Altländer Tageblatt 28.03.2014. Opfer fordert Gerechtigkeit

Altländer Tageblatt 27.03.2014
Opfer fordert Gerechtigkeit
Armando Tincani (76) verliert beim Wehrmachtsmassaker von Monchio am 18. März 1944 seinen Vater
Vor 70 Jahren töteten Soldaten der deutschen Wehrmacht in einem Weiler bei Monchio seinen Vater Ennio (36 Jahre) und steckten das Haus der Familie in Brand. Er war ein einfacher Bauer und kein Widerstandskämpfer. Sie schoosen ihm in den Kopf – vor meinen Augen, sat Armando Tincani (76) und ringt sichtlich mit der Fassung. Er ist einer der Überlebenden des Massakers vom 18. März 1944. Auf ihrem Rückzug hinterließen Soldaten der Fallschirm-Panzer-Division – Hermann Göring – eine blutige Spur. Einer von ihnen war Alfred L. (89) aus Harsefeld.
Im Buxtehuder Kulturforum am Hafen hat sich der Zeitzeuge am frühen Donnerstagabend an diesen Tag erinnert. 136 Zivilisten starben im Bergdorf Monchio und in der Umgebung. Dieses liegt zwischen Modena und der Reggio Emilia in Oberitalien. Es war ein sehr trauriger Tag für das Dorf, sagt der 76-Jährige. Gegen sechs Uhr morgens hätten die deutschen Truppen begonnen, das Dorf und die Weiler von der gegenüberliegenden Flusseite aus mit schwerer Artillerie zu beschießen. Dabei orientiertn sich die Soldaten an der Kirche.
Dann seien die Truppen von Haus zu Haus vorgerückt. Sie hätten auf bestialische Weise getötet, unter anderem einer schwangeren Frau den Bauch aufgeschlitzt. Jugendliche, die aus einem brennenden Heuschober flohen, stellten sie an die Wand. 70 Menschen wurden mittags auf dem Kirchplatz in Monchio erschossen. Es waren Zivilisten, keine Partisanen.
Im Keller ihres Hauses habe seine Mutter mit ihm und dem kleine Bruder Schutz gesucht. Als der Vater bemerkte, dass ihre Scheune in Flammen stand, seien sie zum Nachbarn gerannt, um dessen Kühe loszubinden. Auf dem Gehöft liefen sie einfachen Soldaten und einem Offizier in die Arme. Drei oder vier umringten den Vater und schossen ihm in den Kopf. Er starb mit 36 Jahren. Das Bild quäle ihn bis heute.
Man erträgt es, sagt Tincani. Er war damals sechs Jahre alt. Wir waren verzweifelt, wir verloren Vater und Lebensgrundlage. Soldaten steckten das Haus an. Auch Onkel und Großonkel seien getötet worden, vorher mussten sie die Kriegsbeute aus gebrandschatzten Häusern zum Sammelplatz der Einheit ragen.
Die Dorfgemeinschaft wurde über Italien zerstreut. Erst der Prozess gegen Alfred L. und die anderen Kriegsverbrecher hätte die überlebenden Opfer und ihre Familie wieder zusammengebracht. Es war ihnen wichtig, die ganze Geschichte zu sammeln. Erst dadurch erfuhren sie, welche Einheit in der Reggio emilia gewütet hatte, und mit den Namen bekamen die Kriegsverbrecher und Mörder der Verwandten und Freunde wieder ein Gesicht.
Wir hatten endlich Klarheit. Und durch das Urteil 2011 wurde das Massaker offiziell als Kriegsverbrechen gebrandmarkt, sagt Tincani. Trotz alledem verspüre ich keinen Hass. Vergebung habe in seiner katholischen Erziehung eine große Rolle gespielt. Ich glaube, ich kann es nicht. Die Täter zeigen keine Reue, sie sind nicht an einer Aufklärung interessiert. Es sei beschämend, dass der Korpseist bis heute anhält, sagt Sohn Roberto Tincani.
Es sei ihm unverständlich, warum in Italien rechtskräftig verurteile Mörder und Kiregsverbrecher nicht auch in Deutschland von der Justiz zur Rechenschaft gezogen würden. Schließlich handelt es sich bei ihnen nicht um liebe alte Herren, sondern um alt gewordene Verbrecher.
Jeder müsse für seine Taten die Verwantwortung übernehmen, auch der Ex-Feldwebel Alfred L. (89) und Kameraden. Die Division war geprägt von Brutalität und starker Bindung an die nationalsozialistische Ideologie. Die deutsche Justiz müsse endlich handeln. Es gehe um Gerechtigkeit, nicht um Rache.
Die Tincanis sind, wie das höchste italienische Gericht vor einigen Tagen, aufgrund sichergesteller Tagebücher (blutige Rache) und der Telefonüberwachung (Wir haben Frauen und Kinder erschossen, wir haben ohne Unterschied alles niedergemacht) von L.s Schuld überzeugt. Geschichte werde nicht im Gerichtssaal entschieden. Deshalb hoffen sie, dass die jüngeren Generationen die Erinnerung wach halten. Die Opfer fordern Entschädigungsstätten, Begegnung und Forschungsprojekte.
Dass der deutsche Konsul sich beim Gedenken in Monchio vor den Opfern verneigt habe, war ein wichtiger Schritt. Jeder sollte nach der Maxime eines von den Nazis ermordeten Priesters aus Reggio Emilia handeln. Rede, arbeite und tue was für die Wahrheit, die Gerechtigkeit und den Frieden.