Lieber Klaus-Dieter Vietze,
es freut mich außerordentlich, daß sich jemand bei mir meldet, dessen
Vorfahren vor 1945 vermutlich in Wehrau Kreis Bunzlau gewohnt haben.
Ich habe sehr wohl Erkenntnisse über den Treck, der am Sonntag
dem 11. Februar 1945 aus Wehrau losging - Ankunft im Kreis Bayreuth
Donnerstag, den 15. März 1945:
Ich selbst war mit meinen Eltern und den Großeltern väterlicherseits
mit auf diesem Treck von Wehrau in den Kreis Bayreuth.
Mein Vater Artur Tzschoppe, der wegen einer Kreissägenverletzung an
der rechten Hand (zwei Finger abgesägt und die übrigen angesägt)
nicht schießen konnte, war deswegen nicht zum Krieg eingezogen worden.
Deshalb wurde er wie einige andere daheim gebliebenen für die Nacht
von Samstag, 10.2.1945 auf Sonntag, 11.2.1945 zur Bewachung der
Queis-Brücke zwischen Wehrau und Klitschdorf eingeteilt. Bei dieser
Brückenwache erzählte ihm der andere Bewacher, daß am Sonntag
ein Treck von der Pappenfabrik eingesetzt wird. Wer mitfahren wolle,
müsse sich bis 7.00 Uhr oben bei der Straße an der Abzweigung zur
Pappenfabrik einfinden. Mein Vater ist nach Beendigung seiner Wache
gleich nach Hause gerannt, hat seine Frau verständigt, daß sie das
Nötigste einpackt und ist dann gleich zu seinen Eltern gegangen, die
im Wehrauer Schloßhof eine Dienstwohnung hatten, und hat ihnen auch
Bescheid gesagt. Es wurden noch schnell die Kühe und Hühner versorgt
und die vorhandenen Lebensmittel versteckt, damit wir was zu Essen
haben, wenn wir wieder zurück kommen. Alle waren damals der Meinung,
daß wir uns nur für den Fall von Kriegshandlungen im Gebiet von Bunzlau
in Sicherheit bringen müssen und danach wieder heim kehren. So wurde es
den Bewohnern auch von den Bürgermeistern und allen, die was zu sagen
hatten, beigebracht. Der Bruder meines Vaters befand sich im Kriegs-
einsatz. Seine Familie (Frau und 5 Kinder), die damals in dem Wehrauer
Ortsteil Kalkbruch wohnten, fuhren nicht mit. Ich weiß aber nicht, ob sie
nicht mitfahren wollten oder wegen der Zeitknappheit nicht mehr verstän-
digt werden konnten.
Als Fahrzeug wurde eingesetzt eine Art Traktor mit Holzgas-Antrieb
und zwei Anhängern mit Plane. Wer der Fahrer war, weiß ich leider
nicht. Das Zugfahrzeug war an Hängen zu schwach, um beide Anhänger
gleichzeitig hoch zu ziehen. Deshalb wurde immer erst ein Anhänger hoch
gefahren, dann abgekoppelt und der zweite Anhänger geholt. Mein Vater
war als Treck-Begleiter eingeteilt und außerdem noch Herr Gerhard Vietze,
der mit seiner Frau Meta mitfuhr. Es gab damals ein Gesetz, daß Treck-
Begleiter so lange dieser Treck dauert, nicht mehr zum Kriegsdienst einge-
zogen werden dürfen.
Das Zugfahrzeug hatte aber auch so seine Tücken. Einmal ging irgend etwas
kaputt, was vom Fahrer und den zwei Begleitern repariert werden mußte.
Ein andermal war die Holzkohle alle und es mußte erst wieder Holz klein
gemacht werden. Zu allem Überfluß wurde der Treck auch mehrfach von
Flugzeugen aus beschossen. Da hieß es dann, schnell runter von den hohen
Anhängern und ab in Flachlage in den Straßengraben.
Die Übernachtungen erfolgten teilweise in Schulen und Sälen auf Strohlager
und teilweise in Form von einer Einweisung bei Privatleuten. Manche von diesen
Privatleuten waren sehr nett und entgegenkommend, andere dagegen extrem
unfreundlich. In jeder Station gab es Brot und die Mütter erhielten für ihre
Kinder Milch. Mein Vater hatte sein Fahrrad dabei (es war außen am Traktor
befestigt) und er ist dann damit immer vorausgefahren und hat den Treck bzw.
die Personenzahl angemeldet, wenn wir in die Nähe des geplanten Zieles
kamen.
Es bestand eine fest vorgeschriebene Fahrtroute, ich weiß aber leider nicht,
von wem die kam. Eines unserer Ziele war auch Dresden. Wir wären genau in
der Nacht des großen Angriffes dort gewesen. Gott sei Dank war aber am vor-
hergehenden Unterkunftsort wieder mal mit den Fahrzeug was nicht in Ordnung,
so daß sich die Abreise verzögerte. Bei der Weiterfahrt haben wir dann einen
großen Bogen um Dresden gemacht. Das Fluchtziel Kreis Bayreuth stand von
Anfang an fest.
Nach dem Tod meiner Großmutter habe ich in ihren Unterlagen einen Notiz-
zettel gefunden, auf dem die Daten und Ziele des Trecks vermerkt sind und
zwar:
Sonntag, 11.2.1945 FAHRT von Wehrau nach Rauscha
11. - 12.2.1945 Übernachtung in Rauscha
Montag, 12.2.1945 FAHRT von Rauscha über Niesky nach Klitten
12. - 15.2.1945 Übernachtung in Klitten
Donnerstag, 15.2.1945 FAHRT von Klitten nach Hoyerswerda
15. - 17.2.1945 Übernachtung in Hoyerswerda
Samstag, 17.2.1945 FAHRT von Hoyerswerda nach Bautzen
Zwischen Hoyerswerda und Bautzen ist
auf dem Zettel noch Tiendorf vermerkt -
ich finde diesen Ort aber nirgends.
17. - 20.2.1945 Übernachtung in Bautzen
Vermerk: abgebrannt Gut
20. - 21.2.1945 Übernachtung in Sornitz (nicht gefunden)
Mittwoch, 21.2.1945 FAHRT von Sornitz über Oschatz nach Rochlitz
21.2. - 5.3.1945 Übernachtung in Rochlitz
Montag, 5.3.1945 FAHRT von Rochlitz nach Planitz bei Zwickau
5. - 15.3.1945 Übernachtung in Planitz bei Zwickau
Donnerstag, 15.3.1945 FAHRT von Planitz bei Zwickau
über Ebenreuth nach Altenplos.
Den Ort Ebenreuth vor Altenplos habe ich
ebenfalls nicht gefunden.
Bitte schreiben Sie mir doch mal, welche Verbindung Sie nach Wehrau oder
Klitschdorf haben.
Mit freundlichen Grüßen
Ingeborg Thaufelder geb. TZSCHOPPE