch dazu?
Dank im voraus und viele Gr��e
Joachim (Rebuschat)

Matthias Theiner schrieb: